Duell der Foto-Festivals - Hamburg/Frankfurt am Main

Kampf der Giganten

Gleich zwei Fotofestivals haben in den letzten Wochen eröffnet und Publikum aus ganz Deutschland angelockt: die Triennale der Photografie in Hamburg und die RAY – Fotografieprojekte in Frankfurt am Main. Wer kann mehr?

Worum geht es?

Triennale der Photographie Hamburg

Unter dem Motto "The Day Will Come" sollen Kuratoren, Künstler, Wissenschaftler anderer Disziplinen und Besucher angeregt werden, über die Zukunft der Fotografie nachzudenken. Wie hat die digitale Bildwelt unsere Gesellschaft beeinflusst? Warum produzieren wir Milliarden von Bildern täglich? Hat die Telefonkamera unsere Wahrnehmung verändert? Welche Rolle spielt der Fotograf heute? Was kommt nach der digitalen Revolution?

Fazit:

In interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Kuratoren, Künstlern, Futurologen und Soziologen soll eine Brücke in die Zukunft geschlagen werden. Das Motto, ein Bibelzitat, erregt Aufmerksamkeit und erzeugt Neugier. Der Tag wird kommen, an dem die Menschen unter der Bilderflut ersticken. Eine kritische Auseinandersetzung mit Facebook und Instagram schwingt mit, wichtig ist die Selektion.

RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain

Das Thema der zweiten Fototriennale RAY lautet "Imagine Reality". Im Rahmen der Ausstellungen stehen Bildfindungen zu subjektiven und inszenierten Wirklichkeiten im Fokus. Was für eine Realität sehen wir auf dem Bild, eine echte oder eine fiktionale? Welches Potenzial hat die Schaffung neuer Realitäten? Wie verändert das die fotografische Praxis? Wie kann man sich die Zukunft des Mediums Fotografie vorstellen?

Fazit:

Die RAY gibt sich zukunftsweisend bis avantgardistisch. Konkret umgesetzt wird das durch Auftragsarbeiten und Neuproduktionen, die exklusiv für RAY 2015 entstanden sind. Die Ausstellung ist also nicht nur ein Spiegel der internationalen Fotografie-Szene, sondern zeigt auch, wie zeitgenössische Künstler Fragmente der Wirklichkeit als Ausgangspunkt nehmen, um imaginäre und visionäre Bildwelten zu erschaffen. Echter und virtueller Raum, Dokumentation und Inszenierung vermischen sich in ihren Werken.

Wie wurde es umgesetzt?

Triennale der Photographie Hamburg

Mit einem Jahr Verspätung – von offizieller Seite "zu Gunsten einer intensiveren Vorbereitung" – geht die diesjährige Veranstaltung an den Start. Sie "stiehlt" so der Frankfurter Triennale das Publikum.

Die Ausstellungen in acht Hamburger Museen sowie kulturellen Institutionen und in einem kreisförmig angeordneten Containerdorf bilden das Herzstück der Hamburger Triennale. Das Containerdorf war als kommunikativer Treffpunkt gedacht. Als Rahmenprogramm mit Konferenz, Künstlergesprächen, Workshops, Portfoliosichtungen und Parties ergänzt die Ausstellungen.

Fazit:

Kommunikation ist in Hamburg das A und O. Fotografen tauschen sich mit Kuratoren und dem Publikum aus, es herrscht ein reger Kontakt zwischen Realisatoren und Besuchern. Auch fachfremdes Publikum soll sich von der Veranstaltung angesprochen fühlen.


RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain

RAY zeigt auch in der zweiten Ausgabe herausragende Positionen der zeitgenössischen Fotografie an insgesamt zwölf Standorten in Frankfurt und der Region. In einer zentralen Ausstellung und acht Partnerprojekten widmen sich über zwölf Institutionen sowie 35 Künstlerinnen und Künstler aus 15 Nationen Bildfindungen zu subjektiven und inszenierten Wirklichkeiten.

Das sechsköpfige Kuratoren-Team hat 28 Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, deren Werke in der Ausstellung "Imagine Reality" im Fotografie Forum Frankfurt, im Museum Angewandte Kunst und im MMK 1 des MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main gezeigt werden. Vereinzelt werden Workshops angeboten.

Fazit:

RAY bietet eine Triennale im klassischen Sinn, realisiert als akademische Museumsveranstaltung mit regulären Ausstellungslaufzeiten. Die Hemmschwellen bei Interessenten ohne Vorbildung sind jedoch relativ hoch.

