Architekturfotografie

Winterthur



JUBILÄUMSAUSSTELLUNG IN WINTERTHUR

Das Fotomuseum Winterthur feiert seinen 20. Geburtstag mit einer Ausstellung zur Architekturfotografie. Die Institution hat in ihrer Vorreiterrolle eine unglaubliche Erfolgsgeschichte erlebt – auch dank Gründungsdirektor Urs Stahel, der sein Geschick in diesem Sommer in jüngere Hände übergibt.
// GERHARD MACK, WINTERTHUR

"Concrete" heißt die neue Ausstellung des Fotomuseums Winterthur. Das Wort meint Beton, das beliebteste Baumaterial unserer Zeit, aber auch das Konkrete, das Gebäude sind, die Wucht, mit der sie Landschaften und Stadträume prägen. Mit beidem ist die Mammut-Veranstaltung zur Architekturfotografie typisch für die Arbeit der Institution, die in diesen Tagen ihren 20. Geburtstag feiert.

Denn die weit über 400 Arbeiten vom Fotopionier Henry Fox Talbot bis in unsere unmittelbare Gegenwart, die Kurator Thomas Selig zusammengetragen hat, reflektieren das Verhältnis zwischen dem immer flüchtiger werdenden Bildmedium und der wohl massivsten Gestaltungsform überhaupt, nämlich der Architektur. Anhand von Themen wie Macht und Verfall, anhand von Städten von Paris bis Chandigarh wird assoziativ und in vielen Dialogen vorgeführt, wie Wohnwelten und Siedlungen sich entwickelt haben und wie unser Bild davon durch die Fotografien geprägt ist, die wir davon sehen. Wenn wir Aufnahmen von Venedig am Ende des 19. Jahrhunderts erblicken, stellen wir fest, dass der Markusplatz heute zwar immer noch ähnlich wie damals aussieht. Zimmer, in denen illegale Migranten hausen, weisen jedoch darauf hin, dass die Lebenswelt in der Lagunenstadt eine ganz andere geworden ist.

Ein solches Nachdenken über die eigene Gegenwart, sowohl über die Entwicklungen, die sie prägen, ohne dass man sie besonders wahrnimmt, wie auch über das Bildmedium, das sie aufzeichnet, uns erst sichtbar macht und auch beeinflusst, gehört von Anfang an zum Selbstverständnis des Fotomuseums Winterthur dazu. "Mich interessiert Fotografie, weil sie im Spannungsfeld zwischen der Dokumentation und der Gestaltung von Wirklichkeit steht, weil sie sich an dem reibt, was sie zeigt, und weil sie zugleich als Bild eine eigene Qualität gewinnt", hat Urs Stahel diese Position bereits früh auf den Punkt gebracht.

Der Direktor hatte sich dazu eine passende Vaterfigur gewählt. Robert Frank lieferte den Gründungsmythos für die Institution. Der Schweizer Fotograf ging in die USA, veränderte dort 1958 mit seinem Buch "The Americans" die Selbstwahrnehmung des Landes und ist seither mit zahllosen Arbeiten zur Selbstbefragung der Fotografie aus dem kritischen Diskurs des Mediums nicht mehr wegzudenken. Er hatte 1987 eine große Ausstellung im Musée de l'Elysée in Lausanne. Der Kulturförderer George Reinhart aus der Winterthurer Händler-Dynastie suchte Interessenten, die die gesamte Präsentation kaufen und sie einem Museum übergeben würden, da der Fotograf in der Schweiz kaum vertreten war. Immerhin hatte Reinhart zwei Jahre zuvor Franks Film "Candy Mountain" produziert. Der Ankauf der Ausstellung scheiterte. Reinhart kaufte daraus 30 Polaroids aus den siebziger Jahren und musste feststellen, dass es keine Institution gab, der er sie hätte geben können.

