Martin Kollar - Mannheim

Das Abflussrohr im Kopf

Es sind absurd anmutende Bilder, die der slowakische Fotograf Martin Kollar aus Israel mitgebracht hat. Erklären will er sie nicht, aber er besteht darauf, dass nichts inszeniert ist. Zu sehen ist seine Serie "Field-Trip" jetzt im Zephyr – Raum für Fotografie in Mannheim.

Kaltes Licht, enge Räume – die Ausstellungsarchitektur im Mannheimer Zephyr, dem Raum für Fotografie der Reiss-Engelhorn Museen, wirkt beklemmend. Und sehr nüchtern.

Es gibt keine Bildtitel an den weißen Wänden. Erklärungen schon gar nicht. Auch das Schafsfoto hat keine. Das Tier steht auf einem schäbigen, blutverschmierten Tisch. Eine Frau hält es im angedeuteten Schwitzkasten, eher teilnahmslos. Vor allem: Im Bauch-Fell des Schafes klafft ein Loch, gerahmt von einem verschließbaren Plastikring. Das Schaf verdaut öffentlich. Ein sehr ungemütliches Bild. Aber es zeigt auch eine Forschungspraxis, die gar nicht so ungewöhnlich ist, wie der Mannheimer Ausstellungskurator, Zephyr-Chef Thomas Schirmböck, erzählt. Das Foto ist typisch für die erste Einzelausstellung des slowakischen Künstlers Martin Kollar in Deutschland.

Seine im hellen Licht aufgenommenen Bilder, die bei längeren Aufenthalten zwischen November 2009 und Januar 2011 in Israel entstanden sind, verbreiten vor allem subtiles Unbehagen, eine fast bedrohliche Sprachlosigkeit. Alles Gefühle, die zum Psychohaushalt der Israelis gehören wie orthodoxe Juden zum Straßenbild des Stadtviertels Me'a Sche'arim in Jerusalem. Kollars Fotografien sind Rätselbilder mit erzählerischer Wucht, die manchmal auch komisch, fast abstrus wirken.

Was wird hier dargestellt? Science-Fiction? Realität? Filmkulissen? Oder Alltag? Aber wo um Himmels Willen ist die Welt dermaßen irreal? Selten stimmt die Binsenweisheit mehr, als in dieser Ausstellung von Martin Kollar, dass Betrachter vor allem sehen, was sie sehen wollen. Zumal absolut nichts erklärt wird. Was also ist mit dem Mann mit der Halskrause, dem ein anderer über eine Konstruktion aus Plastikabflussrohren und einem Kopfhörer ins Ohr pustet?

Kollars Fotos sind bei einem internationalen Großprojekt entstanden, organisiert von Frédéric Brenner. Elf Fotografen waren zwischen 2009 und 2014 in Israel und den Palästinensergebieten mit Carte Blanche unterwegs. Ohne Vorgaben, ohne Einschränkungen. Größen wie Thomas Struth, Jeff Wall oder Stephen Shore (art berichtete). Und eben der auch als Kameramann international erfolgreiche, 43 Jahre alte Slowake, der sich allerdings nur zum Kaffeetrinken und Ausspannen in den Palästinensergebieten bewegte.

Fotografiert hat Kollar ausschließlich in Israel. Und fast ausschließlich an Orten, die sonst kein Unbefugter betritt: auf militärischen Übungsplätzen, in Forschungseinrichtungen, wissenschaftliche Instituten, Niemandsland, über dem eine obskure Spannung liegt. An Reportagefotos, in denen sich die Konflikte zwischen Israel und den Palästinensern direkt eingeschrieben haben, war der Fotograf bei seinem "Field Trip" nicht interessiert. Lieber fotografierte er eine Herde weidender Kühe, flaches Land. Eine Idylle, nur, dass sie eine Rauchwolke stört, die in weiter Ferne nah aufsteigt. Kampfhandlungen?

Bei vielen Arbeiten hat Kollar einfach den Schlüssel weggelassen

Wie der Ausstellungstitel schon sagt, ging es Kollar eher um eine Art Feldforschung und Mentalitätsgeschichte statt um historische Wahrheiten oder Politik. Sein berühmtestes Foto zeigt ein Riesenfass im Hintergrund, davor eine eher wehrlose Barrikade aus Metallschrott. Auf einem Ölfass mit Shell-Logo balanciert ein Autoreifen, durch den man bei Bedarf, wie durch eine Kameralinse schauen kann. Die Kulisse gibt eine menschenleere Gegend ab, mit Mauern und fensterlosen, mehrstöckigen Sichtbetonhäusern. Das gesamte Szenario wäre die ideale Kulisse für eine Freilichtaufführung von Becketts "Warten auf Godot". Dabei ist es wahrscheinlich von einer der vielen Wehrübungen übriggeblieben, die in diesem militärischen Gebiet abgehalten werden.

Ganze Städte in Israel sind nur dazu gebaut worden, den Häuserkampf zu simulieren. Offenbar wird in diesem technisierten und militarisierten Land, das ständig den Ernstfall proben muss. Gleich mehrere Fotos von Kollar handeln von Notfallübungen, inszenierten Schlachtszenen, simulierten Kriegshandlungen mit hollywoodesken Spezialeffekten, die oft mit und für die Medien aufgeführt werden, um der Bevölkerung eine nur vermeintliche Sicherheit zu suggerieren. Auf einer ganzen Serie sieht man Teenager mit Motiv-T-Shirts und kurzen Hosen, die zu zweit vor einer weißen Kamera stehen, gelangweilt, beiläufig, wie Fragezeichen, aufgewühlt, besorgt oder lässig. Zukünftige Soldatinnen und Soldaten bei der Musterung, die Kollar einfach mitfotografiert hat – was der Betrachter der Bilder natürlich nicht weiß.

Bei vielen Arbeiten hat Kollar einfach den Schlüssel weggelassen, der die Komplexität seiner Bilder erklärt, die nicht inszeniert sind, obwohl sie genau das oft zu sein scheinen. Er erklärt nicht, warum Bewachte und Bewacher, ein israelischer Soldat und zwei Männer mit Palästinensertüchern, die auf Turnmatten liegen, auf einem Foto gleichzeitig schlafen, zumal der Soldat eine Maschinenpistole vor sich liegen hat. Oder wieso eine Frau aufgebahrt, den Kopf mit Schläuchen und Messtechnik umkränzt, in einer Art Lagerraum mit herumstehenden Kartons liegt. Oder wieso Theaterkulissen in einer unwirtlichen Gegend herum stehen. Die Geschichter dahinter ist, dass israelische Siedler sie nur aufbauen, um zu sehen, wer sie zerstört. Erst wenn die Täter dann gefasst sind, werden die richtigen Häuser gebaut. Und auch für den Mann mit der Halskrause und Kopfhörern samt Abflussrohren gibt es eine sehr spezifische Erklärung. Er will sich das Rauchen abgewöhnen. Mit Hypnose, die allerdings in Israel verboten ist. Der selbstgebaute Apparat ist der Versuch, die Regelung zu umgehen.

Martin Kollar – Field Trip

bis 31.Mai 2015 im ZEPHYR – Raum für Fotografie in Mannheim
http://zephyr-mannheim.com

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