Malte Jäger - Interview

Let's go surfing!

Malte Jäger, Fotograf aus Berlin und Gewinner des World Press-Photo-Awards, reiste mit einem Stipendium um die halbe Welt. Das Besondere: Er übernachtete auf Sofas von Fremden, die er vorher im Internet kontaktiert hatte. Das ganze nennt sich "Couchsurfing". Dass diese Art zu reisen eine Möglichkeit zum Kulturaustausch sein kann, beweist sein Buch "Couchsurfin' the world", in dem er Fotografien und Geschichten seiner Gastgeber und Mitreisenden versammelt. Im Interview verrät er art, was ihn fasziniert hat und wann er am liebsten umkehren wollte.
Couchsurfin' the World:Interview mit Fotograf Malte Jäger

Dass Schlafgelegenheiten mindestens so unterschiedlich sind, wie deren Besitzer, beweist Malte Jäger in seinem Buch "Couchsurfin' the world", für das er auf den Sofas dieser Welt übernachtete

Sie waren mehr als sechs Monate als Couchsurfer unterwegs, haben sich quasi einmal umsonst um die Welt geschlafen. Wer von Ihren über 50 Gastgebern hat Sie besonders beeindruckt?

Das war Shripad, ein Inder. Ich begleitete eine Algerierin und eine Koreanerin, wir waren schon etwa drei Wochen im heißen Süden in Bussen auf staubigen Straßen unterwegs. Shripad war Bauer, Mitte 50, und der Postbeamte des winzigen Dorfes irgendwo in Karnataka. Erstaunlich, dass es da überhaupt Internet gab. Bei ihm haben wir auf einer Matte auf dem Steinboden geschlafen, wie er selbst.

Am letzten Abend hat er uns verraten, warum er Gastgeber ist – weil er selbst als Couchsurfer in Russland unterwegs war. Er hat eine Brieffreundin in Katharinenstadt, und eines Tages entschied er sich, sie zu besuchen. Er ist nach Russland geflogen, hat da auf diversen Couches gewohnt, aber nie auf ihrer. Letzten Endes hat er sich nicht getraut, sie zu besuchen. Er sei ja schon verheiratet. Sie aber sei seit Anbeginn ihrer 40-jährigen Brieffreundschaft in ihn verliebt.


Wie kamen Sie auf die Idee, als Couchsurfer durch die Welt zu reisen?

Eine Freundin von mir hatte Besuch aus Finnland, den sie über den Hospitality Club, einem Vorgänger von Couchsurfing.org, kennen gelernt hat. Mich faszinierte die Idee, auf diese Art Menschen kennen zu lernen. Im Netz knüpft man den Kontakt, und ein paar Tage später kann man irgendwo auf der Welt übernachten. Die Gelegenheit es selber auszuprobieren, hatte ich zum Fotofestival in Hannover, da habe ich bei einem Bauer übernachtet, den ich vermutlich sonst nie kennen gelernt hätte. Wir haben uns bis morgens um drei Uhr unterhalten. Und da kam mir die Idee, dass ich darüber eine Geschichte machen müsste.


Was hat Sie als Fotograf besonders an dem Thema gereizt?

Mein Lieblingsthema sind Menschen, und durch das Couchsurfen konnte ich viele verschiedene Leute fotografieren. Bei meinem Couchbesuch in Hannover wurde mir allerdings das Problem der Bildgestaltung bewusst, denn die Personen, die man trifft, liegen auf der Couch und schlafen, oder sitzen am Tisch und reden. Um die Geschichte spannender zu fotografieren, habe ich Leute aus verschiedenen Kulturen mit ungewöhnlichen Zielen gesucht, die so reisen, dass sie fast jede Nacht auf einer anderen Couch übernachten, und habe sie auf der gesamten Reise begleitet.


Wie lange waren Sie unterwegs?

Sechs Monate. Rechnet man die Buchedition und die Recherche hinzu, so beschäftige ich mich seit eineinhalb Jahren mit dem Thema.


Sie haben Unbekannte für eine Weile auf ihren Reisen begleitet. Haben Sie eigentlich immer eine Couch gefunden?

Nein, leider nicht immer. Ich war mit einer Französin und ihrer kalifornischen Freundin von New York nach L.A. getrampt, und der letzte Lift hat uns an einer Tankstelle raus gelassen, und wir kamen einfach nicht weiter. Wir haben schließlich kapituliert und wollten im Hotel nebenan übernachten, aber es war ausgebucht. Den Rest der Nacht haben wir ohne Ende Cola getrunken und sind immer wieder eingenickt, bis schließlich der Sheriff kam. Er hat uns in den Nebenraum verbannt, es war eine Automaten-Spielhalle. Wir saßen auf Hockern, die Köpfe an die einarmigen Banditen gelehnt, und der Krach hat uns fast den Verstand geraubt.


Einige Fotos erinnern an Ryan McGinleys Arbeiten, der jedes Jahr mit jungen Leuten durch Amerika reist, alle sind immer ausgelassen und sehen gut aus. Hat Sie ein bestimmter Fotograf beeinflusst, oder spiegeln Ihre Fotos ein Lebensgefühl?