Es gab damals schlicht kein Fotomuseum in der deutschsprachigen Schweiz, das Musée de l'Elysée zeigte vor allem klassische Positionen der Schwarzweißfotografie und war überdies mit der Schweizerischen Stiftung für die Photographie in Zürich in endlose Auseinandersetzungen verstrickt. Diesen Mangel empfanden auch Walter Keller, der damals als Verleger des Scalo Verlags eine Neuauflage von Robert Franks Buch "The Lines of my Hands" herausgebracht hatte, und Urs Stahel. Der war freier Fotokritiker und Dozent an der Zürcher Schule für Gestaltung und dem angegliederten Museum. Dort hatte er mit Martin Heller nach unendlichen Mühen junge Schweizer Fotografen aus den achtziger Jahren vorgestellt. "Wichtige Bilder" hieß die Schau. Die drei saßen im Sommer 1990 zusammen und beschlossen, ein Fotomuseum für die deutschsprachige Schweiz zu gründen. George Reinhart würde für die Anschubfinanzierung aufkommen, Urs Stahel sollte das Haus als Direktor leiten. In Winterthur gab es in einer ehemaligen Textilfabrik geeignete Räume, die man umbauen konnte. Außerdem war die Distanz zu Zürich willkommen, wo man die Fotografie bisher eher hochnäsig behandelt und mit gelegentlichen Ausstellungen am Kunsthaus Zürich abgespeist hatte.

Programmatisch sollte das neue Fotomuseum "die Bedeutung der Fotografie kenntlich machen, sie attraktiv zeigen und Interesse dafür wecken", erinnert sich Urs Stahel. Das war gerade vor dem Boom, den das Genre kurz darauf in Museen, auf dem Kunstmarkt und in den Medien erlebte. Das Fotomuseum Winterthur wollte eine "Denkmaschine für Fotografie" sein. Das ließ eine Vielfalt von Aktivitäten zu.

Stahel entwickelte jedoch ein klares Konzept mit drei Strängen. Wie in einer Kunsthalle sollten junge Fotografen zu Wort kommen, die sich durch Persönlichkeit und Haltung auszeichneten, und sollte Offenheit gegenüber Schnittstellen gepflegt werden. So hatten die Künstlerinnen Roni Horn und Shirana Shahbazi hier ebenso Ausstellungen wie Nan Goldin, die mit Fotografien von ihrem Umfeld zur Beobachterin der Aids-Jahre in New York wurde. Und Gilles Peress zeigte seine erschütternde Reportage über den Bosnienkrieg und seine Folgen "Abschied von Bosnien". Daneben kamen, meistens in Form von Ausstellungsübernahmen, Klassiker des Mediums zu Wort. Allerdings weniger, um große Namen zeigen zu können, als um zu fragen, was heute ein Eugène Atget noch zu sagen hat, wo Walker Evans und W. Eugene Smith für die heutige Fotografie und für das Verständnis der Welt relevant sind.

Eine dritte Schiene schließlich galt übergreifenden Themen. Besonders in Erinnerung geblieben sind daraus die Ausstellungen zur Industriefotografie und zum heutigen Objektfetischismus "Im Rausch der Dinge". Dass die Jubiläumsausstellung nicht eine Lichtgestalt aus der Geschichte des Mediums präsentiert, sondern mit der Architekturfotografie wieder ein seit langem virulentes Thema in Sisyphusarbeit aufbereitet, betont, wie zentral dieser soziologische Strang fürs Selbstverständnis des Fotomuseums Winterthur ist.

Wie sehr man der eigenen Zeit und dem internationalen Diskurs verpflichtet ist, zeigte gleich die Eröffnungsausstellung mit Paul Graham. Der Engländer war damals – heute unvorstellbar – noch kaum bekannt, seine sozialdokumentarische Farbfotografie höchst umstritten. Da befand er sich in einer ähnlichen Situation wie Martin Parr. Farbe war etwas für die Werbung, für ernsthafte gesellschaftliche Anliegen hatte man schwarzweiß zu fotografieren. Dass Farbe seriös eingesetzt werden konnte, hatte sich noch nicht durchgesetzt. William Egglestons bahnbrechende Ausstellung im Museum of Modern Art 1976 und ihre Rehabilitierung der Farbe waren noch nicht wirklich verdaut.

