Gary Winogrand - New York

Der Student Amerikas

Der klare Blick auf Amerika im Wandel prägte Garry Winogrands Arbeit und macht den Fotografen heute wieder spannend – für ein Amerika, das so zerrissen ist wie nie zuvor.

Garry Winogrand ging es nicht darum, die Welt zu inszenieren, zu kommentieren oder vielleicht sogar einen besseren Ort aus ihr zu machen.

Der Fotograf hielt fest, was sich vor seinen Augen ereignete. Mit seiner Kamera begab er sich mitten in das Geschehen. Der 1984 im Alter von 56 gestorbene Winogrand bewunderte Walker Evans und fiel in die Zeit von großen Fotografen wie Diane Arbus, Lee Friedlander oder Robert Frank. Die Anerkennung, die seine berühmten Kollegen bekamen, blieb jedoch aus. Nicht zuletzt, weil der unkonventionelle Winogrand in den siebziger Jahren dazu überging, eine Filmrolle nach der anderen zu belichten, ohne sich jemals seine Bilder anzugucken.

Die Auswahl überließ er anderen, die für ihn seine Fotos druckten und Bücher und Ausstellungen zusammenstellten. Als er unerwartet in einer alternativen Klinik in Mexiko starb, hinterließ Winogrand mehr als 6000 Rollen nicht entwickelten Films. Zu Winogrands Fans zählten John Szarkowski, der damalige Kurator für Fotografie am Museum of Modern Art, der sich des Bilderfundus' annahm und Prints von Bildern erstellen ließ, die Winogrand niemals zu Augen bekommen hatte.

56 dieser Fotos sind Teil der Ausstellung am Metropolitan Museum. Es beginnt mit Momentaufnahmen aus New York, als der neue Wohlstand mit Pelzstola oder im Business-Anzug über Manhattans Straßen flanierte. Als optimistische Zeiten herrschten, die Menschen noch an Politik glaubten und das Leben nach der Wirtschaftskrise feierten. Sie bummeln an Schaufenstern vorbei. Sie lassen sich auf Parties berauschen. Manchmal erwischt Winogrand sie bei einem Lachen, das zu angestrengt ist, um echt zu sein. Oder das wie bei der Dame, die im New Yorker Nachtclub El Morocco tanzt, hysterisch und teuflisch wirkt. Die ältere Generation setzt auf Korrektheit. Der Perlenschmuck ist teuer, die Haare sind in perfekte Locken gelegt. Während in der jungen Generation schon mal der Träger von einer Schulter rutscht.

In den sechziger Jahren verlor Winogrand mit der Kuba-Krise den Glauben an die Politik. Er verurteilte den Vietnam-Krieg und weigerte sich zu wählen. Seine Bilder wurden persönlicher und ernsthafter. Die Schnappschüsse, die er in New York, Chicago oder Los Angeles von Menschen machte, zeigen erschöpfte Frauen im Bus, das Leben in den amerikanischen Vorstädten, den Zirkus von politischen Veranstaltungen, Paraden, Motels oder Stripclubs und die Verlierer der Gesellschaft. Eines der bekanntesten Bilder von Winogrand ist das eines attraktiven Paares von 1967, das durch den Zoo im New Yorker Central Park läuft. Der Mann ist ein Afro-Amerikaner in einem schicken Anzug, die Frau ist weiß. Beide tragen jeweils einen angekleideten Schimpansen auf ihrem Arm, der sich wie ein Kind bei seinen Eltern festhält. Der junge Mann betreute Tiere im Zoo, was der Betrachter des Bildes natürlich nicht wissen kann. Das Foto steht einfach da wie ein bitterböser rassistischer Witz.

Winogrand sah sich selbst als Student seines Landes, der zu verstehen versuchte, wer die Amerikaner sind und wie sie fühlen, indem er festhielt, wie sie aussahen. Viele seiner Fotos haben nicht die Kraft, für sich allein zu stehen. Winogrand folgte keiner künstlerischen Vision. Die Komposition seiner Bilder fällt gern auseinander. Denn die Momente, die Winogrand einfing, sind meist so chaotisch wie das Leben. ”Die Thematik ist interessanter als das Bild”, sagte der Fotograf 1977 vor einer Runde Studenten an der Rice University in Texas. ”Und das ist letztlich das Problem.”

Garry Winogrand

Metropolitan Museum, New York
bis 21. September

http://www.metmuseum.org/exhibitions/listings/2014/garry-winogrand