Helmut Newton - Koblenz

Selbsternannter Feminist

Für Alice Schwarzer war er ein frauenfeindlicher Sexist, er selbst sah sich als Feminist und Voyeurismus war für ihn keine Sünde. Das Ludwigsmuseum in Koblenz widmet dem deutsch-australischen Akt- und Modefotografen Helmut Newton die Ausstellung "Some like it nude".

Hört man den Namen "Helmut Newton", muss man unweigerlich an Alice Schwarzer denken, so sehr ist ihre Kritik an dem Newtonschen Werk in den Köpfen der Republik verankert. Als "pornografisch", "faschistisch" und das "Untermenschentum der Frauen" propagierend hatte sie seine Fotografie bezeichnet, worauf Newton nur mit Verachtung reagierte.

Er selbst befand – wovon sein Selbstporträt "Me & Courbet" vor jenem berühmten Meisterwerk zeugt –, dass seine Werke nicht weniger ihre Daseinsberechtigung hätten als Gustave Courbets "Ursprung der Welt" von 1866, das damals ebenfalls die Stimmen der Kritiker zum Überschwellen brachte.

Längst sind Newtons Fotografien, die bis heute nichts an ihrer Genauigkeit und oberflächlichen Provokanz eingebüßt haben, in der Kunst anerkannt. Das beweist nicht zuletzt die Ausstellung "Some like it nude" im Ludwigmuseum in Koblenz, die mit 70 repräsentativen Arbeiten aus seinem Werk beweist, dass man Newton tatsächlich missverstehen kann – wenn man will. Doch muss man dazu der sexuellen Darstellung von Frauen generell negativ gegenüber eingestellt sein und deshalb auch den Symbolgehalt der Bilder übersehen. Wie bei "Domestic Nude", auf dem eine herrische, barbusige Frau, in High-Heels und mit Zigarette in der Hand, nackt und überlegen in der Küche steht und somit das Klischee des Weibchens am Herd widerlegt, oder bei "Venus im Pelz", auf dem eine Charlotte Rampling ihre Beine in dominanter Haltung auseinanderspreizt und dabei mit kühlem, forderndem Blick Verführerin, nicht Verführte ist. Für Schwäche hatte Newton nichts übrig – für Voyeurismus dafür sehr wohl.

Er, der sich von Macht – ob politisch, finanziell oder sexuell – angezogen fühlte und sie thematisierte, stellte Frauen nie als Opfer dar. Selbst in Situationen der augenscheinlichen Unterwerfung waren sie es, die Haltung, Würde und letztliche Kontrolle behielten, für die Macht in der Ohnmacht nichts als ein Spiel war. Das dominante Geschlecht ist bei Newton zweifellos das weibliche – ob "Arielle", die frech und mit vulgärer Frivolität ihre nackten Brüste in die Kamera hält und keinen Zweifel darüber lässt, dass sie sagt, wo es langgeht, und ihre Zigarette am Rücken ihres Liebhabers ausdrücken wird, wenn ihr danach ist. Oder seine Fotografie für die amerikanische "Vogue", auf der eine junge, selbstbewusste Frau in einem Restaurant in Monaco in aufrechter Haltung ungeniert trinkt und sich dabei nicht darum schert, dass ihr linker Busen aus dem Kleid gerutscht ist – als ob Nacktheit für sie das Natürlichste und Selbstverständlichste wäre. Männer agieren im Werk des selbsternannten Feministen wenn überhaupt dann nur als Nebenobjekte. Provozierende Grenzüberschreitungen sind gewollt und auf die Spitze getrieben. Dabei sind die Models in ihrer Nacktheit übernatürlich glatt dargestellt und dadurch austauschbar. Newton hielt seine Fotografien rätselfrei: "Es gibt keine Innenseite meiner Bilder".



Helmut Newton


1920 als Helmut Neustädter in Berlin geboren, gab sich Newton bereits als Zwölfjähriger der Fotografie und der weiblichen Schönheit hin. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft flüchtete er 1938 vor den Nazis nach Singapur, wo er seine letzten fünf Dollar in einem Bordell ausgab und alsdann für ein Jahr zum Gigolo einer doppelt so alten Frau wurde, ehe er weiter nach Australien ging. Dort heiratete er 1948 die Schauspielerin und spätere Fotografin June Brown alias Alice Springs, mit der er bis zu seinem Tod 2004 eine "Liebesaffäre" hatte und eine offene Ehe führte. 1956 dann ging es zurück nach Europa, wo er und June sich ohne Geld dem Glamour hingaben – "Und zur rechten Zeit ... ist mir für meine Modefotos etwas Neues eingefallen: Sex." Als Fotograf der australischen "Vogue" und nach und nach auch mit Modestrecken in der französischen, amerikanischen, deutschen und italienischen Ausgabe des Magazins vertreten, stieg er in den Fotografenolymp auf. Seine Fotografie, die von weiblicher Nacktheit und Dominanz lebt und in der High-Heels und Pelz ihren erotischen Charakter neben Peitsche und Fesseln entfalten, machte ihn zu einem der begehrtesten Mode-, Porträt- und Aktfotografen der Welt und bescherte ihm Tagesgagen von bis zu 50 000 Dollar.

Helmut Newton – Some like it nude

Termin: bis 11. August, Ludwigsmuseum, Koblenz
http://www.ludwigmuseum.org/ausstellung/aktuell.htm

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