Seither hat man 132 Ausstellungen gestemmt, rund die Hälfte wurde von eigenen Katalogen begleitet. Das Haus hat sich weltweit als eine der wichtigen Institutionen für Fotografie etabliert. Die gewachsene Bedeutung zeigt sich auch an der inneren Struktur. Wurde es am Anfang mit 250 Stellenprozenten betrieben, so sind es heute 850, die sich neben dem Direktor Urs Stahel auf weitere zwölf Mitarbeiter verteilen. Über 30 Teilzeitkräfte kommen hinzu. Getragen ist die Institution von der privatrechtlichen Stiftung Fotomuseum Winterthur mit dem Medienunternehmer und Kunstsammler Michael Ringier als Präsident. Das Budget von derzeit rund 3 Millionen Franken bestreitet man zu 75 Prozent selbst: 25 Prozent kommen aus eigenen Einnahmen, 50 Prozent von Sponsoren und dem Förderverein mit seinen 2650 Mitgliedern. Die öffentliche Hand übernimmt von Anfang an die anderen 25 Prozent.

Zusätzlichen Schub gab der Institution die Etablierung des Fotozentrums Winterthur 2003, als die Fotostiftung Schweiz in eine Fabrikhalle auf der gegenüberliegenden Straßenseite zog und das Fotomuseum dort Räume hinzugewann. Hier werden seither jedes Jahr wechselnde Ausschnitte der inzwischen auf 4 000 Werke von rund 400 Fotografen und Künstlern angewachsenen Sammlung gezeigt. Gemeinsam betreibt man Bibliothek, Museumsshop und Bistro und im Backbereich Depoträume und Forschungsplätze.

Mit einer Videoausstellung im vergangenen Jahr wurde manifest, was sich in den Jahren zuvor angedeutet hatte: Das Fotomuseum hat zwar noch analog begonnen, es reagiert aber sehr wach auf die Digitalisierung des Mediums und sucht nach Antworten auf die Frage, wie diese technische Revolution die Fotografie verändert. Sie ist von einem "Wirklichkeits- und Wahrheitsmedium" zu einem "Bildmedium unter anderen" geworden, sagt Urs Stahel, das zwar der "Abtastung der Welt" verbunden bleibt, Bilder aber zur Kommunikation einsetzt. Gespeichert, kaum mehr ausgedruckt, werden sie via sms, Facebook und andere elektronische Medien herumgeschickt. Da ist es zentral zu schauen, wie Bilder jeweils verwendet werden und wie man sie überhaupt noch in einem Museum präsentieren kann. Der neue Trend spiegelt sich in den Besucherzahlen: Rund 50 000 kommen pro Jahr ganz real nach Winterthur, dieselbe Zahl besucht die Website mit der fast ganz elektronisch zugänglichen Sammlung pro Monat.

Das Fotomuseum Winterthur ist eine der großen Erfolgsgeschichten der Museumslandschaft in der Schweiz und in Europa. Da kann der Gründungsdirektor gelassen Abschied nehmen. Das Kind ist erwachsen geworden. Mit 60 Jahren will Urs Stahel ab Sommer das Geschick des Hauses in jüngere Hände geben und sich selbst als Kurator und Autor freier für die Fotografie engagieren. Wer ihm nachfolgt, soll in den nächsten Wochen bekannt gegeben werden.

Concrete – Fotografie und Architektur – Jubiläumsausstellung I

bis 20. Mai, Fotomuseum Winterthur, Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Verlag Scheidegger & Spiess und kostet ca. 56 Euro

http://www.fotomuseum.ch

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