Herlinde Koelbl

Interview

Fotografie als Spiegel der Gesellschaft
Die Fotografin Herlinde Koelbl steht in ihrer Ausstellung "Spurenlese - Fotografien von Herlinde Koelbl" im Haus der Geschichte. Gezeigt werden etwa 400 Fotografien aus verschiedenen Serien der Künstlerin (Foto: Federico Gambarini dpa)

FOTOGRAFIE ALS SPIEGEL DER GESELLSCHAFT

Herlinde Koelbl ist eine der bekanntesten Porträtfotografinnen Deutschlands. In ihren Arbeiten legt sie gesellschaftliche Zusammenhänge offen. Ob nun das deutsche Wohnzimmer, mächtige Menschen oder starke Frauen. art sprach mit Herlinde Koelbl über ihre Anfänge als Fotografin, über einzigartige Begegnungen und ihr besonderes Interesse am Menschen
// INTERVIEW: ANNA BERNHARDT

Frau Koelbl, Sie sind eine der bekanntesten Porträt-Fotografinnen Deutschlands. Studiert haben Sie Modedesign. Wie kamen Sie zur Fotografie?

Herlinde Koelbl: Ich habe damals zwei hochempfindliche Filme geschenkt bekommen und meine Kinder damit fotografiert. Ein Freund fand mich sehr talentiert und hat mir gezeigt, wie man Filme entwickelt.

Ich wusste relativ schnell, dass ich angekommen bin. Und ich stelle immer wieder aufs Neue fest: Wenn mir Bilder gelingen, dann ist es eine Erfüllung und ein Glück, das kaum durch etwas anderes erfahrbar wird. Am Anfang war es auch ein Suchen. Ich hätte ja Landschaft oder Stillleben fotografieren können. Aber ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl, er rührt sich nicht. Ziemlich schnell habe ich mich für Menschen entschieden. Plötzlich hatte ich eine Form gefunden, mich auszudrücken, ich konnte gesellschaftliche Zusammenhänge aufzeigen. Bei der Arbeit an meinem ersten Projekt "Das deutsche Wohnzimmer" haben am Anfang viele gesagt: Wie langweilig. Ich habe mich aber nicht beirren lassen. Und als das Buch fertig war, waren viele überrascht, wie viel Wohnzimmer und ihre Bewohner in den Bildern erzählen.

Sie waren auch nicht mehr ganz jung, als Sie angefangen haben...

Ende 30, ja. Wie ich begonnen habe, kannte ich niemanden von den großen Fotografen. Ich bin sozusagen von der Hausfrau – ich hatte ja vier Kinder – da hinein gesprungen, ohne Vorbilder. Und das ist vielleicht auch ein Vorteil. Wenn Sie einen guten Meister haben, sei es in der Fotografie, Malerei oder Musik, brauchen sie eine Weile, um ihn wieder abzuschütteln. Er hat sie geprägt. Ich musste niemanden abschütteln, nur meine eigene Handschrift finden. Und wenn man in diesem Alter anfängt, muss man schneller zum Punkt kommen. Sie wissen dann aber auch besser, was sie wollen.

Im "Deutschen Wohnzimmer" zeigen Sie Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten und Milieus, vom Bauern über die Künstlerkommune bis hin zum Fabrikanten. Was sagt die "gute Stube" über uns aus?

Später habe ich in New York, Moskau, London, Paris, Rom, Berlin fotografiert und ein Buch über "Schlafzimmer in den Metropolen der Welt" veröffentlicht. Da habe ich noch einmal verdeutlicht gesehen, dass das Wohnzimmer das Schaufenster nach außen ist. Das was man repräsentiert, womit man seinen Status zeigt. Das Wohnzimmer ist genormter. Das Schlafzimmer ist individueller und kreativer eingerichtet.

Irgendwann werden Historiker Ihr Buch als Quelle zur Alltags- und Mentalitätsgeschichte benutzen. Waren Sie mehr Fotografin oder Soziologin?

