Wolfgang Tillmans

Düsseldorf



KLAMMERN UND KLEBSTREIFEN

Auf seinen Bildern ist selbst eine Kate Moss in Badelatschen mehr als das Mädchen von nebenan und haben selbst eine Zimmerpflanze oder ein Autoscheinwerfer ihre Daseinsberechtigung. Das K21 in Düsseldorf zeigt eine Überblicksschau des deutschen Turner-Preisträgers Wolfgang Tillmans, in dessen Fotografie Gegenwartskultur und ästhetischer Wahrheitsanspruch die Hauptrolle spielen.
// MICHAEL KOHLER

Stars der deutschen Fotoszene geben sich in Düsseldorf derzeit die Klinke in die Hand. Nach der Andreas-Gursky-Ausstellung im Museum Kunstpalast präsentiert die Kunstsammlung NRW jetzt im Ständehaus das Werk von Wolfgang Tillmans (Jahrgang 1968) – was schon deswegen reizvoll ist, weil sich größere Gegensätze kaum denken lassen.

Statt mit auratischen Großformaten wurde der in Berlin und London lebende Tillmans in den neunziger Jahren mit kunstvollen Magazin-Schnappschüssen der jugendlichen Gegenkultur berühmt und nahm sich das Recht heraus, Ausstellungen scheinbar nach dem Zufallsprinzip zu gestalten und bunt durcheinandergewürfelte Motive und Formate mit Klammern und Klebstreifen an Museumswände zu pinnen. Bei Tillmans hängt ein nacktes Liebespaar im Baum gleich neben einem Blick aus dem Flugzeugfenster und der pinkelnde Punk neben einem melancholischen Tropenvogel.

Obwohl der aus Remscheid stammende Tillmans vor allem für seine Bilder der hedonistischen Jugend gefeiert wird, reicht sein Interesse weit über dieses dokumentarische Feld hinaus. Als roter Faden durch sein weitgestreutes Werk bietet sich der staunende Blick des geborenen Chronisten an, der sich mit aller Macht gegen die Vergesslichkeit der Welt sträubt. Deswegen ging Tillmans auch relativ unbeschwert mit seinen Themen um: Im letzten Jahrzehnt reichte sein Schaffen von der Reisereportage über Porträt- und Landschaftsfotografien, Stillleben und Sternbildern bis zu abstrakten Experimenten aus der Dunkelkammer.

Mit dem Titel der "Neue Welt"-Serie spielt Tillmans zudem auf die Neuheit der digitalen Bilder an. Diese große Bandbreite zeigt jetzt auch die Ausstellung im Düsseldorfer Ständehaus. Tillmans bietet einen Überblick über sein gesamtes Werk und gestaltete den zur Ausstellung als kostenloses PDF erscheinenden Katalog. Zudem erhält jeder Besucher mit dem Eintrittspreis ein von Tillmans entworfenes Künstlerbuch.

Wolfgang Tillmans – Fragile

2. März bis 7. Juli, K21 Ständehaus, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf,

Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt Der Katalog zur Ausstellung ist kostenlos auf der Webseite des Museums herunterladbar.

http://www.kunstsammlung.de

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