Erich Lessing - Graz

Keine Zeit, um Angst zu haben

Als Dokumentarfotograf prägte er nicht nur das Bild der Welt mit, sondern auch den Stil der Pariser Bildagentur Magnum, der er sich in den Fünfzigern anschloss. Anlässlich seines 90. Geburtstags versammelt das Atelier Jungwirth nun einen Querschnitt seiner "Magnum Photos" in einer Ausstellung.

Erich Lessing ist der letzte Überlebende der Magnum-Fotografen der Anfangszeit. Ein Titan, wenn man so will, oder ein Mann am Ende einer Periode, wie er es sieht.

Betrachtet man seine berühmten Dokumentarfotografien der Nachkriegszeit, etwa aus den Tagen der Revolution in Budapest 1956 oder vom zwischen Armut und Vergnügungssucht kreisenden Alltag in den im Wiederaufbau begriffenen Städten Westeuropas, begreift man, dass Lessing mit seiner Kamera Zeitgeschichte festgehalten hat. Nicht zuletzt die Skurrilität der Macht der Symbole verhalf seiner Fotografie zum Erfolg, wie die Ausstellung "Erich Lessing – Magnum Photos" im Atelier Jungwirth in Graz zeigt.

Qualität, Inhalt und Ästhetik machen Lessings Bilder aus. Er sei ein Zuschauer, so sagt er, dessen Leben aus Zuschauen und Mitleben bestehe. Sein Hang zum Politischen in der Fotografie brachte ihn – er dokumentierte Aufstände von mittendrin –, in teils lebensgefährliche Situationen. Doch hatte er während der Arbeit keine Zeit, um Angst zu haben, wie er beteuert. Und seine Politiker- und Künstlerporträts beweisen, dass er auch die Intensität stiller Momente zu deuten und zu nutzen wusste. Seine Bilder von Menschen, Ereignissen und Momenten der Zeitgeschichte gingen um die Welt.

Dabei enthält Lessings Lebenslauf Berufe wie Karpfenzüchter und Strandfotograf – ersteres in einem Kibbuz, in das es ihn nach seinem Radiotechnik-Studium in Haifa zog, zweites um bequem Geld zu verdienen. Spannend fand er diese Art der Fotografie zwar nicht, aber immerhin konnte er zwischendurch entspannt in der Sonne liegen. Nachdem er 1939 mit nur 16 Jahren vor den Nazis von Wien nach Israel geflohen war – er stammt aus einer jüdischen Familie –, kehrte er 1947 nach anfänglichem Zögern nach Österreich zurück, wo er als Dokumentarfotograf für "Associated Press" zu arbeiten begann. Da sich die vom Krieg gebeutelte Bevölkerung nach Bildern sehnte, reiste er als Fotograf schon bald von München aus für verschiedene Magazine um die Welt.

1951 dann wurde er Teil der Pariser Bildagentur Magnum. Aus dieser Zeit stammt auch die Fotografie eines Massen-Duschraums in einer Kohlenmine im Ruhrgebiet, auf der zahlreiche Männer nackt herumstehen, manche mit dem Rücken zum Fotografen, andere zu ihm blickend, und sich waschen. In der leichten Verschwommenheit und Bewegungsunschärfe in Teilen der Schwarzweißaufnahme sowie dem aufsteigenden Dampf des Wassers, das aus bedrohlich wirkenden, hoch an der Decke befestigten Duschhähnen rauscht, scheint ein Geheimnis verborgen zu liegen und man fühlt sich an ein düsteres Kapitel der Geschichte erinnert. Auch hat man sofort vor Augen, wie diese Männer in der unterirdischen Dunkelheit hart arbeiten müssen, um ihre Familien über die Runde zu bringen, und dabei ihre Gesundheit gefährden.

Von Fröhlichkeit hingegen zeugt eine Aufnahme vom Wiener Prater im Jahr 1954, auf dem zwei beleibte Krankenschwestern in den Schaukeln eines Kettenkarussells über die Köpfe der am Boden stehenden Menschen hinwegfliegen. Völlig unbeschwert wirkt diese Szenerie dennoch nicht, als hinge noch ein Schatten der Kriegsjahre an den Menschen, den sie zu vertreiben versuchten. Anders die Fotografie Eisenhowers in Genf 1955. In Zeiten des Kalten Krieges strahlt der lächelnde und mit seinem Hut grüßende US-Präsident Macht, Unbekümmertheit und Überlegenheit aus. Ein politisches Statement, für das ein Bild genügt.

Erich Lessing – Magnum Photos

Termin: 30. Juli bis 26. Oktober, Atelier Jungwirth, Graz
http://www.atelierjungwirth.com/index.php?idcatside=1007