Ich sehe mich immer als Einheit, nie gesplittet. Weil ich immer versuche, etwas Umfassendes zu erreichen. Nur im Nachhinein sehe ich manchmal: Aha, du warst jetzt Ethnologin, du warst Soziologin, du warst Philosophin, du warst das und das.

Leonardo da Vinci war nicht nur Künstler, sondern auch Wissenschaftler, Tun und Erkennen gehörten für ihn zusammen. Wie ist Ihr künstlerisches Selbstverständnis?

Umfassend, weit. Meine Stilmittel sind Fotografie, Video, Installationen und Text. Je nach Thema setze ich sie ein oder kombiniere. Viele Leute beschränken sich und gehen auf Schmalspur. Das ist für mich fast nicht erträglich. Ich würde so viel weniger erfahren und erkennen. Wenn ich an einem Thema arbeite, heißt das für mich auch immer, meinen Horizont zu erweitern. Ich muss mich einlesen, es ist ein Auffüllen meiner selbst, aber auch ein Austausch, ein Erkennen des Anderen in essentiellen Gesprächen.

2009 widmete der Martin-Gropius-Bau Ihnen anlässlich Ihres 70. Geburtstages eine große Retrospektive. Der Fokus lag auf Ihren Bildern, was ist wichtiger, Text oder Bild?

Fotos und Text müssen eine eigenständige Kraft haben, jedes muss für sich alleine stehen können. Wenn ich ein neues Projekt beginne, ist das eine Zeit der Unruhe, wo ich überlege, wie kann ich das Thema darstellen, welche Mittel braucht es? Ist es Schwarzweiß oder Farbe, ist es mehr Reportage, ist es im Studio, also mit gesetztem Licht? Wenn ich Menschen porträtiere, dann interessiert mich oft nicht nur das Äußere, sondern auch ihr Denken. Beim Projekt "Jüdischen Porträts" war ganz klar, es soll Text dabei sein. Bei der großen Ausstellung im Gropius-Bau war dann neben jedem Porträt eine Seite Text. Da sagt zum Beispiel Uri Avnery: "Der Gott, der Auschwitz zugelassen hat, kann nur unmoralisch sein oder gar nicht existieren." Ein anderer wieder sagt etwas dagegen, so entsteht an der Wand plötzlich ein Dialog. Der Betrachter hat dann nicht nur Bilder gesehen, sondern über die Gegensätze und Ansichten neue Erkenntnisse gewonnen. Aber es gibt Themen, die brauchen keinen Text. Wie bei "Feine Leute." Da interessierten mich die gesellschaftlichen Rituale und die Körpersprache.

Für "Jüdische Porträts" trafen Sie Wissenschaftler und Künstler, die den Holocaust überlebt haben wie den Soziologen Norbert Elias, den Philosophen Karl Popper, den Historiker Fritz Stern, den Biochemiker Konrad Bloch, den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, den Theatermacher Georges Tabori oder den Dirigenten Kurt Sanderling. Worüber wollten Sie mit Ihnen sprechen?

Ich wollte zeigen, was Deutschland verloren hat, manchen ist es bis heute nicht bewusst oder sie wollen es vielleicht auch nicht so genau wissen. Ich habe das Projekt alleine gestemmt, von keiner Stiftung bekam ich Unterstützung. Dafür hatten sie alle kein Geld. Ich wählte Persönlichkeiten aus dem deutschsprachigen Kulturkreis, sie haben unsere Kultur geprägt und sind wiederum von ihr geprägt worden. Gesprochen haben wir über jüdische Identität, Heimat, Antisemitismus, die Wiederkehr des Messias, den Glauben an Gott nach Auschwitz. Es waren oft berührende Gespräche, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind.

Welche Begegnungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Viele, sehr viele. Und ich war mit etlichen hinterher noch befreundet, bis zu deren Tod. Es hat mich persönlich unglaublich bereichert, weil ich Menschen getroffen habe, die durch dieses Leid zu besonderen Persönlichkeit geformt worden sind. Und ich habe am Ende dieser Arbeit das erste Mal gesagt: Das könnten Vorbilder sein.

