Olaf Otto Becker - Interview

Traurige Tropen

Mit "Reading the Landscape" stellt der Fotograf Olaf Otto Becker einen gleichzeitig beeindruckenden und ernüchternden Bildband über die Zerstörung der Regenwälder vor. Montagabend spricht er in Hamburg über seine Arbeit.
Traurige Tropen:Ein beeindruckender Bildband von Olaf Otto Becker

Olaf Otto Becker: "Ghosttrees Malaysia", 2012, aus "Reading the Landscape", erschienen im Hantje Cantz Verlag

Olaf Otto Becker ist ein Fotokünstler mit Mission. Mit seinen großformatigen Landschaftsaufnahmen macht er auf die Gefährdung globaler Lebensräume aufmerksam.

Bekannt geworden ist der 1959 in Travemünde geborene Fotograf vor allem mit seinem Bildband "Broken Lines" über die verschwindenden Eisflächen Grönlands. Jetzt hat er mit "Reading the Landscape" die Klimazone gewechselt und stellt einen beeindruckenden Bildband über die Zerstörung der Regenwälder vor.

art: Herr Becker, man kennt Sie vor allem durch Ihre großformatigen Aufnahmen der verschwindenden Eislandschaften Grönlands und Islands. Für Ihre neue Arbeit "Reading the Landscape" aber haben Sie eine Reise in die tropischen Regenwälder gemacht. Brauchten Sie eine Klimaveränderung?

Olaf Otto Becker: Mich interessieren Grenzlandschaften; Landschaften, die aufgrund von Überbevölkerung oder durch das direkte Eingreifen des Menschen in Veränderungsprozesse geraten sind. In Grönland etwa interessierte mich das Schmelzen des Eises durch den Klimawandel. Dieser Aspekt hat mich lange Zeit in Atem gehalten. Aber ich denke mittlerweile, dass es zu diesen Bildern für mich nichts Neues mehr hinzuzufügen gäbe.

Wie sind Sie an "Reading the Landscape" herangegangen?

Ich habe mich zunächst dem Primär-Urwald angenähert. Ich war auf zwei Forschungsstationen in Malaysia. Um diese herum gab es noch nahezu unberührte Urwälder – auch wenn man einschränkend sagen muss, dass auch diese Flächen im Laufe der Jahre immer kleiner werden.

Sie haben die Aufnahmen mit einer analogen Großbildkamera gemacht.

Ja, ich habe mit einer Kamera mit 8 x 10 inch fotografiert. Ein riesiger Vorteil einer solchen Kamera besteht darin, dass sie auch bei Regen noch vernünftig arbeitet. Ganz im Gegensatz etwa zu meinem Belichtungsmesser. Der hat bei der Feuchtigkeit einige Male den Geist aufgegeben.

Sie haben ja auch bei Ihren Bildbänden über Island und Grönland auf Großbildkameras und Kassetten zurückgegriffen. Aber ist ein solches Equipment auf Reisen nicht eine riesige Plackerei?

Das ist in der Tat oft mühsam; dabei war Grönland noch harmlos. Damals bin ich mit dem Schlauchboot unterwegs gewesen. Nur wenn ich mal an Land gegangen bin, musste ich das ganze Zeug schleppen. Bei 35 Grad im Urwald indes ist das schon wesentlich unangenehmer. Oft hatte ich zwei Kamerarucksäcke mit zusammen 45 Kilogramm zu transportieren.

Mussten Sie lange Wege zurücklegen?

In der Regel nicht. Im Urwald ist man immer umgeben von Bäumen. Das heißt, dass man dort ganz anders zu sehen lernt. Oft bleibt man eher mal stehen, dreht sich um und schaut, was in seinem Rücken liegt. Richtig weite Landschaft zu fotografieren ist im Urwald eher schwierig. Es ist dort alles bewachsen und dicht. Und dort, wo es nicht dicht ist, ist kein Urwald mehr.

Mit diesen Gebieten haben Sie sich im zweiten Teil Ihres Buches auseinandergesetzt.

