Redheaded Peckerwood

Fotobuch

Dokument eines Verbrechens
Christian Patterson: "House at Night", 2007, aus der Serie "Redheaded Peckerwood" (© Christian Patterson)

DOKUMENT EINES VERBRECHENS

Christian Patterson begibt sich auf die Spuren einer kaltblütigen Gewaltorgie und beleuchtet in seinem Fotobuch "Redheaded Peckerwood" die Geschichte der mordenden Teenager Charles Starkweather und Caril Ann Fugate. Der amerikanische Fotograf kombiniert eigene Aufnahmen mit historischem Material und schafft so ein großartiges künstlerisches, kriminologisches Puzzlespiel.
// TIM HOLTHÖFER

Im Januar 1958 erschütterte eine grauenvolle Gewaltserie Amerika. Der erst 19-jährige Charles Starkweather tötete kaltblütig die Familie seiner 14-jährigen Freundin Caril Ann Fugate. Unter den Opfern war auch die erst 2 Jahre alte Schwester der Teenagerin.

Noch mehrere Tage zog das Paar danach mordend und raubend durch Nebraska. Bis die beiden schließlich gefasst wurden, töteten sie zehn Menschen. Starkweather wurde auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet, Fugate zu lebenslanger Haft verurteilt.

Christian Patterson begibt sich mit seiner Arbeit "Readheaded Peckerwood" auf Spurensuche dieser Gewaltverbrechen. Der amerikanische Fotograf, der 2005 durch den Kinofilm „Badlands“ auf den Fall aufmerksam wurde, besuchte und fotografierte die Orte an denen das jugendliche Mörderpaar stoppte, er stöberte in Archiven, unterhielt sich mit Zeitzeugen und Menschen, denen er auf seiner Reise begegnete.

Im Buch kombiniert Patterson geschickt Landschafts- und Architekturaufnahmen des ländlichen Amerikas mit Sachfotografien und historischen Fotos der Täter und Tatorte. Durch den Einsatz dieser verschiedenen Materialien verschwimmt immer wieder die Grenze zwischen Authentizität und Fiktion. Patterson macht die Herkunft der Bilder nämlich nicht klar deutlich. Ständig muss man sich fragen, ob das jeweilige Motiv einen tatsächlichen historischen Bezug hat oder durch den Fotografen hinzu assoziiert wurde. Was anfangs stört, erweist sich später als Glücksfall: Man ist gezwungen, sich selbst in den Fall einzuarbeiten. Schnell versucht man also herauszufinden, ob das Bekennerschreiben von Starkweather echt ist, ob die blau-weißen Western-Stiefel wirklich dem Mörder gehörten, was es mit dem Spielzeug-Hund, der Öllache und den Pin-Up-Girls auf sich hat.

Nicht auf alle Fragen findet man eine Antwort. Einige Motive bilden lediglich eine Klammer für die visuelle Aufarbeitung des Verbrechens. Das funktioniert umso besser, als alle Bilder durch den Bezug zu den blutigen Taten emotional enorm aufgeladen werden. Unheimliche Bilder des ländlichen Nebraska, dreckige Zimmer, heruntergekommene Fassaden, billige Werbung oder das schlichte Bild eines Klappmessers, welches in einer Wand steckt, entwickeln beim Betrachter ein mulmiges Gefühl latenter Bedrohung und Melancholie. Patterson schafft es, mit seinen Fotos von einer kleinen beengenden Welt zu erzählen, aus der man unbedingt ausbrechen möchte. Neben der Wahl der Motive wird dieses Gefühl auch durch die Gestaltung der Bilder unterstützt. Selten sieht man auf den Fotos einen Horizont. Stattdessen ist der Blick immer wieder zum Boden oder auf Wände gerichtet. Vermeintliche Ausblicke sind versperrt, verhängt oder zugewuchert, Autoscheinwerfer scheinen orientierungslos durch das nächtliche Nebraska zu irren. Auch der Mörder Starkweather, dessen großes Vorbild James Dean war, wollte aus seiner Welt ausbrechen. Dass der Versuch nicht erfolgreich sein konnte, ahnt man schon auf den ersten Seiten des Buches: Das Bild einer Öllache auf Asphalt, rote Spuren im Schnee, Mäusefallen, eine kaputte Glühbirne und Fotos von brennenden und ausgebrannten Gebäuden nehmen das schreckliche Ende der Geschichte vorweg.

Verhängnisvolle und aussichtslose Flucht

Patterson erfindet die Fotografie sicherlich nicht neu. Zu deutlich sind die Anlehnungen an bekannte amerikanische Fotografen. Die Bezüge zu William Eggleston (für den Patterson einige Jahre arbeitete) sind überdeutlich. Auch zu den Arbeiten von Elad Lassry, Roe Ethridge und Alec Soth gibt es ästhetische Verbindungen, und man muss oft an die Tatort-Fotografien von Taryn Simon oder Joel Sternfeld denken. Trotzdem gelingt es Christian Patterson, durch die radikale Kombination der verschiedenen Stile, wenn vielleicht nicht eine eigene Sprache, dann doch eine eigene fotografische Stimme zu entwickeln. Mit "Redheaded Peckerwood" schuf er ein großartiges fotografisches und kriminologisches Puzzlespiel. Das Buch fand aber wohl auch deshalb in den USA so große Resonanz, weil Pattersons Arbeit mehr ist als die Rekonstruktion eines persönlichen Dramas. Dafür steht auch der Titel, der – als Synonym für "White Trash" – eine abfällige Bezeichnung einer ganzen sozialen Gruppe, nämlich der verarmten weißen Unterschicht ist. Und so zeigt das Buch nicht nur die Verwahrlosung des ländlichen Amerikas, sondern auch ein – spätestens seit dem Film "Bonnie and Clyde" – tief in der amerikanischen Gesellschaft und Popkultur verankertes Motiv: die verhängnisvolle und meist aussichtslose Flucht aus der Provinz und dem eigenen Leben.

Ob auch Caril Ann Fugate sich anhand der Arbeit noch einmal mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hat, ist nicht bekannt. Die verurteilte Täterin von einst wurde 1976 begnadigt und lebt heute unter anderem Namen in Michigan.

Christian Patterson. Redheaded Peckerwood

Erschienen 2011 bei MACK, mit Texten von Luc Sante und Karen Irvine.

Eine Ausstellung von Christian Patterson mit den Arbeiten "Redheaded Peckerwood" und "Sound Affects" ist vom 7. September bis zum 27. Oktober 2012 in der Galerie Robert Morat in Hamburg zu sehen.

http://www.christianpatterson.com

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