Walker Evans

Das Bild ist eine Tötung

Der Amerikaner beeinflusste die moderne Fotografie bis zur Street Photography wie kein zweiter.
Das Bild tötet:Walker Evans sah die Fotografie als Jagd

Walker Evans, Februar 1937

Ursprünglich wollte Walker Evans (1903 bis 1975) Schriftsteller werden. Doch als der Sohn einer reichen Familie nach einem abgebrochenen Studium der französischen Literatur 1926 ein Jahr in Paris verbrachte, schrieb er keinen Debütroman, sondern experimentierte lieber mit einer Kamera.

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Fotoikone zur großen Depression in den USA von Walker Evans: "Allie Mae Burroughs", 1935/36

Ein Glück für die Kunstgeschichte: Evans ebnete der modernen Fotografie den Weg in die Kunst. Bis heute bleibt er einflussreich für ganze Dokumentargenres, etwa die Street Photography. Die große Depression, die die amerikanische Gesellschaft ab dem Ende der zwanziger Jahre eine Dekade lang im Griff hatte, prägte eine Fotografengeneration.

Obwohl Evans selbst sich nie als Weltverbesserer mit der Kamera verstand und mit kühler Distanz das ablichtete, was ihm ins Auge sprang, wurden seine Bilder, die um die Mitte der dreißiger Jahre das Elend der Landbevölkerung in den Südstaaten dokumentierten, als Sozialkritik aufgefasst. Ähnliche Berühmtheit erlangte später eine Serie von 1938 bis 1941, als der Fotograf mit einer versteckten Kamera Passagiere in der New Yorker Subway aufnahm. Die Arbeit mit der Kamera war für Evans eine "extrem schwierige Handlung". Bilder, die stimmungsvoll, geheimnisvoll und zugleich realistisch seien, hielt er für einen seltenen Erfolg, "fast einen Unfall". Evans, dem das New Yorker MoMA 1938 die erste monografische Fotografieausstellung in der Geschichte des Museums ausrichtete, verglich das Fotografieren gerne mit der Jagd: "Die Art und Weise ähnelt sich, wie man sich einer Maschine bedient, um etwas zu schießen. Man schießt, um zu töten. Wenn man das erhoffte Bild hat – das ist eine Tötung. Das ist ein Volltreffer."

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Walker Evans: "Frame house. Charleston, South Carolina", 1936

Die von James Crump, ehemaliger Chefkurator am Cincinnati Art Museum, organisierte Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau mit über 200 Originalabzügen beschränkt sich nicht auf die Ikonen, sondern zeigt auch weniger bekannte Fotografien, etwa die kurz vor Evans’ Tod entstandenen farbigen Polaroids.

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