Alex Prager - Interview

Allein in einem Meer von Menschen

Alex Prager ist eine aufstrebende Fotokünstlerin. art unterhielt sich mit Prager über ihre aktuelle Serie, über Panikattacken, Jugendsünden und die alten Schuhe von William Eggleston.

Sie hat einen Hang zum Melodram: Viele ihrer meist weiblichen Protagonisten durchleben einen Moment der Angst, Panik, Isolation auch Verlorenheit.

Vor 13 Jahren fing die in Los Angeles geborene Alex Prager an, sich das Fotografieren beizubringen und mit ihren Bildern emotionale, bis auf das letzte Detail durchgestyte, filmisch ausgeleuchtete Momente zu inszenieren. Das Styling übernahm Prager selbst, ihre jüngere Schwester, die Malerin Vanessa Prager, und Freundinnen setzte sie als ihre Modelle ein.

Erste Ausstellungen mit ihren Fotos, auf denen sie die Ästhetik von Fotolegende William Eggleston und das Rollenspiel von Cindy Sherman vereint, hatte sie in kleinen lokalen Galerien oder Hotels und Friseursalons. 2005 folgte dann bereits ihre erste Solo-Show "Polyester" bei der Robert Berman Gallery in Santa Monica. Seitdem war die 1979 geborene Prager mit ihren Bildern in den satten Farben der künstlichen Kinowelt und mit einem nostalgischen Look, der an vergangene Hollywood-Ären erinnert, 2010 in der New Photography Show im Museum of Modern Art vertreten und hatte 2013 in dem traditionsreichen Washingtoner Privatmuseum Corcoran Gallery of Art einen Solo-Auftritt mit "Face in the Crowd". Prager, die inzwischen neben ihren stilisierten Fotos auch zum Medium Film gewechselt ist, eröffnete mit Fotos und einem Video aus der Corcoran-Show ihre erste Ausstellung bei ihrem neuen Galeristen Lehmann Maupin in New York.

Ihre Arbeiten werden meist von starken Emotionen getragen. Bei Ihrer neuen Serie "Face in the Crowd" behandeln Sie etwas sehr persönliches, Ihr Unbehagen in großen Menschenansammlungen.

Alex Prager: Ich litt unter Panikattacken, die nicht nur mental stattfanden. Es handelte sich um starke physische Reaktionen. Aber es war nicht so, dass ich mich deshalb dazu entschloss, große Menschenmengen zu fotografieren oder zu filmen. Als ich mich während des Shoots vor all diesen Menschen sah, fragte ich mich vielmehr: Warum mache ich das?

Warum taten Sie sich ein solches Großprojekt an? Sie hätten doch stattdessen im kleinen Rahmen in Ihrem Studio arbeiten können.

Ich hatte das Gefühl, dass ich das, was ich am meisten liebe, nicht länger fortführen konnte. Mit meiner Karriere geht einher, dass ich eingeladen werde, über meine Arbeit zu sprechen. Je mehr Erfolg ich habe, desto mehr reise ich und stehe vor anderen Menschen der Öffentlichkeit. Die Arbeit mit den Menschenmengen hat mir tatsächlich geholfen. Meine Attacken fühlen sich längst nicht mehr so elektrisch wie früher an. Ich denke, dass ich sie mit dieser Serie konfrontiert und gelernt habe, damit umzugehen.

Sie kreierten unterschiedliche Bühnenbilder, ein Kino, eine Straße in einer Stadt, einen Flughafen und einen Strand, für den tonnenweise Sand aufgeschüttet wurde. Wie führten Sie die Regie bei mehr als 100 Darstellern?

Von einer Hebebühne aus. Die Liebe für meine Arbeit ist ein wenig intensiver als die Angst vor dem, was ich mache. Ich habe mit einzelnen Frauen angefangen, denen ich in diesen eigenartigen Outfits anzog. Dann setzte ich Menschen im Hintergrund ein. Die Gruppen wurden mit den Jahren größer und größer.

Kümmern Sie sich nach wie vor um das Casting?

Ich arbeite seit acht Jahren mit einem hervorragenden Team zusammen, aber ich bin nach wie vor überall involviert. Die Casting-Agenturen schickten mit Leute, die mir in der Vergangenheit gefallen hatten. Die endgültige Auswahl treffe ich persönlich. Ich arbeite mit der Kostüm-Designerin und lasse vor dem Shoot alle Leute aufreihen, um mir die Haare, das Make-up und die Kleidung anzusehen.

Warum haben Sie angefangen, Ihre Arbeit auf Filme auszudehnen?

Zunächst ging es mir um den Moment vor oder nach dem Foto, das ich geschossen hatte. Ich habe mich dem Film wie der Still-Fotografie genähert. Als ob ich die Bilder ein wenig nach links oder rechts verschob. Aber seitdem ist daraus etwas anderes geworden und aus mir eine Regisseurin. Ich führe die Regie für etwas, nach dem ich suche. Und ich weiß genau, wonach ich suche.