Fakten zu den Künstlerischen Leitern

Triennale der Photographie Hamburg

Krzysztof Candrowicz, geboren 1979, studierte Kunstsoziologie an den Universitäten in Lodz, Polen, und Thessaloniki, Griechenland. Nach dem Master-Abschluss in Kulturmanagement und Integration an der polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau gründete er 2001 Fotofestiwal, das internationale Fotofestival in Lodz sowie die Stiftung für Visuelle Erziehung und das Lodz Art Center in Polen. 2004 folgte die Gründung der PhotoFestivalUnion, eines Netzwerks von dreißig europäischen Fotofestivals.

Er ist tätig als Gastkurator und Redner bei zahlreichen Museen, Fotoschulen und Fotofestivals in Europa, den USA, in China, Brasilien und Russland.

Fazit:

Candrowicz ist ein junger, dynamischer Typ, der die Gleichgesinnten zum Tanzen bringt – sogar auf der Open-Air-Eröffnung im Hamburger Regen bei einer Temperatur von 8°C.


RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain

Celina Lunsford steht stellvertretend für das Kuratorenteam der Hauptausstellung bei RAY 2015, bestehend außerdem aus Alexandra Lechner, Peter Gorschlüter, Matthias Wagner K, Jule Hillgärtner und Anne-Marie Beckmann. Geboren wurde sie 1960 in Asheville, North Carolina. Lunsford studierte Kunstgeschichte und Fotografie an der Universität von Tennessee, Knoxville, und der New York University. Als Kunstkritikerin und Kuratorin ist Lunsford sowohl auf internationale Tendenzen der Fotografie als auch Fotogeschichte spezialisiert.

Seit 1992 ist sie Künstlerische Leiterin des Fotografie Forums Frankfurt. Daneben ist sie Vizepräsidentin der Deutschen Fotografischen Akademie (DFA) und Mitglied in den Wahlausschüssen des Fotografiepreises Prix Pictet sowie dem der Deutsche Börse Photography Prize Academy.

Sie kuratierte 2011 das Fotofestival Lodz und 2007 das Lianzhou Festival in China und ist als Reviewer beim Houston FotoFest International, bei der Joop Swart Masterclass, Amsterdam, und dem Asia-Europe Foundation Forum for Photographers tätig.

Fazit:

Lunsford gilt als unkonventionell denkende Intellektuelle, die mit philosophischen Fragen Diskurse im Fachpublikum anzuregen versteht.

Typologie des Publikums

Triennale der Photographie Hamburg

In Hamburg steht die Fotografenszene in reger Kommunikation mit der an sie Angedockten, darunter Bildredakteure, Galeristen, Journalisten und PR-Agenten.

RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain

In Frankfurt bleibt das Fachpublikum gerne unter sich, ein Austausch zwischen Veranstaltern und Fotografen mit den Besuchern ist eher spärlich.

Highlights

Triennale der Photographie Hamburg

Philipp Toledano

Der 1968 in London geborene Fotograf variiert in seinen Serien, die unter dem Thema "When Man Falls" zusammengestellt sind, die Konfrontation mit Themen wie Alter und Abschied sowie durch medizinisch-technische Fortschritt möglich gewordene Veränderungen. Toledano provoziert mit direkt auf den Betrachter gerichteten Formen eines realen oder transformierten Gegenübers. Mit seinen fotografischen Inszenierungen stellt er die narzisstischen Selbstwahrnehmungen seines Ichs und die der Betrachter infrage.

#snapshot

Die von Anna-Kaisa Rastenberger und der Helsinki School of Photography kuratierte Ausstellung zur digitalen Bilderflut wirkt etwas zu plakativ. In die Ecken gekippte Berge ausgedruckter Fotos und die Erfassung der Ausstellungsbesucher durch Kamera und Profilerstellung im Internet spiegeln die Ist-Situation auf eindrückliche Weise wieder und wirft die Frage auf, welche Rettungswege es aus dem Bilderboom gibt.

Fazit:

Die exemplarischen Ausstellungen entsprechen dem endzeitlich anmutenden Motto "The Day Will Come". Sie nehmen Stellung zum Thema Transformation (sowohl auf persönlich-individueller Ebene – wie bei Toledano – als auch auf techno-soziokultureller Schiene – siehe #snapshot.


RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain

Trevor Paglen

In seiner Ausstellung "Octopus" verbildlicht der 1974 in Camp Springs, Maryland/USA geborene Fotokünstler und Aktivist Trevor Paglen unsichtbare Strukturen der Überwachung. Als Material dienen ihm dabei unter anderem Satellitenaufnahmen und mit Drohnen entstandenes Bildmaterial. Seinen Bildern stellt er die Resultate seiner investigativen Recherchearbeit zur Seite.

Kathrin Sonntag

Die 1981 in Berlin geborene deutsche Fotokünstlerin Kathrin Sonntag untersucht mit Bildern, Collagen, Diaprojektionen, Filme und Skulpturen den Vorgang des Sehens, Wahrnehmens, Beobachtens und Erkennens. Symptomatisch für das Motto "Imagine Reality" kann gelten, wie Sonntag den dokumentarischen Charakter von Fotos infrage stellt.

