Gisèle Freund - Berlin

Soziologin mit Kamera

Sie hat Mitterand porträtiert und für die Agentur Magnum gearbeitet – eine Ausstellung in der Akademie der Künste in Berlin gibt Einblicke in das Werk der großen Fotografin Gisèle Freund.

Walter Benjamin soll sie einmal scherzhaft eine "kleine schwatzhafte Person" genannt haben. Dabei galt Gisèle Freund schon zu Lebzeiten als die große Intellektuelle unter den maßgeblichen Fotografen des 20. Jahrhunderts.

Geboren 1908 in Berlin als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie, verließ sie 1933 Nazi-Deutschland. Sie lebte mehrere Jahre in Südame­rika und starb im Alter von 91 Jahren in Paris. Kein anderer Fotograf hat wie sie die Arbeit hinter der Kamera infrage gestellt. Berühmtestes Zeugnis dieser kritischen Reflexion sind ihre fotografietheoretischen Schriften: "Photographie und Gesellschaft" etwa, ein Werk, das bis heute an den Universitäten gelesen wird und zu dem Benjamin bemerkte: "Gisèle, ich hätte nie geglaubt, dass Sie so etwas ­schreiben können!" Ihr intellektuelles Werkzeug bezog sie aus der kritischen Theorie und der materialistischen ­Ästhetik: Freund hatte Anfang der Dreißiger bei Karl Mannheim in Frankfurt am Main Soziologie studiert und auch an Seminaren von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno am Institut für Sozialforschung teilgenommen.

Als Porträtistin und Fotoreporterin arbeitete sie für die wichtigsten Fotomedien ihrer Zeit: zunächst für das "Life"-Magazin, ab 1947 für die Agentur "Magnum". Ihre Porträts und Reportagen machten sie berühmt. Sie nahm 1981 das offizielle Porträt von Staatsprä­sident François Mitterrand auf, vor ­allem aber holte sie die großen Intellektuellen ihrer Zeit vor ihre Kamera: André Malraux, Simone de Beauvoir, Walter Benjamin, André Gide, Jean Cocteau oder Paul Valéry.

Wer ihre Bilder betrachtet, weiß, was Charles Baudelaire meinte, als er schrieb: "Ein Porträt! Was ist einfacher oder komplizierter, offensicht­licher und tiefgründiger?" Die Balance zwischen Theorie und Praxis, ihre ­Genauigkeit und der kritische Ansatz – Freund entwickelte die Bildnisse ­immer aus dem jeweiligen Lebens- und Arbeitsumfeld der Porträtierten – brachte ihr den Titel "Soziologin mit der Kamera" ein.

Mit rund 280 schwarzweißen und farbigen Fotografien gibt die von Janos Frecot und Gabriele Kostas kuratierte Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste Gelegenheit für die Wiederbegegnung mit dem faszinierenden Werk einer Fotografin, die Intellektualität und Ästhetik in einzigartiger Weise zu vereinen wusste.

Gisèle Freund – Fotografische Szenen und Porträts

bis 10. August,
Akademie der Künste,
Berlin
http://www.adk.de/de/aktuell/veranstaltungen/index.htm?we_objectID=33282

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