Weil sie das Leid auch transformiert haben...

Absolut. Wenn sie das Leid nicht transformieren, und das ist wirklich der große Scheideweg, werden sie böse und bitter. Hass ist ein Bumerang, sagte Erika Landau. Ich habe großen Respekt vor diesen Menschen. Sie hatten eine große Weisheit, waren klug, und bescheiden, obwohl sie zu den Großen der Welt gehörten. Ich war beeindruckt, denn ich hatte Maßstäbe erlebt, die ich vorher in Deutschland nicht erfahren hatte.

Viele Ihrer damaligen Gesprächspartner sind inzwischen gestorben. Hätten Sie im Rückblick gerne einen Dokumentarfilm über diese Begegnungen gedreht, wie Sie es später bei anderen Projekten gemacht haben?

Im Rückblick denke ich, es wäre sicherlich gut gewesen, wenn die lebhaften Gespräche mit einer Kamera dokumentiert wären. Aber es hätte auch gestört. Bei "Spuren der Macht" hatte ich ja meine Fotokamera, meine Lichtausrüstung, meine Filmkamera und einen großen Dat-Rekorder dabei. Ich habe bewusst alles alleine gemacht. Denn in dem Moment, wo sie ein Team dabei haben, verändert sich alles.

In "Spuren der Macht. Die Verwandlung des Menschen durch das Amt" trafen Sie über viele Jahre Politiker wie Angela Merkel, Joschka Fischer und Gerhard Schröder sowie Topmanager der deutschen Wirtschaft. Was ist der Preis für die Macht?

Wenn ich Resümee ziehe, ist es für viele ein Aphrodisiakum. Irmgard Schwätzer zum Beispiel sagte: "Macht zu haben bedeutet, mehr zu sein als die Anderen". Das heißt, sie sind der Mittelpunkt. Sie können entscheiden. Auch gestalten natürlich. Das ist sicherlich bei vielen ein Antrieb, aber nicht der Entscheidende. Keiner ist nur altruistisch. Die Bestätigung für sich selber ist ein ganz großer Motor. Aber es hat zwei Seiten. Sie verlieren auch alle, werden härter, misstrauischer, skeptischer. Sie haben eigentlich keine Zeit mehr für ein eigenes Leben, sie haben keine Zeit mehr für Freunde. Sie sehen alle Kontakte nur mehr in professioneller Hinsicht. Sie können fast niemandem mehr vertrauen, außer der eigenen Familie.

Haben Sie sich mehr für den einzelnen Menschen oder die Strukturen interessiert?

Ich habe mich immer für den einzelnen Menschen interessiert. Welche Spuren hinterlässt Macht, im Positiven wie im Negativen? Wie entwickelt, entfaltet sich ein Mensch? Wie geht er mit Krisen um? Ich hatte schon vor Beginn der Arbeit beschlossen, dass ich, wenn jemand seine Macht verliert, ihn weiter begleite, um zu sehen, wie er Krisen bewältigt. Als Peter Gauweiler die Macht verloren hat, sagte er, man gehe auf Entzug wie beim Rauchen oder Trinken. Und man muss lernen, ein neues Leben anzufangen. Viele haben es erst als einen großen Verlust empfunden und waren später dann froh darüber. Weil sie plötzlich wieder Leben gesehen und nicht nur funktioniert haben. Durch den Einzelnen wurden auch die Strukturen und das System deutlich.

Sie kommen Ihren Gesprächspartnern näher, als diese es normalerweise zulassen. Wie schaffen Sie das?

Es gibt wirklich kein Rezept. Jeder ist ganz unterschiedlich. Es ist ein Einlassen und ein Suchen: Wie oder was ist dieser Mensch.

Für "Starke Frauen" porträtierten Sie Frauen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. "Feine Leute" zeigt das mitunter unfeine Benehmen der High Society auf Opernbällen oder Staatsempfängen. Halten Sie der Gesellschaft einen Spiegel vor?