Simon Starling

Der britische Künstler, 1967 in Epsom/Surrey geboren, extrahiert Partikel aus Silbergelatineabzügen und wandelt diese zu dreidimensionalen übergroßen Skulpturen aus hochglänzendem Edelstahl um: eine weitgreifende Transformation des Mediums Fotografie, in der mikroskopisch kleine Details zu erschlagenden Objekten werden.

Fazit:

In den programmatisch kuratierten Ausstellungen, die mit eigens für RAY realisierten Neuproduktionen bestückt sind, öffnen sich Türen zu einer neuen Sicht auf das Medium Fotografie: die Verschmelzung von Wirklichkeit und Schein zu einer narrativen Fiktion.

Fakten zu aktuellen Veranstaltungen und zur Gründungsgeschichte

Triennale der Fotografie, Hamburg

Die Triennale fand 1999 erstmals statt. Es beteiligten sich vier Museen und Institutionen sowie vierzig Galerien und andere Veranstaltungsorte.

Bei der letzten Triennale im Jahr 2011 wurden während der Festivallaufzeit 50 000 Besucher in den Ausstellungen gezählt. 2008 wurden 200 000 Besucher in der gesamten Laufzeit der Triennale registriert.

Die Triennale der Photographie wurde von der Kulturbehörde, der ZEIT Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und Hamburg Marketing GmbH gefördert. Zusätzliche Zuwendungen kommen von den Sponsoren HP, OLYMPUS und MINI. Die Zuwendung der Kulturbehörde für die Triennale belief sich auf insgesamt 380 000 Euro. Die Förderung für zwei Ausstellungen kamen noch gesondert hinzu: Das MKG erhielt 292 000 Euro für die Sonderausstellung "When We Share More Than Ever" und die SHMH 373 500 Euro für die Sonderausstellung "When the past meets the future". Darüber hinaus werden die Museen, die sich an der Triennale beteiligt haben, von der Kulturbehörde institutionell gefördert, so dass weitere Mittel der Behörde auch in den zur Triennale gezeigten Ausstellungen (und nicht nur in den Sonderausstellungen) stecken. Die Budgets der Förderer und Sponsoren waren zusammen deutlich höher als in der Vergangenheit. Alle Partner bringen diverse Leistungen ein, wie zum Beispiel Druck, Kameras, Fahrdienste.

Die Triennale der Photographie Hamburg geht auf eine Initiative des Fotografen und Sammlers F. C. Gundlach zurück. Seit 1999 findet das Fotofestival alle drei Jahre in Zusammenarbeit mit den großen Hamburger Museen, kulturellen Institutionen, Galerien und weiteren Veranstaltern in Hamburg statt. Inzwischen ist die Triennale der Photographie Hamburg ein Deutschland weit bedeutendes Fotoevent von internationaler Reputation geworden. Mit einer großen Anzahl von Fotoausstellungen unter einem gemeinsamen Motto wird hier die gesamte Bandbreite fotografischer Techniken und Stile präsentiert. Begleitet wird das Fotofestival von einer internationalen Konferenz, Künstlergesprächen, fachspezifischen Diskussionen und Vorträgen, sowie Portfoliosichtungen und Projektionen.


RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain

Ray startete am 19. April 2012 als neue Fototriennale in Frankfurt, Darmstadt, Rüsselsheim, Eschborn und Hofheim.

Bei der ersten Veranstaltung RAY im Jahr 2012 wurden rund 40 000 Besucher verzeichnet.

RAY Fotografieprojekte kann auf ein Jahresbudget von etwa einer Million Euro zurückgreifen. RAY 2015 ist eine Initiative von Kulturfonds Frankfurt RheinMain und eine Kooperation von Art Collection Deutsche Börse, Darmstädter Tage der Fotografie, Sammlung Deutsche Bank und einigen anderen Insitutionen.

Der Titel der ersten Ausgabe von RAY Fotografieprojekte lautete "Making History". Es sollte den Fragen nachgegangen werden, was die wichtigsten Bilder der letzten Jahre waren und welche Bilder der Gegenwart bleiben werden.

Das Fotografie Forum Frankfurt, das Museum Angewandte Kunst und das MMK Museum für Moderne Kunst präsentieren gemeinsam die Hauptausstellung "Imagine Reality".

Die Daten

Die Triennale der Photographie Hamburg unter dem Motto "The Day Will Come" fand vom 18. bis zum 28. Juni 2015 an verschiedenen Orten in Hamburg statt.
Photo-Triennale Website


RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain läuft noch bis zum 20. September 2015 an verschiedenen Orten in Frankfurt am Main.

RAY Website