Frühe Fotografien - München

Wie Deutschland einmal war

Fotografien aus der 8000 Aufnahmen umfassenden Privatsammlung Dietmar Siegert im Münchner Stadtmuseum.

Heidelberg ohne Touristen, Bacharach ohne die A 61, der Kölner Dom ohne seine charakteristischen Türme, das Berliner Stadtschloss im Originalzustand, idyllisches Fachwerk mitten in Hamburgs City und stolze Segelschiffe im Hafen – im Münchner Stadtmuseum kann der Besucher jetzt Zeitreise quer durch Deutschland unternehmen.

Die Ausstellung "Zwischen Biedermeier und Gründerzeit" rekrutiert sich aus einer einzigen Privatsammlung, die der in Chemnitz geborene und in München lebende Fotosammler und -experte Dietmar Siegert seit den frühen siebziger Jahren aufgebaut hat und die inzwischen rund 8000 Aufnahmen umfasst. Ziel der Ausstellung soll es sein, "historische Ereignisse und das sich wandelnde Erscheinungsbild der Städte und Landschaften wirklichkeitsnah visualisieren zu können", schreibt Ulrich Pohlmann, Leiter der Sammlung Fotografie im Stadtmuseum, im Katalog.

Städte ohne Verkehrschaos und Umweltverschmutzung

Die Reise führt vom Hamburg im hohen Norden Deutschlands bis nach München im Süden des Landes, von Köln im Westen bis nach Danzig im Osten. Durch Städte, in denen heute Verkehrschaos und Umweltverschmutzung herrschen, zuckelten im 19. Jahrhundert Pferdefuhrwerke über leergefegte Straßen. Gebäude, die heute überhaupt nicht mehr existieren, verbaut oder zu Tode restauriert worden sind, erscheinen in diesen Aufnahmen herzerwärmend intakt, wecken im Betrachter des 21. Jahrhunderts nostalgische Gefühle. Die Lebensqualität der einfachen Leute war allerdings nur selten Motiv für damalige Fotografen. Blicke in dunkle, feuchte Gassen oder schäbige Hinterhöfe sind eher die Ausnahme – etwa in Aufnahmen der Fleetsiedlungen Hamburgs.

Posieren im feinen Sonntagsstaat

Diejenigen, denen genügend Geld zur Verfügung stand, sich von professionellen Fotografen ablichten zu lassen, vermitteln ein positives Bild der Gesellschaft. Im feinen Sonntagsstaat saßen ganze Familien regungslos vor der Kamera – die Belichtungszeiten für Daguererotypien waren immens lang. Beliebt waren auch Feste und Laientheater – so stellte etwa der Bildhauer Hermann Oehlmann neckisch kostümiert die Fabel vom "Wettlauf des Igels und des Hasen“ dar.
Nachdenklich stimmen dagegen Szenen aus den Stellungen der deutschen Einheitskriege zwischen 1864 und 1871, etwa die Schlacht bei den Düppeler Schanzen gegen Dänemark oder die Belagerung und Zerstörung von Straßburg im Krieg gegen Frankreich.

Deutschland in frühen Photographien 1840–1890

Müchner Stadtmuseum
bis 20. Mai
Katalog im Verlag Schirmer/Mosel, 49,80 Euro, im Museum 39 Euro
http://www.muenchner-stadtmuseum.de/sonderausstellungen/sammlungsiegert.html