Martin Parr - Zürich

Realität und Diktatorenkitsch

Der britische Fotograf Martin Parr vereint mit seinen ungeschönten Erste-Welt-Bildern scheinbare Gegensätze. Mit der Ausstellung "Martin Parr – Souvenir" demonstriert das Zürcher Museum für Gestaltung, dass Dokumentarfotografie humorvoll sein kann, ohne den hintergründigen Ernst zu verlieren.

Martin Parr stört es nicht, dass viele seiner Kollegen in den Krieg ziehen. Er nutzt die Dokumentarfotografie lieber, um die erste Welt anstelle der dritten zu porträtieren. Und nach getaner Arbeit hat er gerne ein gutes Abendessen und ein bequemes Bett. Lebensgefahr – das ist nichts für ihn.

Seit Mitte der Siebziger widmet sich der Brite dokumentarisch der Gesellschaft, wie das Zürcher Museum für Gestaltung mit der Ausstellung "Martin Parr – Souvenir" zeigt. Anfänglich ist die Unterschicht noch das Hauptmotiv seiner Arbeiten, dann bilden die Mittel- und schließlich die Oberschicht den Großteil seiner Serien. Als Fotograf von Magnum sind dies Bilder, die für viel Geld um die Welt gehen. Dabei muss Parr sich sechs Jahre hintereinander bei der Bildagentur bewerben, ehe er 1994 nur ganz knapp aufgenommen wird. Eine Stimme weniger und er wäre erneut abgelehnt worden. Zu dem Zeitpunkt ist er umstritten und bekannte Dokumentarfotografen, die ihn als "nicht seriös" empfinden, machen Stimmung gegen ihn.

Heute hingegen sind sich Kunst- und Kulturkritiker einig, dass Parr zu den bedeutendsten Dokumentarfotografen zählt. "Peinlich ist es ja, was dieser – wie heißt er noch? – da als 'Fotokunst' verkauft" oder "das kann jeder selber machen, da braucht man wohl kaum Hr. Parr dazu" kommentieren unterdessen Laien im Internet seine Arbeiten, während andere seine Fotos "super" finden und ihn in Blogs feiern. Nun, der Grund, seine Fotografie zu schätzen oder nicht, ist der gleiche: Parr macht keine "Propagandabilder", wie er die meisten in den Medien veröffentlichten Fotografien bezeichnet. "Propaganda", weil Dinge geschönt dargestellt werden. Oder weil sie genau das Bild wiedergeben, das geläufig und Text und Vorurteile bestätigend ist. Parrs Fotos sind das nicht. Keine nett für die Kamera lächelnden Menschen, keine armen mageren Kinder mit zur Kugel aufgeblähten Hungersbäuchen, keine Touristenziele ohne die – bierbäuchigen, sandalenbesohlten, knipsenden, posierenden – Touristen.

Parrs Bilder sind selten "schön", selten "negativ"und nie stilisiert schwarzweiß. Er fotografiert in Farbe, besticht durch Humor, hinter dem sich ernsthafte Gesellschaftskritik verbirgt, und das, was er mit seiner Kamera festhält, ist nichts weiter als die Realität, die ihm begegnet. Dicke Menschen, die sich mit verbissener Miene durch die Masse anderer übergewichtiger Leute eines Imbisses drängeln, um sich noch mehr Mayo auf Fish and Chips zu schmieren. Reiche, elegant angezogene Menschen auf einer Veranstaltung, die gerade reden, tanzen oder klatschen und dabei mit offenem Mund und verzerrtem Gesicht "unvorteilhaft" und wie ganz normale Leute aussehen. Oder die Nahaufnahme eines eigentlich schönen, breit lächelnden Mundes, dessen weiße Zähne auf der Vergrößerung kleine Verfärbungen, Unebenheiten und Spuren roten Lippenstifts aufweisen – Dinge, die in der Regel wegretuschiert werden.

Doch von Retusche hält Parrs nicht viel. Seine Fotografien sind Momentaufnahmen, konservieren einen bestimmten Menschenschlag und eine bestimmte Zeit. Wozu also etwas anderes darstellen als das, was er sieht. Hochgradig sonnenverbrandte Engländer etwa und biertrinkende Deutsche. Ja, Klischee und Wirklichkeit stimmen erschreckend häufig miteinander überein und formen einander gegenseitig. Und wem Parrs Fotografie als Beweis dafür nicht genügt, der betrachte neben seinen zwölf Fotografieserien in der Ausstellung auch seine Sammlung an Kuriositäten, Postkarten und Souvenirs, die die Themen seines fotografischen Werks widerspiegeln sollen. Bezeichnend ist dabei Parrs Faible für Diktatorenkitsch – er besitzt an die 100 Saddam-Hussein-Uhren –, womit wir wieder bei Realität und Propaganda wären.

Martin Parr – Souvenir

Termin: bis 5. Januar, Museum für Gestaltung Zürich

Der Katalog zur Ausstellung entstand in Zusammenarbeit des Museums mit der ZHdK und kostet 20 CHF
http://www.museum-gestaltung.ch/de/ausstellungen/jahresprogramm-2013/martin-parr/

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