Bei "Feine Leute" hat mich interessiert: Was ist das Wesen von öffentlicher Gesellschaft? Ich habe bei Bällen, Festspielen, Premieren fotografiert. Begrüßung mit Küsschen, Plaudern, Essen, Tanz, Alkohol, das Gegenseitige Näherkommen und dann die Auflösung der Festivität. Es ist eine Erzählung. Man kann nicht nur ein paar dekorative Bilder machen, sondern muss die Struktur dieser Gesellschaftsschicht erfassen. Bei "Starke Frauen" wollte ich die Persönlichkeit der fülligen Frauen zeigen. Sie sollten stark im doppelten Sinne des Wortes sein. Die dünnen Hübschen haben mich nicht interessiert. Schönheit ist für mich mit Ausstrahlung verbunden. Diese Frauen hatten sich selbst angenommen, dadurch hatten sie Erotik und Kraft. Viele von den jungen Schauspielerinnen sind so auswechselbar in ihrem Aussehen, dass es oft schwer fällt, sich die Namen zu merken. Schönheit ist auch Erfahrung, Persönlichkeit, das Gesicht muss etwas Individuelles haben.

Für "Im Schreiben zu Haus. Wie Schriftsteller zu Werke gehen" porträtierten sie Autoren wie Elfriede Jelinek oder Günter Grass. Sie fotografieren Manuskriptberge, sprechen über Tagesabläufe, die Qualen und die Lust am Schreiben. Was hat Sie interessiert?

Mich hat interessiert, wie weit das, was jemand schreibt, mit der Person verbunden ist. Ich habe damals tatsächlich alle Bücher von den Schriftstellern gelesen. Aus Achtung und Respekt vor dem Werk. Ich habe mich gefragt, gibt es ein Thema, das sich durch alle Bücher durchzieht? Dann ist es auch ein Anliegen des Autors. Warum schreibt zum Beispiel jemand immer wieder über Gewalt oder Sexualität oder Einsamkeit. Fotografisch habe ich die Zimmer und die Gesichter porträtiert. Außerdem habe ich auch die Hände fotografiert, weil man Hände immer mit dem Handwerker verbindet, aber nicht mit dem Schriftsteller. Mit ihm verbindet man den Geist, das Intellektuelle. Aber jeder Gedanke wird transferiert durch die Hände auf das Papier. Selbst heute schreiben noch viele mit der Hand.

Wie hat Sie Ihre Arbeit verändert, wenn Sie auf die letzten 30 Jahre zurückblicken?

Es hat mich reicher und erfüllter gemacht. Entscheidend ist, wie Sie das, was Sie erleben, verarbeiten, ob Sie es annehmen oder an sich abprallen lassen. Neugier ist etwas ganz Entscheidendes, Neugier auf die Welt, auf Menschen. Dann erfahren Sie mehr, erleben Sie mehr, können aber auch mehr geben. Natürlich werden Sie auch mit mehr konfrontiert, Sie setzen sich mehr aus, das ist ein Wechselspiel. Doch das ist Leben.

Vom Sternzeichen her sind Sie Skorpion. Skorpionen sagt man nach, dass Sie den Dingen auf den Grund gehen möchten, dass Sie der Kreislauf vom Werden und Vergehen besonders interessiert...

Ja doch, das Werden und Vergehen, die Veränderung und die Vergänglichkeit interessieren mich sehr. Allumfassendes zu erforschen, in Bildern und in Texten zu zeigen, das ist wirklich mein Anliegen. Das Dekorative interessiert mich nicht.

Das Interview erscheint auch in "Gegenworte. Hefte für den Disput über Wissen", herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Heft 28: "Zwischen den Wissenschaften", Herbst 2012

"Spurenlese"

Die Ausstellung von Herlinde Koelbl ist noch bis zum 27. Januar 2013 im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen.

http://www.herlindekoelbl.de

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo