Leigh Ledare - Kopenhagen

Mehr als alles über seine nackte Mutter

Bekannt ist Leigh Ledare für die pornografischen Bilder seiner Mutter. Doch der amerikanische Fotograf will nicht schockieren, sondern ein Porträt seiner Familie zeigen, erfuhr unser Korrespondent Clemens Bomsdorf im Gespräch mit Ledare.

Draußen ist es eisig kalt, deutlich unter Null. Leigh Ledare steht im Foyer der Kunsthalle Charlottenborg, er trägt dunkle Hose und dunkle Jacke und eine gelbliche Mütze und das, obwohl es drinnen gut geheizt ist.

Sie steht ihm. Ledare wirkt lässig, wie jemand, der mit allen klar kommt und mit nichts und niemandem ein Problem hat. Weder mit seiner Mutter, noch mit seiner Sexualität. "Alma" heißt die erste Arbeit, die am Eingang zu seiner Ausstellung im Obergeschoss präsentiert wird. Das Porträt einer nackten, auf dem Bett liegenden Frau, bekritzelt wie von Kinderhand. "Die Arbeit habe ich Freunden gegeben, damit sie ihr dreijähriges Kind darauf herum malen lassen. Ich finde es sehr interessant zu sehen, wo es Akzente gesetzt hat", sagt Ledare. Gesicht und Geschlecht der Frau sind bemalt als habe da jemand das Unanständige zensieren und die Frau unkenntlich machen wollen, auch auf Oberschenkel, Kissen und Bettdecke gibt es intensiv bearbeitete Stellen. "Mir war wichtig, dass das Kind so jung ist, dass es sich noch nicht zu dem Motiv verhalten kann", so Ledare. Kleinkinder suchten sich anders als Erwachsene Stellen aus, die sie bemalen. Basis des Bildes ist eines jener vielen Fotos, die er über acht Jahre hinweg von seiner der Mutter und, ja, auch deren Vagina, aufgenommen hat.

Es ist der Schockeffekt dieser Motive, der Ledare bekannt gemacht hat: Seine Mutter, wie sie an einen ihrer jungen Liebhaber angebunden ist ("Mom and Catch 22", 2002) oder wie einer ihrer jungen Liebhaber sie mit Cunnilingus stimuliert ("Mom on Top of Boyfriend", 2002) oder wie sie sich selber zwischen den Beinen berührt ("Mom Fingering", 2004) oder eben dort eine Tiara platziert ("Mom with Tiara", 2002). Wer im Internet Artikel über Leigh Ledare sucht und findet, hat den Eindruck, der Mann kenne nur ein Thema. Dabei sind es wohl eher die Journalisten, die nur ein Thema kennen, wenn sie ihn treffen oder seine Arbeiten ansehen. So auch zur Ausstellung, die soeben in der Kunsthalle Charlottenborg in Kopenhagen eröffnet wurde. "Politiken", die linksliberale Zeitung, die gerne von der dänischen Kulturszene gelesen wird, widmet ihm einen riesigen Artikel, interviewt die Kuratorin und zeigt etliche Bilder. Doch dass nur ein gutes Viertel der Ausstellung die Mutter-Serie ausmacht und dass auch diese nur zur Hälfte Nacktporträts von ihr zeigt, geht völlig unter. Ja, er fühle sich schon manchmal missverstanden, sagt Ledare und erweckt nicht den Eindruck, als dass es ihm allzu viel ausmachen würde.

"Es geht hier um viel mehr als die Sexualität meiner Mutter. Familienrelationen spielen eine große Rolle. Mein Bruder, meine Großeltern und ich – wir alle kommen in der Serie vor", so der 1976 geborene Fotograf. Hat man bisher nur über die Serie gelesen und einzelne Bilder gesehen, fällt auf: Die ist ja gar nicht immer nackt. Die Medien lieben es nackte Körper abzubilden, gerne auch in Aktion. Sex sells. Aber Ledares Aufnahmen seiner Mutter sind Teil einer Familienstudie, und selbst so exhibitionistisch veranlagte Menschen wie seine Mutter sind auch mal angezogen. "Es geht hier um viel mehr. Da ist mein Großvater, der fünf akademische Master hatte und an mehreren Universitäten gearbeitet hat." Ledare zeigt ihn neben sich – ein klassisches Fotoporträt wie es in Millionen von Familienalben klebt. Dann das Foto einer kargen Landschaft. "Mein Großvater hatte als Weihnachtsgeschenk fünf nebeneinanderliegende Grabstellen gekauft, damit wir, mein Bruder, meine Mutter, deren Eltern und ich, später dort nebeneinander liegen könnten. Das Bild zeigt den Blick von dort", erklärt Ledare. Die Serie ist eine Annäherung an seine Familie: Die Arbeit zeigt den Exhibitionismus der Mutter und den Spleen des Großvaters, zeigt aber auch, dass die beiden mit ihren mehr (Mutter) oder weniger (Großvater) exzentrischen Seiten von Ledare respektiert werden. Die Kamera und das Foto sind für ihn Instrument der Annäherung und helfen Verhältnisse zu ergründen. Ein bisschen zumindest.

"Leigh Ledare"

Kunsthal Charlottenborg
bis 12. Mai
http://www.kunsthalcharlottenborg.dk/exhibition/view/89

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