Martin Parr - Hannover

Grell und grausam

Mit seinen schonungslosen aber auch humorvollen Bildern der englischen "Working Class" wurde er berühmt. In Hannover zeigt Martin Parr, mittlerweile einer der erfolgreichsten Fotografen der Welt, Klassiker und eine neue Arbeit über die Verbindungen zwischen Hannover und dem britischen Königreich.

"Meine Bilder sollen beißend sein, wie die Bilder eines Films von Buñuel, die einen aufstören und zum Nachdenken zwingen. Ich möchte, dass meine Bilder Klarheit und Schärfe haben, aber immer mit Humor verbunden sind." Diese Worte stammen nicht von Martin Parr, sondern von einem seiner wichtigsten Vorbilder, dem bereits Anfang der siebziger Jahre gestorbenen britischen Fotografen Tony Ray Jones.

Als Martin Parr 1970 in Manchester Fotografie zu studieren begann, lag der fotografische Diskurs auf der Insel vollkommen brach. Erst Tony Ray Jones brachte aus den USA eine am Alltagsleben interessierte Bildkultur nach England. Sein Schüler Martin Parr, 1952 in Epsom, Surrey (UK) geboren, gilt heute als einer der erfolgreichsten Fotografen der Welt. Seine Arbeiten finden gleichermaßen in der bildenden Kunst wie in bildjournalistischen Kreisen große Anerkennung, obwohl er mit seinen drastischen und teilweise ins Groteske gesteigerten Reportagen auch massive Widersprüche erzeugt.

Als Martin Parr 1994 in die Fotoagentur Magnum aufgenommen wurde, war das für viele ihrer Mitglieder ein Affront. Ihnen war seine Arbeit zu wenig einer klassischen humanistischen Fotografie verpflichtet, die in erster Linie erzählen und aufklären soll. Auch im Kunstkontext gibt es bis heute Kritik: Zu direkt, zu sozial, zu voyeuristisch oder zu wenig konzeptuell sei seine Arbeit. Martin Parrs Blick ist von einem Interesse für scheinbar banale und unansehnliche Sujets geprägt, in denen sich die gesellschaftliche Wirklichkeit spiegelt. Dabei fegt er wohlfeile Vorstellungen vom "gelungenen" Bild einfach weg. Parr lamentiert nicht lange, sondern fokussiert genau die Momente, in denen Masken fallen und unterdrückte oder vergessene Widersprüche und Absurditäten des täglichen Lebens offen zu Tage treten. Er selbst sagt: "Das Leben ist weder gut noch schlecht. Ich zeige die Doppeldeutigkeiten, die einem überall begegnen. Das festzuhalten ist mein Job."

Grell und grausam

Überblickt man die letzten 40 Jahre seiner Bildproduktion, wird deutlich, dass er mit seiner Kamera beständig bildnerische Standards in Frage gestellt und sein Werk beharrlich weiterentwickelt hat. Seine Arbeit ist mitunter grell und grausam, wie in "Common Sense" (1995/1999), in der er auf die Abscheulichkeiten der globalen Trashkultur verweist. Gleichzeitig ist Martin Parr ein einfühlsamer sozialer Chronist, der mit frühen Arbeiten die massiven sozialen und ökonomischen Veränderungen in Großbritannien unter der Führung Margaret Thatchers eindringlich dokumentiert hat. Parr gehört damit zur Generation von Fotografen wie Paul Graham, Anna Fox oder Paul Seawright, die das Medium endgültig als Kunstform etablierten, dabei die Farbfotografie als Ausdrucksmittel selbstbewusst behaupteten und ihren Fokus auf eine alltägliche Wirklichkeit richteten. Damit befreiten sie die Fotografie von theatralischen und sentimentalen Inszenierungen, von denen vor allem die britische Fotografie zu dieser Zeit bestimmt war. Viele Impulse verdankten Parr und seine Kollegen der amerikanischen Fotografie. Schon Mitte der siebziger Jahre wurden in den USA Farbfotografien in Museen ausgestellt, und die Fotografen gingen sowohl im Bildaufbau als auch bei der Wahl ihrer Motive ganz neue Wege. Ausstellungen wie "New Documents" (1967) mit Lee Friedlander, Diane Arbus und Gary Winnogrand oder die Einzelausstellung von William Eggleston im Museum of Modern Art in New York (1976) waren wichtige Referenzen für die junge britische Fotografengeneration.

