Daniel Seiffert / Larry Clark

Berlin



GELIEBTE TRISTESSE

Im C/O Berlin steht Jugend derzeit für alles andere als Aufbruch. Während Newcomer Daniel Seiffert Jugendliche in der ostdeutschen Provinz dokumentiert, schockiert der 69-jährige Altskater Larry Clark mit Bildern von Kindern, die zu schnell erwachsen werden müssen
// LENA SCHIEFLER

Im Lichtkegel eines erleuchteten Parkplatzes halten sich ein Mädchen und ein Junge eng umschlungen. Seine rechte Hand presst ihren Oberkörper fest an den seinen, in der anderen hält er sein Skateboard.

Wie eine Bühnenszene führt die Fotografie in die Serie "Kraftwerk Jugend" von Daniel Seiffert ein, die bis zum 11. September im Ausstellungshaus C/O Berlin in der Oranienburger Straße zu sehen ist. In 25 ungerahmten Fotografien präsentiert Seiffert die "shrinking city", die schrumpfende Stadt Lübbenau in Brandenburg. In den 60er Jahren war sie mit dem Braunkohlekraftwerk "Jugend" eine Industriehochburg. Heute werden statt Kinderwagen Rollatoren über den Roten Platz in der Stadtmitte geschoben.

Über zwei Jahre lang hat Seiffert die Teenager in der Öffentlichkeit fotografiert. Während der 31-jährige Berliner wenigstens noch zehn Jahre DDR miterlebt hat, können seine Porträtierten ihre Zeichen nicht mehr lesen. Vor der Lübbenauer Post steht ein sozialistisches Denkmal aus Sandstein: ein Junge und ein Mädchen Hand in Hand mit Blumenstrauß. Keiner der 16- bis 18-jährigen wird auch je auf der alten, mittlerweile leerstehenden Polizeistation gewesen sein. Eine kleine Fotografie zeigt, wie sie im Dickicht des Spreewalds versinkt. Wer kann, versucht den Absprung aus der heimatlichen Tristesse in die Großstadt. In wenigen Jahrzehnten, scheint es, wird hier alles Urwald sein.

Auch im Ausstellungsraum in der Oranienburger Straße perlt der Lack von der Decke, hängen Kabel frei in der Luft. Demnächst wird das C/O in den nahegelegenen Monbijoupark ziehen. In Seifferts Ausstellung zeigt ein stummes Video die Sprengung des Kraftwerks "Jugend". Der Betonklotz fällt in sich zusammen, hinterlässt eine riesige Staubwolke. Wer das Video auf YouTube sieht, hört im Hintergrund Freddy Mercurys "The show must go on".

Den Spreewald im Morgengrauen, leere Autobahnen, das marode Inn-Restaurant "Saloon" – die einsamen Landschaften erinnern an den amerikanischen Wilden Westen. In einer der ehemaligen Lagerruinen, die Seiffert romantisch inszeniert, könnte auch die Mondlandung gedreht worden sein.

"Ich kann mir keine anderen Orte vorstellen. Alles, woran ich denken kann, sieht aus wie hier." Dem Katalogtext zu "Kraftwerk Jugend" ist dieses Zitat aus Larry Clarks Film "Ken Park" vorangestellt. Ausgerechnet die gewalttollen Bilder des amerikanischen Skandalfotografen werden noch bis zum 15. August in den Nachbarräumen gezeigt. Und so hängt neben dem Ausstellungsplakat von Daniel Seiffert, das ein Mädchen im Ballkleid mit hochgestecktem Haar an der Abiball-Tafel zeigt, eine brünette Vagina mit dem eintätowierten Schriftzug "Larry". Mittlerweile wurden über dem Haupteingang des C/O rote Farbbomben auf das Schambein von Clarks Freundin geworfen. Aber wohl weniger aus Enttäuschung darüber, dass in der Ausstellung nur männliche Geschlechtsteile zu sehen sind. Clark legt die Abgründe gelangweilter Vorstadtkids frei, die im Rausch aus Skaten, Sex und Drogen hängen geblieben sind. Der inzwischen 69-Jährige hat in seinen Foto-Reportagen und Filmen seine eigene Jugend verarbeitet. In einem ausgestelltem Brief bedauert er, dass er nicht schon früher fotografiert habe, etwa, als das "dicke Mädchen von nebenan" ihm und den anderen Jungs einen geblasen habe.

Seiffert bleibt auf Distanz zu seinen Protagonisten, die vergleichsweise unschuldig wirken. Man sucht Einstichstellen am blassen Arm des schwarzhaarigen Mädchens mit Wollmütze, das nach Berlin gehen wird. Und findet keine. Trotzdem gleicht die Lübbenauer Jugend einem Totentanz. "Und wer nicht tanzen will am Schluss, weiß noch nicht, dass er tanzen muss", heißt es bei Rammstein. "Kraftwerk Jugend" ist die Abschlussarbeit des Newcomers an der Ostkreuz-Schule. Wenige Wochen vor der Ausstellungseröffnung hat die Druckerei Grieger, die durch die Großformate des Düsseldorfer Andres Gursky zu Ruhm gekommen ist, Seiffert ihre Zusammenarbeit angeboten.

Larry Clark / Daniel Seiffert: Kraftwerk Jugend

Ausstellung von Larry Clark bis 12. August 2012 / Ausstellung von Daniel Seiffert bis 11. September 2012

http://www.co-berlin.info

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