Fred Stein - Berlin

Streben nach Wahrhaftigkeit

Fred Stein fotografierte Paris im Nebel und Menschen auf der Straße. Jetzt zeigt das Jüdische Museum in Berlin seine Streifzüge mit der Leica.

Albert Einstein mit freundlichem Dackelblick, die glamouröse Marlene Dietrich, ein fragil-verklärt wirkender Bertolt Brecht – der Fotograf Fred Stein (1909 bis 1967) hatte sie alle fotografiert, sensibel, prägnant, gefühlvoll.

Eines seiner Modelle war Willy Brandt, den Stein als Flüchtling vor dem totalitären Nazi-Regime kennengelernt hatte. Beide wollten es mit ihren ziemlich bescheidenen Mitteln bekämpfen, so Brandt, der Stein sehr avantgardistisch nannte, einen brillanten Fotografen, dessen Bilder widerspiegelten, dass er vom Streben nach Gerechtigkeit und Bedacht auf Wahrheit inspiriert wurde.

Dieses Streben nach Wahrhaftigkeit kommt vor allem in Steins Street Photography in den Metropolen Paris und New York zum Ausdruck: 130 Schwarzweißaufnahmen sind nun im Jüdischen Museum zu sehen, zum ersten Mal in Deutschland. In den Großstadtstraßen fotografierte Stein mit der Kleinbildkamera Leica die Bewohner bei ihren alltäglichen Verrichtungen: in New York spielende Kinder, Jugendliche an einem Coca-Cola-Automaten, Passanten vor dem Marquee-Club auf der 10th Avenue oder eine Frauenclique, die rauchend in Little Italy Selbstbewusstsein demonstriert, in Paris einen Flic, der einen Strafzettel ausschreibt, oder einen alten Mann mit Krückstock, der erschöpft in einer Fensternische zusammengesunken ist. Ähnlich wie sein berühmter Kollege Brassaï (1899 bis 1984) interessierte Stern aber auch die geheimnisvolle, dunkle Seite der Großstadt – das magische Spiel von Licht und Schatten, die schimmernden Reflexe auf düsterem Asphalt, die poetische und zugleich bedrohliche Atmosphäre nebliger Nächte.

In Dresden als Sohn eines Rabbiners geboren, flüchtete Stern bereits 1933 nach Paris, wo er 1939 von den deutschen Besatzern interniert wurde. 1941 emigrierte er nach Amerika. Dort dokumentierte er das Leben von der feinen Fifth Avenue bis ins finsterste Harlem – immer schnell und unaufdringlich und absolut authentisch. Die Berühmtheit von Brassaï hat Fred Stein zwar verdient, aber nie erreicht – jetzt ist Gelegenheit, ihm zur längst fälligen Popularität zu verhelfen.

Im Augenblick – Fotografien von Fred Stein

Berlin, Jüdisches Museum, bis 23.3.14

Der Katalog ist im Kehrer Verlag erschienen, er kostet 49,90 Euro
http://www.jmberlin.de/main/DE/01-Ausstellungen/02-Sonderaustellungen/2013/fred_stein.php