Boris Mikhailov

Hannover



ALLTAG, KUNST UND WIDERSPRUCH

Er brach Tabus und galt als einer der meistgehassten Künstler in der Sowjetunion. 1938 in der Ukraine geboren, war Boris Mikhailov mit seiner Kamera Zeuge und Chronist der UdSSR. Das Sprengel-Museum Hannover widmet dem "Spectrum"-Preisträger 2013 eine Ausstellung: "Die Bücher 1968-2012".
// MAIK SCHLÜTER, HANNOVER

Ein überdimensionaler Dildo sticht dem Künstler im wahrsten Sinne ins Auge. Eingeklemmt zwischen Oberarm und rechtem Auge bildet der künstliche Phallus eine Verbindung zwischen dem angespannten Bizeps und der Pupille. Boris Mikhailov, geboren 1938 in Charkow in der UdSSR, thematisiert auf groteske und direkte Weise das Verhältnis von Potenz, Kraft, Kreativität, Sehen und Fotografieren.

Allerdings scheint diese virile Form der Kunstproduktion ins Wanken geraten zu sein und ist gleichermaßen als ironischer wie zweifelnder Kommentar zu lesen. Der Titel bestätigt diese These: "Ich bin nicht ich" (1992) und verweist deutlich auf einen Bruch im Selbstverständnis des Künstlers. Mikhailov inszenierte sich selbst nackt vor der eigenen Kamera und variiert die Pose mit Dildo mehrfach: mal als Verlängerung des eigenen Penis, dann eingeklemmt im Hintern oder in den Mund gesteckt. Nicht nur sexuelle Praktiken werden hier explizit konterkariert, sondern auch eine metaphorische Form der Penetration. Wer hat die Macht und die Kraft zur Unterwerfung? Wer ist von wem abhängig? Wer bestimmt die Posen und Gesten des Künstlers? Mikhailov zeigt sich in klassischer Pose als Denker, als Muse oder als Clown. Auf einem Bild hält er ein Klistier in der Hand: Inspiration und Produktion werden so zu einer Frage der Verdauung.

Seit 1990 ändert sich die politische Landschaft im Osten massiv. Nach dem Fall der Mauer verschwindet die kommunistische Gesellschaft und hinterlässt eine ungeheure Leere. Ein rasender und unbarmherziger Kapitalismus verspricht zwar Demokratie und Wohlstand für alle, lässt aber mit der Einlösung dieses Versprechens auf sich warten und verschweigt, dass es auch viele Opfer geben wird. Boris Mikhailov hat die Entwicklung in der Ukraine mehr als 40 Jahre als Fotograf und Künstler begleitet. Seit Mitte der sechziger Jahre arbeitet er kontinuierlich unter zum Teil schwierigsten Bedingungen. Sein Werk wurde in der Sowjetunion nicht beachtet, und als nicht offizieller Fotograf durfte er weder arbeiten noch ausstellen. Er galt als verdächtig und subversiv und musste mehr als einmal beim KGB vorsprechen, um sich für seine Arbeiten zu rechtfertigen. Der Fall der Mauer, die Öffnung der Grenzen und die beginnende Anerkennung seiner Arbeiten im Westen, schließlich sein Umzug nach Berlin, bedeuten auch für den Künstler eine massive Neuorientierung. Auch davon spricht die Arbeit "Ich bin nicht ich".

Inszenierung und Nacktheit sind wichtige und kontinuierliche Größen im Werk von Mikhailov. In den ersten Arbeiten wie "Susi und die anderen" (1960/1970) oder "Die Stadt/Schwarzes Archiv" (1968/1979) zeigt er zwar dokumentarische Ansichten und gibt damit Einblick in das Alltagsleben der Sowjetunion, diese "offiziellen" Dokumente sind aber gemischt mit Bildern aus dem privaten Umfeld. Freunde, Partnerinnen und Mikhailov selbst inszenieren sich vor der Kamera: häufig erotisiert und clownesk zugleich. Frei und anzüglich, traurig und einsam zeigt Mikhailov das Spektrum der Gefühle, die so gar nicht passen wollen zum einheitlichen Bild des aufrechten Proletariers. Die Arbeit von Mikhailov wurzelt in der Anteilnahme, im Verständnis und im Widerspruch zum kruden System des Sowjetischen. Er selbst sagt "Ich habe mich nie als Chronist verstanden, sondern immer als Künstler, der Sinn und Schönheit suchte. Zum Chronisten bin ich erst nach dem Untergang der Sowjetunion geworden."

