Wim Wenders - Interview

Begnadeter Geschichtenerzähler

In seinem neuesten Dokumentarfilm "Das Salz der Erde" begleitet Regisseur Wim Wenders den Reportagefotografen Sebastião Salgado. In Zusammenarbeit mit Julian Ribeiro Salgado, Sohn des Fotografen, ist ein einfühlsames filmisches Werk entstanden. Anlässlich des Filmstarts am Donnerstag (30. Oktober) spricht art mit Wim Wenders über die Wechselwirkungen von Fotografie und Kunst, eine weit verbreitete Berufskrankheit und wie er es schaffte, Salgado über seine Bilder sprechen zu lassen.
Begnadeter Geschichtenerzähler:Wim Wenders über Sebastião Salgado

Zwei Geschichtenerzähler bei der Arbeit: Wim Wenders und der Fotograf Sebastião Salgado

Sie sind erfolgreicher Filmregisseur aber auch selbst Fotograf. Was war Ihre Motivation, den Film "Das Salz der Erde" über den berühmten Reportagefotografen Sebastião Salgado zu machen?

Wim Wenders: Wenn ich von etwas begeistert bin und es teilen möchte und andere Menschen mit dem gleichen Virus infizieren will, sozusagen, dann muß ich zuerst herausfinden, wie ich von der Sache, die ich so toll finde, am besten erzählen kann.

Im Falle von Sebastião Salgado waren das seine Bilder, natürlich, aber dann vor allem, daß ich herausgefunden habe, daß dieser Mann so kompetent und so beredt von all den Menschen, die er photographiert hatte, berichten kann. Sebastião ist ein begnadeter Geschichtenerzähler!

Worin lagen die Schwierigkeiten, einen Dokumentarfilm über einen Künstler zu realisieren, der selbst mit Kameras, Licht, Bildausschnitten, Inszenierungen im weitesten Sinne umgeht, also jemanden zu filmen, der Bilder macht? Im Film sagten Sie bereits, das Besondere an dem Projekt wäre: "Er schießt zurück."

Er schießt in der Tat zurück, das stimmt. Er ist es gewöhnt, hinter der Kamera zu stehen. Das ist seine Position. Von da aus sieht er die Welt, durch seine Linse. Er will dabei eigentlich nicht selbst gesehen werden, im Gegenteil: Er würde lieber unsichtbar bleiben. Viele Photographen zieren sich ungemein, abgelichtet zu werden, das ist so eine Art Berufskrankheit.

Trotzdem haben Sie es geschafft, dass Salgado Einblick in seine Gedankengänge gewährt. Wie haben Sie Zugang bekommen?

Ich habe mir etwas ausgedacht, was es Sebastião einfacher gemacht und ihm geholfen hat, seine "angeborene professionelle Kamerascheu" zu überwinden: Wir haben einen Teleprompter zu Hilfe genommen. So ein Ding ist ein halbdurchlässiger Spiegel, auf den normalerweise ein Text projiziert wird, den der Sprecher sieht und ablesen kann, der aber für den Zuschauer unsichtbar bleibt. Genau so etwas haben wir uns ausgeliehen, aber das Ding umfunktioniert.

Wir haben eben keinen Text darauf projiziert, sondern die Bilder, die Sebastião und wir vorher ausgesucht hatten und über die er sprechen wollte. Gesehen hat er tatsächlich nur seine eigenen Photos, und über die hat er dann frei erzählt, dabei aber – so wie der Fernsehsprecher – direkt in die Kamera geschaut. Wir haben diese Technik also komplett umgedreht und zweckentfremdet, aber mit dem wunderbaren Effekt, daß Sebastião alleine war mit sich und seinen Bildern, in einem ansonsten dunklen Raum, und ganz intim darüber sprechen konnte, dabei aber trotzdem den – für ihn unsichtbaren – Zuschauer direkt anschaut. Hinter dem Teleprompter stand unsere Kamera, mit der wir alles aufzeichneten. Und hinter der Kamera saß ich und konnte Sebastião aus dem Off manchmal eine Frage stellen, ohne seine Intimität zu stören.

In Ihrem Film wird zu Beginn der Begriff Fotograf erklärt: jemand, der mit Licht schreibt – wörtlich aus dem Griechischen übersetzt. Gibt es für Sie besondere Verbindungen beziehungsweise Vorbilder in anderen Kunstformen, insbesondere der Malerei? Wenn ja, welche Künstlerin oder welcher Künstler beeindruckt Sie am meisten?

Über die Beziehung der Malerei zur Photographie sollte man besser ein ganzes Buch schreiben, nicht mal kurz ’ne Frage beantworten. Ich tue es also nur unter Vorbehalt und mit schlechtem Gewissen. In meinem eigenen Sprachgebrauch mache ich schon meistens keinen Unterschied. Ich sage nicht "Gemälde" oder "Photographie", ich nenne beides "Bilder". Ich gucke mir ein Bild von Edward Hopper an, oder Max Beckmann und ein Bild von Walker Evans oder Andreas Gursky. Auch der Maler "malt mit Licht", und ich habe über den Umgang mit Licht sicherlich mehr von Malern gelernt, als von Photographen. Ich mag so viele Maler, von Caravaggio und El Greco zum Beispiel, bis hin zu Anselm Kiefer oder Michael Borremans.