Rituale und Ressentiments des britischen Mittelstands

"We Love Britain" lautet nun der emphatische und gleichermaßen ironische Titel der aktuellen Ausstellung im Sprengel-Museum Hannover. Im Mittelpunkt steht ein aktuelles Projekt, das die Kuratorin Inka Schube anlässlich des niedersächsischen Jubiläums "Als die Royals aus Hannover kamen" initiiert hat. Bevor man aber in der Ausstellung diese Arbeiten zu sehen bekommt, gibt es einen gelungenen Einstieg in das bisherige Schaffen von Martin Parr. Den Auftakt bilden zwei beeindruckende Arbeiten aus den achtziger Jahren. Für "The Last Resort" (1983/1986) hat Martin Parr in einem Seebad in der Nähe von Liverpool fotografiert, das den dort lebenden Arbeitern und ihren Familien dieselben Annehmlichkeiten bieten sollte, wie sie der gehobene Mittelstand schon länger im südenglischen Brighton genoss. Das Seebad ist allerdings völlig marode, die Gäste sind alles andere als vornehm und die Erholung besteht darin, am Hot-Dog Stand in der Schlange zu stehen oder sich dem exzessiven Sonnenbaden auf steinigem Grund hinzugeben. Martin Parr betont während des Rundgangs durch seine Ausstellung, wie sehr die britische Gesellschaft vom Klassendenken geprägt ist und dass dieses Seebad ausschließlich der sogenannten "Working Class" vorbehalten war. Denjenigen also, die damals unter den sozialen Repressionen der Thatcher-Regierung massiv gelitten und hier womöglich ihren letzten Rückzugsort gefunden hatten.

Martin Parr ist in seiner sozialen Kritik allerdings nicht so drastisch wie der zwei Jahre jüngere und nicht minder bekannte Fotograf Paul Graham, der ebenfalls zu jener Zeit die sozialen Härten in England mit seiner Arbeit "Beyond Caring" radikal dokumentierte. Parr baut immer auch ein zärtliches und humorvolles Element in seine Arbeiten ein. Mit "The Cost of Living" (1989) stellt er seine eigene mittelständische Herkunft ins Zentrum und zeigt in hervorragenden und komplexen Bildern die Rituale, Abhängigkeiten und Ressentiments des britischen Mittelstands. In "Autoportrait" (seit 1991) gibt Martin Parr, wie er selbst augenzwinkernd sagt, einen Einblick "in seinen langsamen physischen Niedergang". Parr besucht bis heute auf seinen Reisen immer wieder diverse Fotostudios und bittet um ein Porträtfoto. Der beauftrage Fotograf hat freie Wahl in der Gestaltung und weiß nicht, dass er mit Parr einen sehr bekannten Fotografen vor der Linse hat. In "Autoportrait" sieht man nicht nur Martin Parrs Humor, sondern kann auch eine globale Soziologie des fotografischen Geschmacks und seiner Veränderung durch die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung nachvollziehen.

Globale und provinzielle Blicke

In seiner neuen Arbeit "We Love Britain" folgt er den historischen Spuren und Verbindungen zwischen Hannover, Niedersachsen und dem Vereinigten Königreich. Vor knapp 300 Jahren hatte ein hannoverscher Kurfürst den britischen Thron bestiegen, und bis heute gibt es verwandtschaftliche Verhältnisse zwischen Hannover und London. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden weite Teile Norddeutschlands von der britischen Armee befreit, und die englische Militärregierung gründete 1949 das heutige Niedersachsen. Martin Parr reiste 2013 und 2014 insgesamt 16 Monate durch das nördliche Bundesland. Auch wenn er mit großer Genauigkeit und viel Einfühlungsvermögen Menschen und Situationen porträtiert hat, fehlt dem Projekt weitestgehend jene Dichte und Dringlichkeit, die seine anderen Arbeiten auszeichnen. "We Love Britain" erzeugt zu wenig von der für Martin Parrs Werk charakteristischen Mischung aus Attraktion, Irritation und Unwohlsein. Allerdings findet er wieder Anschluss an seine fotografischen Qualitäten, wenn er den Abzug der britischen Armee unter alltäglichen und zeremoniellen Aspekten dokumentiert. In Parrs Arbeit durchdringen sich viele Bildwelten und mediale Formate, globale und provinzielle Blicke, Spott und Anteilnahme, Würde und Entgleisung. Diese Vielfalt lässt sein Werk bis heute als zeitgemäße Fotografie erscheinen. Einen guten Teil dieser Qualitäten kann man in der Hannoveraner Ausstellung sehen.

Martin Parr. We Love Britain!

Bis 22. Februar 2015, Sprengel Museum Hannover

http://www.sprengel-museum.de/ausstellungen/martin-parr-we-love-britain.htm?snr=2

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