Michael Kerstgens - Interview

Der einzelne spielt keine Rolle

Der Streik der Bergarbeiter legte 1984 Großbritannien lahm – der Fotograf Michael Kerstgens war dabei. Jetzt hat er seine Freunde von damals wieder fotografiert.
30 Jahre Bergarbeiterstreik:Michael Kerstgens fotografiert damals und heute

Spud Marshall mit Enkelin Carla, Rimington Road, Wombwell, 1985

Als Student in den achtziger Jahren begleitete Michael Kerstgens die Familie von Spud Marshall mit der Kamera durch den großen britischen Bergarbeiterstreik.

Die Proteste von 1984 markierten den Beginn der Liberalisierung und Privatisierung der Wirtschaft im Vereinigten Königreich. 30 Jahre später erfährt der Fotograf durch Zufall vom Tod der Ehefrau Spuds. Kerstgens gräbt seine allererste Fotoreportage aus, besucht und fotografiert erneut die Orte des Geschehens. Aus alten und neuen Bildern entsteht das Buch "Coal not Dole", ein eindrucksvolles Zeitdokument, das in Großbritannien als intime Studie der Bergarbeiterfamilie Marshall und ihres persönlichen Umfeldes große Aufmerksamkeit erregte.

Zwischen dem ersten Teil des Buches, das den Bergarbeiterstreik 1984/1985 zeigt und dem zweiten Teil, der 2012 aufgenommen wurde, scheinen nicht bloß 30 Jahre zu liegen, sondern Welten.

Das sind zwei Welten, ja klar. Man kann sagen: eine verlorene Welt und eine zeitgenössische. Die zeitgenössische ist eher eine Welt, die für viele Regionen in Europa steht, wo die verlorene Welt nicht mehr vorhanden ist. Im Ruhrgebiet, wo ich aufgewachsen bin, gibt es immerhin noch Zeugen dieser Welt: identitätsstiftende Denkmäler, wie die ehemaligen Fördertürme, die ja oft stehen blieben. Das Bekenntnis zur Vergangenheit ist sichtbar. Der größte Schock in England war, dass es diese Bekenntnisse dort nicht mehr gibt. Die Monumente der heutigen Zeit sind dort die Malls und Einkaufszentren wie Walmart oder Tesco.

Der Bergbau ist quasi ausgelöscht?

Er ist nicht mehr sichtbar. Und damit wurden die Menschen ihrer Identität beraubt. In Großbritannien gibt es praktisch keine Zechen mehr. Ich glaube es sind nur noch vier. Der entscheidende Punkt aber ist, dass der britische Bergarbeiterstreik von 1984 den Beginn der Deregulierung der Märkte markiert. Und das ist in einer Radikalität passiert, die damals niemand vorhersehen konnte. 

Marsha Marshall, die Ehefrau von Spud, beschreibt in einem Brief, der auch in Ihrem Buch abgebildet ist, sehr eindrücklich die düsteren Zukunftsaussichten, sollte der Streik verloren gehen.

Marsha Marshall hat schon damals ein besonders Bewusstsein für die Situation gehabt: eine Frau die sich, praktisch ohne Bildung, in Rom vor tausende Gewerkschafter stellt und mit einer Weitsicht Sachen sagt. Das zeigt, was für eine ausgeprägte Identität die Menschen hatten – ein proletarisches Bewusstsein. Es war ja keine schöne, sondern sehr harte Arbeit – jenseits der Folklore, die sich im Ruhrgebiet entwickelt hat.

Wie kam es jetzt, fast 30 Jahre später, zur Veröffentlichung der Geschichte? Lag sie die ganze Zeit im Schrank und Sie haben sie jetzt erst wieder rausgeholt?

Ja und nein: Die Arbeit war immer präsent für mich. Aber heute, nach der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise, war die Zeit auch reif. Und die britische Gesellschaft war nach 30 Jahren wohl auch reif, sonst wäre das Buch in Großbritannien nicht so aufgenommen worden. Ich wusste damals schon, trotz meiner geringen Erfahrung als Fotograf, dass ich da etwas Besonderes gemacht hatte. Es ist bis heute meine Messlatte, und es war mein Eintritt in die professionelle Fotografie. Vorher wollte ich Illustrator werden. So kam ich völlig unvoreingenommen dorthin und habe mich auf die Menschen eingelassen. Man kann nur soviel von einer Geschichte mitbringen, und ich sage bewusst nicht rausholen, wie man bereit ist, von sich selber einzubringen. Ich bin da nicht als Fotograf hingefahren, sondern habe Empathie empfunden und mit ihnen gelebt.

