Guy Bourdin - Hamburg

Der Zurückhaltende

Helmut Newton mag bekannter sein, aber Guy Bourdin revolutionierte die Modefotografie. Die Deichtorhallen wollen mit einer Retrospektive jetzt den Franzosen dem breiten Publikum bekannt machen.

Als Guy Bourdin das Meer nicht blau genug war, schickte er sein Team los: mit Farbe sollte dem Meerwasser nachgeholfen werden.

Vergeblich: Die Farbe verschwand im Wasser, das Foto war Geschichte und der Tag ein einziger Verlust. Für Bourdin ebenso wie für die britische "Vogue". Doch blieb dieses Ereignis eine der wenigen Katastrophen im Schaffen von Guy Bourdin (1928 bis 1991). Denn mit seinen auch sonst hohen Ansprüchen schuf er provokante und eindringliche Bilder. Guy Bourdin war der erste Modefotograf, der mit seinen Bildern mehr als bloße Produktbeschreibung erzählen konnte.

Das war schon bei seinem ersten Auftrag so: Durch seinen Mentor Man Ray vom Surrealismus inspiriert, bewirbt sich Bourdin mit Rückansichten nackter Männer und Frauen bei der französischen "Vogue" und erhält direkt einen Auftrag. Bourdin lichtet ein Model vor hängenden Rinderköpfen ab, Hut und Handschuhe, die eigentlichen Produkte, geraten in den Hintergrund und werden Teil einer Geschichte. Zahlreiche Leser melden sich bei der "Vogue" mit entrüsteten Leserbriefen oder kündigen ihr Abonnement.

Die Kuratoren Ingo Taubhorn und Samuel Bourdin, der Sohn Guy Bourdins, präsentierten am Donnerstag in den Deichtorhallen die weltweit erste Retrospektive von Bourdins Gesamtwerk.
Die Ausstellung beginnt chronologisch und widmet sich zuerst Bourdins Malerei und den kleinformatigen Schwarzweißfotografien. Anschaulich wird seine Modefotografie mit den frühen Werken in Verbindung gebracht. So greift er zum Beispiel den camouflageartigen Hintergrund seines Gemäldes "Lela or unmasked women" in einigen unbetitelten Modefotografien auf.

Bourdins Markenzeichen sind erotische und gewalttätige Posen: Selten sind die Körper seiner Modells ganz zu sehen, oft nur ein Paar Beine mit High Heels. Die Bilder umgehen gesellschaftliche Normen und konfrontieren den Betrachter mit den Tabus seiner Zeit. Die Posen spiegeln den Einfluss der damaligen Surrealisten wieder, aber auch die eigene Lebensgeschichte: Von der Mutter nach der Geburt verlassen, wuchs Guy Louis Banarès bei Maurice Désiré Bourdin auf. Seine eigene Familie verließ er Anfang der siebziger Jahre, kurz nach der Geburt seines Sohnes. In den folgenden Jahren starben zwei seiner Geliebten tragisch. Diese Erlebnisse verarbeitet Guy Bourdin eindrucksvoll in seinen Werken.

Kurator Ingo Taubhorn verbleibt beim Versuch, die Strahlkraft Guy Bourdins sichtbar werden zu lassen, nicht ausschließlich bei dem Werk des Fotografen. Vielmehr werden mit Hilfe der Stiftung F.C. Gundlach Werke von Künstlern wie Man Ray und Edward Weston den Arbeiten Guy Bourdins gegenübergestellt. Verglichen werden auch Werke von Künstlern, die sich parallel zu Bourdin hervorgetan haben. So zum Beispiel Charles Wilp, Deborah Turbeville oder Helmut Newton. Der Einfluss Bourdins auf die moderne Modefotografie ist in den meisten Bilder heutiger Mode– und Werbefotografen zu sehen. Ob in der Zeitschrift "Harper's Bazar" oder in den Arbeiten von David LaChapelle und Tim Walker.

Die Arbeiten von Guy Bourdin werden von der Allgemeinheit bis heute weitaus weniger wahrgenommen als beispielsweise das Werk von Helmut Newton: Schuld ist bis heute Guy Bourdins extreme Zurückhaltung. Als ein Sammler ihm einmal einen Blankoscheck, mit der Bitte, einige seiner Werke kaufen zu können, zusandte, zerriss der Franzose den Scheck und kümmerte sich nicht weiter darum. Es wäre ein Wunder, wenn Samuel Bourdin das jetzt nicht ändert.

GUY BOURDIN RETROSPEKTIVE

Haus der Photographie, Deichtorhallen
bis 26. Januar 2014
http://www.deichtorhallen.de/index.php?id=352

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