Amerikanische Augenblicke - Fotografie

Eggleston's Erben

Eine neue Generation von Fotografen aus den USA bedient sich bei großen Vorbildern und mischt Stile wild durcheinander. Doch ihre Motive sind uralt: das weite Land, die goße Reise, die kleinen Leute. art stellt die interessantesten Positionen im Überblick vor.
Eggleston's Erben:Eggleston's Erben

Alex Prager: "Four Girls", aus der Serie "Polyester", 2007

Die Frauen in Alex Pragers Fotos haben einen Hang zum Drama: Sie seilen sich aus dem Fenster eines Bürogebäudes ab, lassen ihren Körper durch eine Asphaltpfütze mit der Tiefe eines Sees treiben oder stehen wie in einem Hitchcock-Film einsam und verloren auf dem Rollfeld eines Flughafens herum. Ihre Modelle staffiert die Fotografin mit alten Pe­rücken und Kleidern aus, so dass die Bilder einer vergangenen Ära entsprungen zu sein scheinen.

Gelegentlich wird die altmodische Aura durch eine Plastik-Colaflasche oder einen modernen Pick-up-Truck im Hintergrund gebrochen. Doch selbst dann erinnern die Protagonistinnen mit ihren falschen Wimpern und den Polyesterkleidern an die hysterischen Heldinnen aus alten Hollywood-Melodramen.Die 1979 in Los Angeles geborene Prager spricht in ihren Bildern die Sprache des Ki­nos. Die Amerikanerin besuchte keine Kunstschule. Das Fotografieren brachte sie sich im Alter von 21 Jahren selbst bei, nachdem sie eine Ausstellung mit Bildern von William Eggleston im J. Paul Getty Museum gesehen hatte. Der inzwischen 71-jährige Eggleston prägte Amerikas junge Fotografen wie kein anderer: Mitte der siebziger Jahre etablierte er die damals als vulgär geltende Farbfotografie in der Kunst und erklärte je­des denkbare Motiv für abbildungswürdig. Was einer Revolution gleichkam.

Mit ihrem nostalgischen Blick in die Vergangenheit und ihrer Unverfrorenheit im Nachahmen von Vorbildern ist Alex Prager eine typische Vertreterin ihrer Generation. Sie klaut Motive von Meister Eggleston, um sie zu einer eigenen Komposition zu mischen. Manche ihrer Bilder verweisen auf die Selbstporträts von Cindy Sherman, andere lassen an Gregory Crewdson denken, der ebenfalls einen starken Einfluss auf die junge Szene hat. In der Generation nach Eggleston machte sich Crewdson einen Namen mit Aufnahmen von surrealen Szenen aus dem amerikanischen Alltag, so perfekt inszeniert wie ein Steven-Spielberg-Film.

Hemmungslos und pragmatisch bedient sich die junge Generation aus Amerikas Bilderfundus. Die Fotoflut im Internet hat zum Gefühl allgemeiner Beliebigkeit beigetragen: Die jungen Fotografen experimentieren mit Kameras und Techniken, mischen Analoges und Digitales, manipulieren an Bildern oder belassen sie im Rohzustand. In der allgemei­nen Grenzenlosigkeit spielt auch der Gegen­satz zwischen Kunst und Kommerz keine Rol­le mehr: Fotografen wie Roe Ethridge integrie­ren auch Arbeiten für Werbekunden ins ei­gene Werk. Noch in den sieb­ziger Jahren hatte die Antwort ame­ri­ka­ni­­scher Künst­ler auf die Allgegenwart der (kom­merziell eingesetzten) Bilder ganz anders ausgesehen: Künstler wie Richard Prince, Barbara Kruger oder eben Cindy Sherman gingen als "Pictures Generation" in die Kunstgeschichte ein. Sie begegneten der Werbung und den Medien mit Skepsis und Ablehnung, jedes Bild, das sie herstellten, schien zugleich eine Distanzierung vom Bild zu sein. Diese Haltung ist heu­te einer neuen Un­­befangenheit gewichen, die man entweder als Gelassenheit oder als Kritiklosigkeit be­trachten kann.

Authentizität statt schönem Schein

Ansonsten profitieren die Fotografen von jener natürlichen visuellen Attraktivität der amerikanischen Alltagskultur, der auch viele Spielfilme ihren Zauber verdanken. So schwärmt Roe Ethridge von der "verführerischen Kraft", eine banale Box mit Kleenex-Tüchern mit der Großformatkamera in ein Objekt zu verwandeln. Er mache keine konzeptuellen Bilder, gesteht der Künstler. Dieser Aspekt stelle sich erst dann ein, wenn er seine Arbeiten gegenüberstelle und gruppie­re – und ein Foto in einem neuen Rahmen neue Bedeutung erhalte. "Während in Europa eher konzeptionell mit Struktur gearbeitet wird, machen die amerikanischen Fotografen einen Einkaufsbummel in der Kunstgeschichte. Sie meinen, dass sie viele Väter und Mütter haben und sich überall bedienen können", sagt Roxana Marcoci, Kuratorin für Fotografie am New Yorker Museum of Modern Art (MoMA). "Gab es früher klare Abstammungen, geht es heute freier zu. Und vielleicht auch oberfläch­licher." Das bestätigt auch die New Yor­ker Galeristin Yancey Richardson: "Die amerikanische Gesellschaft definiert sich als fließend", sagt sie. "Die Menschen hier erschaffen sich immer wieder neu." Welchen Sinn haben da noch Grenzen? "Ein Kunstfo­tograf in den USA hat keine Probleme damit, mit Werbung Geld zu verdienen und nicht die Sorge, dass die künstlerische Autorität beschmutzt wird", sagt Jörg M. Colberg, der einen der bekanntesten Blogs der Fotoszene betreibt. Mode, Werbung und Kunst scheinen sich eher gegenseitig zu befruchten.