Das Oeuvre eines Filmemachers entfaltet sich durch die Aneinanderreihung von Bildern, durch Bildsequenzen, während ein einziges Motiv einen Fotografen zur Ikone machen kann. Worin liegt für Sie der besondere Reiz der Fotografie?

Eben darin. Alles will in dem einen Bild erzählt sein. Alles ist darin erzählt! Ich bin ja kein Porträtist und auch kein "social photographer" wie Sebastião, sondern ein "Landschaftsphotograph", auch wenn ich das für ein dusseliges und irreführendes Wort halte. Aber gerade in meiner Arbeit will sich ein Ort in einem Bild ganz erzählen und von sich berichten. Ich bin sozusagen nur der Interpret, der Übersetzer. Aber der Ort muß sich in dem einen Bild, was ich dann von ihm mache, mit all seiner Geschichte, mit all seiner Vergangenheit, mit all seiner Einzigartigkeit, mit all seiner Eigentümlichkeit, tatsächlich selbst erzählen. Und dazu muß ich erst mal gut zuhören können und richtig da sein. Ich meine das ganz ernst. ich sehe meine Kamera oft viel mehr als eine Art Aufzeichnungsgerät, das es mir erlaubt, die Geschichte eines Ortes festzuhalten, und die dann weiterzugeben.

Haben Sie Vorbilder in der Fotografie? Wer prägte Ihre Art wahrzunehmen?

Meine großen Vorbilder sind Maler, siehe oben. Ich glaube, das liegt einfach nur daran, daß man am meisten beeinflußbar ist, wenn man aufwächst. Und in meiner Jugend haben mich Maler und Architekten richtig und tief beeindruckt. Da wußte ich gar nicht, daß es Film und Photographie als Kunstformen gab. Vielleicht lag das auch am Nachkriegsdeutschland und am niedrigen Ruf des Kinos und auch der Photographie, nach dem Mißbrauch beider Medien in der Nazizeit. Ich bin in die Museen gepilgert. Wer Kaspar David Friedrich war, wußte ich lange bevor ich von irgendeinem Photographen namentlich etwas gehört hatte.

Fotografie und Film: Worin liegen für Sie die Vorzüge und die Grenzen des jeweiligen Mediums? Und was macht es so spannend, beide Disziplinen in einem Film zusammenzubringen?

Ich finde beide Medien, jeweils für sich, ziemlich grenzenlos. Eigentlich kann man mit jedem Film das Filmemachen neu erfinden. Oder zumindest Aspekte davon. Und auch jedes Photo ist ein neues Abenteuer. Die beiden Sprachen sich miteinander austauschen zu lassen, so wie in "Das Salz der Erde", war eine ganz besondere Entdeckungsreise. Da war ich natürlich mehr als Filmemacher gefragt, nicht so sehr als Photograph, um das Werk dieses einzigartigen Mannes in so einer kurzen und kompakten Zeit, die man in einem Film eben zur Verfügung hat, so adäquat wie möglich zu zeigen.

Interessant ist zu beobachten, wie die Wahrnehmung von Fotografie als paritätische Kunstform neben Malerei und der bildenden Kunst in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat. Der Schöpfer eines Bildes – also der Fotograf – rückt in den Mittelpunkt der Betrachtung und zwar nicht als Stellvertreter wie in "Blow Up", sondern klar als Individuum. Der Film "War Photographer" über James Nachtwey und "Annie Leibovitz – Life through a Lens" sind Beispiele, erst kürzlich ist ein Dokumentarfilm über Vivian Maier in den Kinos gelaufen, jetzt "Das Salz der Erde". Wie erklären Sie das Phänomen?

Ich glaube, das war längst überfällig. Außer "Blow Up" gab es ja lange Zeit gar keinen Film über einen Photographen, geschweige denn über die Photographie. Vielleicht weil das Medium zu nah dran war am Film? Aber auch kein guter Grund, es gibt schließlich jede Menge Filme, die als Thema die Welt des Films selbst haben. Daß die Photographie so lange im Dunkeln geblieben ist, als Filmsujet – oder "unterbelichtet", um im photographischen Sprachgebrauch zu bleiben –, ist mir in der Tat auch ein Rätsel.

Und wodurch unterscheidet sich der filmende vom fotografierenden Wim Wenders?

Der filmende Wim Wenders ist ein Teamplayer, der es gewohnt ist, zu delegieren und Verantwortlichkeiten zu teilen, mit dem Produzenten, den Co-Autoren, den Darstellern, dem Kameramann, dem Cutter, dem Komponisten usw. Der photographierende Wim Wenders ist eine One-Man-Band. Der schleppt seine Kamera selbst, legt seine Filme ein, mißt sein Licht und möchte ohnehin alleine sein, wenn er photographiert. Sonst kann er die Arbeit nicht machen, zu der er Lust hat. Im Gegensatz zum filmenden Alter Ego, der längst nur digital unterwegs ist, macht der photographierende Wim Wenders alles analog.

Anmerkung: Herr Wenders wünscht, das Interview in der alten Rechtschreibung zu veröffentlichen.

"Das Salz der Erde"

Ein Film von Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgado, 109 Minuten, Kinostart Deutschland: 30. Oktober 2014, Verleih: NFP

http://www.nfp.de

Mehr zum Thema auf art-magazin.de