Der radikale Wandel der Arbeitswelt in Großbritannien hat fotografisch bemerkenswerte Spuren hinterlassen. Man denke nur an Paul Graham, Julian Germain oder auch die frühen Sachen von Martin Parr. Das ist in Deutschland nicht so zu beobachten gewesen.

Ich habe ja im Ruhrgebiet gelebt, aber ich hätte es in Deutschland so nicht fotografieren können. Das Wesentliche bei solchen Projekten, ist die Fokussierung. Zumindest für mich, für meine Persönlichkeit und Arbeitsweise. Ich habe es 1987 beim Stahlarbeiterstreik in Rheinhausen versucht, Rheinhausen lag vor der Tür, aber es ging nicht. Ich brauche die totale Fixierung. Schlafen, frühstücken, essen mit denen, saufen mit denen, einkaufen, mit ihnen Freunde besuchen: da sein, permanent, sich zu 100 Prozent auf die Menschen einzulassen. Das ging in Deutschland nicht. Dazu lasse ich mich viel zu leicht ablenken. Vielleicht war aber auch der Abstand zum britischen Bergarbeiterstreik noch zu frisch.

Könnte man das Buch ja auch als erweitertes Familienalbum von Spuds Familie sehen? Die Komplexität des sozialen Alltags, die nicht Teil der bekannten Nachrichtenfotos waren, ist für mich eine entscheidende Qualität ihrer Arbeit.

Das meine ich auch. Ich habe diese zwei, drei Bilder, wo es die Auseinandersetzungen mit der Polizei gibt. Die sind wichtig, auch um die restlichen Bilder in den historischen Kontext zu rücken. Aber der Kern der Arbeit ist wirklich wie ein Familienalbum. Die partizipierende Fotografie, also nicht irgendwo "draufschauen", sondern teilnehmen, das ist für mich eine Haltung, die sich aus diesem Projekt entwickelt hat.

Das familienalbumartige, wenn man es so nennen will, war für viele heutige Betrachter neu, ein Blick durch ein anderes Fenster. Ich fand es sehr schön, was meine Bilder bei der Ausstellung in Barnsley im März nochmals für Diskussionen ausgelöst haben. Selbst Befürworter der damaligen Politik sagten mir: So haben wir das noch nie gesehen. Es gibt diese bekannte Ikonographie des Streiks als Schlachtengemälde. The Battle of Orgreave: der Bergmann mit der Kinderbobbymütze vor dem richtigen Bobby, die Streikposten und so. Viele haben durch meine Bilder gemerkt, dass dahinter Familien, eine gewachsene Gemeinschaft stand. Das sieht man den Bildern einfach an, die Verzweiflung. Das meine Fotografien diese Reaktionen ausgelöst haben, hat mich am meisten gefreut.

Die Tragik ist, dass die menschliche Dimension im damaligen Nachrichtenfluss untergeht und die Dimension des Ereignisses erst sichtbar wird, wenn bereits alles zu spät ist.

Der Einzelne, oder die vielen Einzelnen, spielen unter ökonomischen Gesichtspunkten keine Rolle. Das ist ja auch das Problem, das wir heute haben. Die Wirtschaft ist auf andere Fragestellungen konzentriert. Aber was meine Arbeit in der Nachbetrachtung ausmacht, ist, dass heute Leute verstehen, was damals passiert ist.

Gab es denn Kontakt mit Spud zwischen 1985 und 2012?

