Das Koloniale Auge

Berlin



IM VISIER DER BRITEN

Das Museum für Fotografie in Berlin zeigt Menschenbilder von kolonialen Fotografen aus dem 19. Jahrhundert.
// PETRA BOSETTI

Schon im 15. Jahrhundert hatten europäi­sche Staaten in Indien Fuß gefasst, allen voran die Briten. Sie und ihre Ostindien-Kom­panie – ein mit weitreichenden Machtbefugnissen und einer schlagkräftigen Kampf­truppe ausgestatteter Handelsriese – dehnten den Einfluss ihres Königreichs von Afghanistan bis Burma aus und beschnitten die Autonomie der Fürstentümer, die von Maharadschas regiert wurden.

Ein letzter Versuch der Inder, gegen die Engländer zu rebellieren, wurde blutig niedergeschlagen und ging als "indischer Aufstand" (1857 bis 1859) in die Geschichte ein. Ab dann bauten die britischen Kolonialherren ihre Vormachtstellung aus. Für Fotografen stellte das Riesenreich eine Herausforderung dar. Sie nahmen Landschaften und Kulturschätze auf – und vor allem Menschen. Die stehen im Fokus der Ausstellung "Das Koloniale Auge". Veranstaltet von der Kunstbibliothek, dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst Berlin, rekrutiert sie sich aus einer Fotosammlung, die lange als Kriegsverlust galt und erst in den neunziger Jahren in Teilen zurück in die Staatlichen Museen gelangte.

Vor allem bot "die Porträtfotografie die Möglichkeit, Klischees einer fremdartigen Welt ultimativer Exotik zu erschaffen", schreibt Raffael Dedo Gadebusch im Katalog zur Ausstellung. "Die Aufnahmen von indischen Heiligen, Bilder inszenierter Armut und Studioaufnahmen indischer Maharadjas haben ein Indien-Bild vom Land der Extreme geprägt, das bis heute nachwirkt."

Die Themenskala reicht von Merkwürdigkeiten wie "Fakire mit Vorlegeschloss am Penis" (Westfield and Company, Kalkutta, 1860er Jahre) über die unvermeidlichen Schlangenbeschwörer bis zu erschütternder Armut wie im Foto "Hungerleidende Subjecte" (A.T.W. Penn, Bangalore, 1877) und der inszenierten Pracht an den Fürstenhöfen.

Es sind unglaublich schöne Menschen auf betörend perfekt komponierten Fotografien – aber ihren Gesichtern sieht man an, dass ihnen die Situation fremd und unangenehm ist. Die Briten hatten ihre Modelle vor die Kameras geholt, weil sie den Vielvölkerstaat durch Dokumentation der Rassen in seiner Vielfalt erfassen wollten. Es sind die "aus heutiger Sicht zweifellos bedenklichen Aufnahmen von rassekundlichen Messungen", schreibt Gadebusch. Er nennt diese "anthropometrischen Portäts von 'Eingeborenen'" eine "Zuspitzung des kolonialen Blicks". Die Ästhetik der fast 300 Fotos verdient Bewunderung, den geschichtlichen Hindergrund aber sollte im Kopf behalten, wer die Ausstel­lung besucht.

Das Koloniale Auge. Frühe Porträtfotografien in Indien

Termin: bis 21. Oktober im Museum für Fotografie – Sammlung der Kunstbibliothek, Berlin

http://www.smb.museum

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