Meine Fotos spiegeln hoffentlich das Lebensgefühl der Menschen, die ich auf ihren Reisen begleitet habe. Mein Ansatz ist ein dokumentarischer. Ich möchte in dieser Arbeit zeigen, was die Couchsurfer, die ich für das Projekt getroffen habe ausmacht. Wie sie leben, wie sie reisen, was sie auszeichnet. Ich habe diese Menschen in ihrer natürlichen Umgebung fotografiert, bei Tätigkeiten, die sie natürlicherweise vollziehen. Ich habe meine Protagonisten über das Internet kennen gelernt, sowohl die reisenden Hauptprotagonisten, als auch die besuchten Nebenprotagonisten. Ich wusste also nie tatsächlich, auf wen ich treffe, bevor es soweit war. Ich habe beim Fotografieren versucht, mir die gewisse Neutralität des neu Kennenlernens weitestgehend zu bewahren und dennoch intime Momente festzuhalten. Ich hoffe, dass meine Bilder die fast immer ausnehmend freundliche Offenheit der Couchsurfer widerspiegeln. Ich würde Letzteres unterstreichen. McGinley habe ich erst während des Projektes kennen gelernt, kurz vor meiner Indienreise und finde ganz gut, was der Typ macht, er arbeitet jedoch anders als ich. Meine Fotos sind journalistischer. Und ich würde nicht sagen, dass ich von einem bestimmten Fotografen beeinflusst wurde. Sicherlich aber von der Idee, dass meine Fotografien der Realität verpflichtet sein sollten.


Wie gehen Sie beim fotografieren vor, überlegen Sie sich die Komposition vorher, oder überlassen Sie es dem Zufall?

Einige Fotos habe ich bewusst inszeniert, wie das Cover, oder auch die Porträts der Gastgeber, die sich jeweils ihren Lieblingsort aussuchen durften. Insgesamt habe ich aber versucht, möglichst wenig einzugreifen.


Was haben Sie während der Zeit über sich gelernt?

Eine Herausforderung war, dass ich mit den Leuten klar kommen musste, mit denen ich gereist bin. Ich war mit ihnen sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag zusammen. Mit den meisten hatte ich eine gute Zeit, nur ein wohlhabender Reisender, den ich fünf Wochen begleitete, entpuppte sich als notorischer Feilscher- und Pfennigfuchser in einer sehr, sehr armen Weltgegend, was mich schon ein wenig nervte.


Haben Sie auch mal Angst gehabt?

In Mali, am Rande der Sahara, gibt es ein Gebiet, für das das Auswärtige Amt eine Reisewarnung ausgeben hat, drei Wochen vorher wurde dort noch eine Gruppe von elf Franzosen entführt. Wir fuhren auch nicht gerade das unauffälligste Auto, es hatte ein Zebramuster, und darauf war groß "Berlin-Benin" gepinselt. Weil eine Brücke eingestürzt war, mussten wir den Fluss durchqueren, das an sich war schon abenteuerlich genug. Wir müssen wohl falsch abgebogen sein und sind genau in dem Gebiet gelandet, wo wir nicht hinwollten, genau auf der Straße, die man nicht nehmen durfte. Als wir uns nach stundenlanger Fahrt in der Nacht ausruhen mussten, kamen plötzlich Taschenlampen in völliger Dunkelheit aus verschiedenen Richtungen auf uns zu, wir dachten nur "ach, du Scheiße!" Schnell sind wir weitergefahren und haben uns dann an einer Art Truckstopp im Auto hingelegt. Morgens starrte eine Kinderschar zu uns hinein und lachte sich kaputt, aber wir waren nur heilfroh, dass die Nacht überstanden war.


Nach so vielen fremden Couches, ab wann haben Sie sich nach Ihrem eigenen Bett gesehnt?

Eigentlich immer mal wieder und zwar nicht wegen der Schlafstätten als solche, ich hatte immer meinen Notschlafsack dabei, sondern weil ich alle drei Tage bei jemand neuem übernachtet habe. Ich hatte ab einer gewissen Zeit keine Lust mehr immer wieder zu erzählen, wer ich bin und was ich mache.


Ein Foto, dass Sie bei "Naked Paul" gemacht haben, einem Amerikaner, der am liebsten nackt herum läuft, hat 2011 den zweiten Preis in der Kategorie "daily life" bei World Press Photo gewonnen – kann man das noch toppen?

Toppen kann man es auf jeden Fall, man kann ja den ersten Preis machen! Ich recherchiere gerade an einem neuen Projekt, das sich auch um Social Networks dreht, aber die Zeit ist durch die Geburt meines Sohnes knapper geworden.


Kann man auch auf Ihre Couch surfen?

Ich habe noch nie einen Couchsurfer bei mir gehabt! Bevor ich mit dem Projekt anfing, hatte ich mich angemeldet und wollte auch gern Gastgeber sein. Aber es kam nie dazu, was vielleicht daran lag, dass ich damals in Hamburg-Hammerbrook wohnte, es gibt zweifelsohne nettere Stadtteile. Jetzt lebe ich in Berlin, aber mit neugeborenem Kind ist es eng geworden in der Wohnung. In Zukunft werde ich aber sicher auch Couchsurfing-Gastgeber werden.

Malte Jäger

Buch: "Couchsurfin' the world", Edition Braus, 24,95 Euro

Zu dem Buch wird es im Frühjahr 2012 in Berlin (Galerie Edition Braus, Aufbauhaus) eine Ausstellung geben. Der Termin wird noch bekannt gegeben.
http://www.maltejaeger.de