Also machen Sie keinen großen Unterschied zwischen Ihren Film- und Fotoarbeiten?

Die beiden hängen für mich eng zusammen. Bei "Face in the Crowds" ist es mir mit den Fotos besser gelungen, das Gefühl der Leere und der Isolierung in Menschenansammlungen einzufangen. Die bewegten Bilder fangen die Energie, das Erdrückende von diesen Massen ein sowie das Zentrum, das Individuum. Es handelt sich bei Film und Fotografie um unterschiedliches Handwerkszeug. Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal filmen würde.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass Sie sich das Fotografieren selbst beigebracht haben. Alles begann mit einer Ausstellung von Bildern von William Eggleston, die sie 1999 im Getty-Museum in LA sahen.

Das war kurz vor meinem 21. Geburtstag. Ich erinnere noch, wie ich in diesen Raum getreten bin. Damals hatte ich noch nie über Fotografie als Kunstform nachgedacht. Ich sah dieses Fotos von Schuhen unter einem Bett, bekam eine Gänsehaut und wurde von Gefühlen überwältigt, bei denen ich nicht verstand, woher sie kamen. Es machte keinen Sinn, dass ein paar alte Schuhe mich so fühlen ließen. Als ich mir die Ausstellung weiter anguckte, wusste ich: Ich werde Fotos machen und herausfinden, was das Rätsel dieser scheinbar alltäglichen Bildern ist.

Und was haben Sie für sich herausgefunden?

Ich verstehe es heute ein wenig besser. Wie William Eggleston Farbe, Komposition und Licht einsetzt. Mit diesen Elementen kann man arbeiten, um Menschen emotional zu erreichen.

Einzelne Protagonisten heben Sie aus der Masse hervor und lassen Sie in Ihrem Film, der auf drei Leinwänden parallel in einem relativ engen Raum spielt, persönliche, fiktive, aber auch reale Anekdoten erzählen. Warum?

Ich wollte mit diesen anonymen Gesichtern die andere Seite der Menschenansammlung zeigen. Auf der einen Seite steht das Gefühl, in einem großen Nichts verloren zu gehen. Auf der anderen das Individuum und wie wir mit unserer Art zu kommunizieren, ob über das Internet, per Email oder Text-Nachrichten, voneinander abgeschnitten sind. Wir sind heute so anders und scheinbar stärker miteinander verbunden und dabei isoliert und fühlen uns leer. Menschenansammlungen verstärken Gefühle, die man in diesem Moment empfindet. Wenn man sich einsam fühlt und sich unter hunderten von Menschen befindet, die das nicht wahrnehmen oder die es einfach nicht interessiert, fühlt man sich gleich noch viel einsamer.

Ihre Fotos, das Licht in den Bildern, die Farben, die Ästhetik sind extrem von Hollywood geprägt.

Ich bin in dieser Stadt geboren und aufgewachsen. Es ist so wunderschön hier und gleichzeitig so seltsam. Das Licht lässt alles wie im Film aussehen, so perfekt. Dabei hat die Stadt all diese Schattenseiten. Es ist einfach ein schräger Ort. Man sitzt ständig im Auto. Und wenn man eine Party besucht, hat man das Gefühl, an einer Performance teilzunehmen. Ich reise glücklicherweise viel, sonst wäre ich weggezogen. Wie sehr mich meine Umgebung geprägt hat, verstehe ich mehr und mehr, während ich bei meiner Arbeit dabei bin, an bestimmten Sachen festzuhalten und andere fallenzulassen. Als ich meine erste Polyester-Serie zeigte, sprachen alle von Hitchcocks Einfluss auf meine Fotos. So richtig klar wurde mir das erst, nachdem es die Leute aussprachen. Aber ich war damals jung. Da ist es einem erlaubt, unwissentlich zu kopieren.

In Ihrem neuen Film läuft mit Elizabeth Banks eine professionelle Schauspielerin wie in einem Traum durch die Menschenmassen. Banks sieht Ihnen ähnlich. Man hat die ganze Zeit, das Gefühl Ihr Spiegelbild in der Masse zu entdecken. War das eine bewusste Entscheidung?

Ich wollte das typische amerikanische Mädchen von nebenan zeigen. Dass wir Ähnlichkeiten hatten, ist mir gar nicht bewusst gewesen. Erst, nachdem ich sie angezogen und zurechtgemacht hatte - da fiel es mir dann plötzlich auch auf.

Alex Prager. Face in the Crowd

bei Lehmann Maupin, New York
bis 22. Februar
http://www.lehmannmaupin.com/exhibitions/2014-01-09_alex-prager

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