Boris Mikhailov ist Erotiker, Konzeptualist und Dokumentarist mit der Kamera. Seine Bilderzyklen sind durchdrungen von Lust und Leiden, von ganz subjektiven Verweisen, von politischen Kommentaren, und sie zeichnen sich durch eine große formale Vielfalt aus. Der Fotograf übermalt mit Buntstiften einzelne Teile seiner Bilder oder koloriert sie professionell, schreibt Kommentare unter und auf die Bilder, collagiert, dokumentiert und inszeniert häufig in einem Arbeitsschritt. Eine herausragende Arbeit ist seine "Unvollendete Dissertation"(1984/85). Hier zeigt sich der konzeptuell arbeitende Mikhailov, der gleichermaßen die Bezüge von Dokumentieren und Inszenieren, Ästhetik und Alltag, Bedeutendem und Banalem reflektiert.

Bevor seine Fotografien als großformatige Bilder präsentiert wurden und mittlerweile international ausgestellt sind, fasste er seine Fotografien in Büchern zusammen. Und als Büchermacher wird er auch als aktueller Preisträger des Spectrum Fotopreises der Stiftung Niedersachsen im Sprengel Museum in Hannover gezeigt. Kuratorin Inka Schube stellt mit insgesamt 20 Bilderzyklen nicht nur die umfassendste Retrospektive vor, sondern hat eine absolut schlüssige und einzigartige Präsentation erarbeitet, denn das Werk wird in großen Vitrinentischen vollständig, chronologisch und im Kontext der Entstehung gezeigt. Als Besucher geht man Meter für Meter die Präsentation ab und sieht sich regelrecht fest an der Fülle des Materials. Die Fotografien sind einzeln hintereinandergelegt oder als Gruppen auf Papier geklebt, bemalt oder mit Schrift überzogen. Jede Phase des politischen Systems, unter dem Boris Mikhailov lebte, litt und liebte, wird sichtbar. Wie diese gekonnte Präsentation den Blick auch auf das Gesamtwerk und einzelne zum Teil kontrovers diskutierte Arbeiten ändert, lässt sich exemplarisch mit der Arbeit "Case History (Krankengeschichte)" (1997/99) belegen.

Als Mikhailov die Bilder der Krankengeschichte erstmals zeigte, war der Widerspruch, die Ablehnung, der Ekel, ja der Hass auf den Künstler und seine Bilder immens. Einige Protagonisten der damaligen Kritik forderten sogar das Verbot solcher Fotografie. Denn der Fotograf zeigte nicht nur das Elend der Obdachlosen in seiner Heimatstadt Charkow nach dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, er bezahlte auch die kranken und verstoßenen Menschen dafür, dass sie sich vor der Kamera nackt inszenierten. Damit stellte Mikhailov den moralischen Konsens sowohl vom Kunstbetrieb als auch vom vermeintlich guten Fotojournalismus massiv in Frage und forderte eine direkte Anteilnahme und Positionierung heraus.

Sieht man heute diese Arbeit, eingebettet in das umfassende, vielschichtige, auf ganz vielen intellektuellen, emotionalen und formalen Ebenen funktionierende Gesamtwerk, wird klar, dass Mikhailov alles andere als fahrlässig gehandelt hat. Denn jede seiner Arbeiten spiegelt auch formal die politischen und sozialen Rahmenbedingungen der russischen Gesellschaft wider. Auf den Bildern im Postkartenformat, die in Hannover zu sehen sind, zeigt der Fotograf auch den urbanen, sozialen und privaten Raum der Protagonisten. Boris Mikhailov sagt: "Es sind Menschen wie alle anderen auch. Warum sie nicht nackt zeigen? Die Sexualität gehört immer dazu." Voyeurismus sieht anders aus, denn Mikhailov schaut diesen Menschen ins Antlitz. Die vermeintlich skandalöse Nacktheit ist Teil des großen und konsequenten Bildkonzeptes seiner gesamten Arbeit. Die befreiende Kraft der Sexualität wird bei ihm häufig zum Bumerang: Bietet sie einerseits den ekstatischen Ausweg, kann zum anderen der Körper die Schwerkraft niemals überwinden. Lust und Leiden sind untrennbar aneinandergekoppelt.

Im Sprengel-Museum Hannover kann man dank der präzisen Aufarbeitung die gegenseitige Durchdringung von Ideologie und Tagtraum, Politik und Poesie, Gefühl und Härte, Bild und Abbild auf allen Ebenen nachvollziehen. Mikhailov erzählt die Geschichte des Sowjetischen. Die Bilder sind voller Verweise, Zeichen, Riten, Gesten und Kommentare, die man mitunter kaum oder gar nicht entziffern kann. Das wird klar, wenn Boris Mikhailov selbst als Vermittler auftritt und über seine Arbeit spricht. Aber auch ohne seinen Kommentar erreicht dieses Werk eine existenzielle Gültigkeit, denn was er zeigt und wie er es zeigt ist von so großem emotionalen und visuellen Reichtum, dass es keiner politischen Systeme und historischer Fakten bedarf, um davon berührt zu werden.

Boris Mikhailov: Die Bücher 1968-2012

bis 20. Mai, Sprengel Museum Hannover, Die Publikation erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König, erhältlich für 29 Euro

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