Wir haben keinen Kontakt gehabt während dieser Zeit. Beziehungsweise wir haben nicht kommuniziert. Der emotionale Kontakt, in einem, der war immer da. Sowohl für mich über die Bilder, aber ich als Person, mit dem was ich gemacht habe, war für sie auch präsent. 
Als ich vor zwei Jahren die Nachricht las, dass Spuds Frau Marsha gestorben war, habe ich seine Nummer recherchiert. Er wohnt jetzt in einer Einrichtung für betreutes Wohnen. Spud geht ans Telefon und sagte er zu mir: Michael, gestern habe ich noch über dich gesprochen. Und das nach 28 Jahren. Das war der letzte Baustein, wieder hinzufahren. Wir hatten lange, sehr persönliche Gespräche, Spud ist mit mir rumgefahren zu all den alten Orten. Da ist mir das Ausmaß des Verlusts erst wirklich klar geworden.

Spud wirkt heute auf Ihren Bildern wie ein gebrochener Mann.

Das ist er auch. Er war 35 Jahre alt, als seine Zeche Darfield Main schloß, danach hat er nie wieder gearbeitet. Spud und viele seiner ehemaligen Mitstreiter leben in der Erinnerung. Und dann ist das Präsens besonders schlimm, nicht weil früher alles besser war, sondern weil der Streik solch eine identitätsstiftende Wirkung hatte. Das einschneidendste in ihrem Leben war dieser einjährige Streik. Weil danach nichts Neues mehr kam, können sie die Vergangenheit nicht ruhen lassen.

Die Ausgestoßenen der Moderne, wie der Soziologe Zygmunt Bauman sie nennt.

Das Arbeitslosigkeit war für sie "the end of the road". Und das Ende ist eine ganz lange Straße. Selbst für die jüngere Generation. Der junge Mann, den ich vor zwei Jahren der Küche von Spud fotografiert habe. Die Biografien sind vorgezeichnet. Früher wurden die Arbeitsplätze vererbt, heute die Arbeitslosigkeit.

Die neuen farbigen Fotografien wirken, auch auf symbolischer Ebene, wie ein unüberbrückbarer Gegensatz zu den früheren Zeiten.

Natürlich habe ich mich auch als Fotograf weiterentwickelt. Ich weiß gar nicht, ob ich so eine Geschichte heute noch mal so fotografieren könnte. Mir ging es bei den neueren Fotografien darum, es sehr dokumentarisch und statisch zu halten. Nicht noch mal deren Leben teilnehmend zu fotografieren, sondern mit einem distanziert-analytischen Blick, der einen kleinen Geschmack davon gibt, wie es da heute aussieht. 

Wenn man sich die Assembly Hall der Bergarbeitergewerkschaft NUM (National Union of Mineworkers) ansieht, merkt man wie viel Macht die NUM hatte. Das sieht aus, wie in Räumen des sozialistischen Realismus in Moskau. Das ist irre.

Was übrig geblieben ist, sind die Banner der ehemaligen Zechen. Die identitätsstiftenden Symbole der Bewegung, der Arbeiter, der Bergleute. Die stehen da jetzt im Museum. 

Wie gut lassen sich heute gesellschaftliche Prozesse noch mit der Kamera abbilden?

Wie weit gibt es das Bedürfnis sich gesellschaftliche Prozesse in Bildern überhaupt noch anzuschauen? Das ist die Frage, ist aber auch ein sehr deutsches spezifisches Problem. Es wurde hier sehr schnell gesagt, das Zeug ist 30 Jahre alt. Das spielt in England oder Frankreich gar keine Rolle. Das finde ich das Interessante. Und beim Verleger Hannes Wanderer von Peperoni Books hat es auch keine Rolle gespielt. Es gehe ihm darum, Dinge sichtbar zu machen. Da spielt die Zeit dann eben keine Rolle mehr. Das finde ich klasse.

Klaus Honnef hat einen ganz fantastischen Aufsatz geschrieben, der immer auf meinem Schreibtisch liegt (lacht). Der heißt "Die Bilder sind flach und die Welt ist eine Scheibe". Eine herausragende und präzise Analyse zum Zustand der Fotografie in Deutschland. Honnef bezieht sich auf ein "FAZ"-Interview mit mehreren deutschen Filmemachern und bezieht deren Forderung auf die Fotografie: Ich verlange vom Fotografen, dass er Bilder macht, die etwas gesehen haben. 

Coal not Dole

57 Tritone- und 14 Farbabbildungen
Texte von Michael Kerstgens
http://www.peperoni-books.de/coal_not_dole1.html

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