Kein Wunder: Auch in der Werbung ist schließlich zunehmend Authentizität statt schönem Schein gefragt. Der 32-jährige in New York lebende Ryan McGinley, der Werbekampagnen für Firmen wie Levi’s schießt, führt es vor. In den achtziger Jahren war Nan Goldin mit verstörend intimen Bildern aus ihrem privaten Umfeld, zu dem Drogenabhängige, Transsexuelle, Ho­mosexuelle oder Prostituierte zählten, angetreten. Die Bilder, mit denen McGinley seine Karriere Ende der neunziger Jahre begann, schienen Goldins Werk auf charmant harmlose Weise fortzusetzen. Partys, Drogen, Sex, Graffiti-Aktionen – die Kame­ra hatte McGinley bei den nächtlichen Streifzügen mit seinen Freunden immer dabei. Mit dem Ergebnis, dass er 2003 mit 25 Jahren als jüngster Künstler eine Einzelausstellung im Whitney Museum of American Art hatte. Später wurden Bilder von nackten, attraktiven, jungen Menschen, die durch die Natur springen, tanzen oder laufen, das Mar­kenzeichen des New Yorkers. Sexy genug, um werbetauglich zu sein; entblößt ge­nug, um provokativ zu wirken. Dass unschuldige Nacktheit, anrüchige Erotik oder Homosexualität nach wie vor als schwierige Themen gelten, mag erstaunen. Doch das zu großen Teilen konservative, puritanisch geprägte Amerika lässt sich immer noch mit Bildern schockieren, die in Europa nur noch ein ab­geklärtes Schulterzucken hervorrufen.

"Ich musste mir Egglestons Einfluss erst eingestehen"

McGinleys inszenierte Porträtserien sind das Ergebnis wochenlanger Trips durch Ame­rika. "Ich war schon als Kind süchtig nach Geschichten, die von Reisen und Abenteuern handelten", erzählt der Fotograf. Dieses unergründliche Land in all seiner Größe und seinen Nischengesellschaften mit dem Auto zu erkunden ist offenbar ein unsterbliches Thema der Kulturgeschichte. "Der Road Trip ist nach wie vor ein fester Bestandteil der amerikanischen Fotografie", sagt die Galeristin Yancey Richardson, die 2007 eine Gruppenausstellung zu diesem Thema organisierte, Titel natürlich: "Easy Rider". Die großen amerikanischen Fotografen wie Walker Evans, Robert Frank, Lee Friedlander und später Stephen Shore begründeten den Mythos, der vom Nachwuchs mit manchmal verklärtem Blick am Leben erhalten wird. Das Motelzimmer ist ein stra­paziertes Motiv, von dem kaum einer die Finger lassen kann. Ein Klischee, das an einen traurigen Country-Song erinnert, so der Fotograf Alec Soth. Jörg M. Colberg glaubt, dass sich die hemdsärmelige Mentalität der Amerikaner auch in der Fotografie niederschlägt. "Es ist das Land der Macher. Man nimmt sich sein Auto, fährt los und setzt Ideen um." Die Möglichkeit, anhand von Bildern eine Geschichte zu erzählen, werde von den Fotografen wieder neu entdeckt, sagt die MoMA-Kuratorin Marcoci. "Und es besteht ein großes Interesse, zur Tradition des Dokumentierens zurückzukehren." Emotionen statt Sachlichkeit. Zufällig eingefangene Momen­te statt strenger Konzeptkunst. Statt auf die Stärke des Einzelbilds zu setzen, versuchen sich die Fo­tografen lieber am Bildband. Sie schreiben mit ihren Aufnahmen Tagebuch. Sie fixieren Mo­mente, die sonst vergessen wären.

Vielleicht ist es letztlich die neue Liebe zum Erzählerischen, die den Geist dieser Ge­neration ausmacht. Konzeptuelles hat die europäische – und speziell die deutsche – Fotografie zu Genüge geliefert. In der amerikanischen Fotografie spiegeln sich stattdessen die Weite des Landes und die vielen Möglichkeiten, die seine Bewohner haben – oder eben nicht haben. Hinter der Mix-Mentalität in Stilfragen steht also durchaus ein eigenes Projekt. Der 41-jährige Alec Soth fasst die Entwicklung dieser Generation in wenigen Worten zusammen: "Ich musste mir William Egglestons Einfluss erst eingestehen und mich daran abarbeiten. Um herauszufinden, was mich besonders macht."