Ja, im zweiten Kapitel zeige ich die Zerstörung. Ich bin zum Beispiel durch Borneo gefahren. Vor einigen Jahrzehnten noch war Borneo für mich der Inbegriff von unberührter Natur. Doch was ich jetzt dort gesehen habe, waren Stoppelfelder von gigantischem Ausmaß; Palmöl-Felder, die von Horizont zu Horizont reichten. Oft habe ich auf diesen Flächen illegal fotografieren müssen. Das war auch in Sumatra so. Dort war ich an Stellen, an denen für die Papierindustrie riesige Areale zerstört wurden. Nach der Rodung hat man Akazien angepflanzt. Aus Akazienholz wird nach sieben Jahren Wachstum Papier hergestellt; Papier für das man sogar relativ schnell ein grünes Label bekommt. Der Anbau soll angeblich nachhaltig sein. Dass dafür zuvor gigantische Flächen Urwald gerodet wurden, gerät ziemlich schnell in Vergessenheit.

Sie haben im Bezug auf Ihre Bilder aus Grönland und Island einmal gesagt, dass Ihnen das Licht eigentlich viel wichtiger sei als das Motiv. Wie war das bei der Arbeit im Regenwald?

Diese Aussage hat auch hier ihre Richtigkeit; auch wenn das für die Tropen viel schwieriger ist. Das Licht im Norden ist angenehmer als im Süden. Entweder scheint in den Tropen die ganze Zeit über die Sonne und bricht harte Schatten, oder es regnet unentwegt.

Das klingt nicht nach den angenehmsten Wetterbedingungen, um Landschaften zu fotografieren.

Es ist ein wenig so, als würde man sich zu Hause mit seiner Kamera unter die Dusche stellen. Wenn man bei soviel Feuchtigkeit noch Filme einlegen und Blenden justieren will, dann ist das schon eine Herausforderung. Oft habe ich daher kurz vor dem eigentlichen Regen fotografiert. Kurz darauf musste ich schon alles in Sicherheit bringen.

Wie wichtig ist Ihnen bei Ihren Projekten die Auseinandersetzung mit der Landschaftsdarstellung in der Geschichte der Kunst?

Ich beschäftige mich stark mit der Landschaft in der Malerei der Alten Meister. Besonders die Niederländer interessieren mich. Die haben es früh verstanden, den Landschaften räumliche Tiefe zu geben. Aber ich habe mich auch intensiv mit älterer Fotografie aus der Zeit der Kolonialisierung auseinandergesetzt. Damals gab es Fotografen, die zu den weißen Flecken der Erdkugel gereist sind, um eine für Europäer noch vollkommen fremde Welt zu dokumentieren. Oft sind diese Landschaftsfotografen mit großen Glasplatten und einer Staffage von zum Teil 40 Mann unterwegs gewesen.

Damals war das ein Dienst an der Aufklärung. Welche Rolle kann Fotografie in diesem Kontext im Zeitalter von Google-Earth noch spielen?

Ich denke, dass die Fotografie in dieser Beziehung erst jetzt auf ihrem Höhepunkt ist. Jeder hat heute permanent eine Kamera zur Hand. Jeder sieht sofort das Ergebnis. Ich glaube, dass dieser Umstand die Qualität der Amateurfotografie enorm gesteigert hat. Zudem verfügen wir heute über eine Flut an Zeitschriften und Blogs. Wir sind konfrontiert mit Unmengen an Text- und Bildinformationen. Schon daran sieht man, wie sehr die Fotografie als Informationsmedium gewonnen hat. Sie ist ein Kommunikationsträger von schier unglaublichem Ausmaß. Ob Fotografie indes auch etwas verändern kann, das steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Buchpräsentation: "Das verschwindende Paradies – eine Spurensuche"

8. September 2014, 19 Uhr, mit Olaf Otto Becker


Sautter + Lackmann Fachbuchhandlung, Admiralitätstr. 71-72, Hamburg
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