Rineke Dijkstra

Interview



WAHRE MOMENTE

Das New Yorker Guggenheim Museum widmet der holländischen Fotografin Rineke Dijkstra eine große Retrospektive, die sich in den Seitengalerien auf vier Stockwerken ausbreitet. Neben mehr als 70 großformatigen Porträts aus den vergangenen 20 Jahren werden aktuelle Filme der 1959 geborenen Künstlerin gezeigt, in denen sie Londoner Club-Kids selbstvergessen vor der Kamera tanzen lässt. art traf Rineke Dijkstra, um sich mit ihr über alte Meister, Vorbilder und emotionale Bilder zu unterhalten.
// INTERVIEW: CLAUDIA BODIN, NEW YORK

art: Wie suchen Sie die Modelle für Ihre Porträtstudien aus?

Rineke Dijkstra: Es ist schwierig zu beschreiben, weil ich intuitiv vorgehe. Als erstes suche ich nach Authentizität. Nach etwas, das hervorsticht und meine Aufmerksamkeit erregt.

Können Sie den Moment, den Sie mit Ihrer Kamera einzufangen versuchen, genauer beschreiben?

Es ist ein Moment der Intensität, eine Art Konzentration, die sich in der Pose, im Blick widerspiegelt. Ich versuche, etwas einzufangen, das natürlich ist. Viele Anweisungen gebe ich nicht. Der Moment liegt zwischen selbstinszeniert und auferlegt. Mir gefällt es, wenn sich die Pose auf natürliche Weise entfaltet. Auf diesen Moment, in dem etwas Spezielles passiert, warte ich.

Die Menschen in Ihren Bildern strahlen meist etwas Zerbrechliches aus.

Und etwas ebenso Aggressives. Auf Grund des großen Maßstabs und der Perfektion des Drucks haben die Bilder etwas Monumentales. Sobald man sich ihnen nähert, sieht man all diese Details. Die Einzelheiten und dass man immer etwas Neues entdecken kann, sind sehr wichtig für mich.

Wieviel Aufnahmen schießen Sie für ein Porträt?

Man fragt mich immer, wie viel Zeit ich mit den Leuten verbringe. Ich kann es wirklich nicht sagen. Ich habe immer das Gefühl, dass es sich um 20 Minuten handelt. Vielleicht ist es aber eine Stunde. Als ich meine Strandporträts schoss, hatte ich nicht viel Geld. Ich arbeitete damals und nach wie vor mit einer 4x5 Großbildkamera, was teuer ist. Mehr als höchstens fünf Aufnahmen pro Porträt konnte ich mir nicht leisten. Deshalb wählte ich nur Leute aus, die mich wirklich interessierten.

Einen französischen Fremdenlegionär und ein bosnisches Flüchtlings-Mädchen begleiteten Sie über Jahre, um ihre Veränderung einzufangen.

Das bosnische Mädchen Almerisa fotografierte ich das erste Mal 1994, als sie sechs Jahre alt war. Dann traf ich sie in zeitlichen Abständen von ein oder zwei Jahren wieder, bis sie 2008 ein Kind bekam. Alles um uns herum verändert sich jeden Tag. Aber wir können es nur sehen, wenn wir es fotografieren. Almerisa und ich sind inzwischen befreundet. Ich denke, ich werde mit unserem Projekt abschließen, wir sind zu eng. Eine gewisse Distanz brauche ich.

Was halten Sie von digitaler Fotografie?

Ich habe mich daran noch nicht versucht und glaube nicht, dass es mir gefallen wird. Mit meiner Kamera sehe ich alles im Postkartenformat und auf den Kopf gestellt. Was mir dabei hilft, die Komposition zu erfassen. Nichts lenkt mich ab. Es geht mir um den Aufbau des Bildes, die Intensität und den emotionalen Austausch. Ich brauche die Distanz, die mir die Kamera gibt, um mich den Menschen zu nähern.

Ihre Aufnahmen sind so roh und wirklich, dass manche sie als unbarmherzig empfinden.

Als ich meine Bilder zum ersten Mal in Holland ausstellte, reagierten die Leute so. Dabei ist meine Intention genau das Gegenteil. Ich empfinde Mitgefühl und Zuneigung. Die Menschen in den Bildern bewegen mich. Inzwischen verstehen die Leute sie besser.

August Sander und Diane Arbus gehören zu Ihren Einflüssen. Können Sie erklären, was die Arbeit der beiden Fotografen für Sie ausmacht?

August Sander hatte ein sehr einfühlsames Auge und einen Sinn für Details. Seine Arbeit hat eine Bescheidenheit, die mir gefällt. Bei Diane Arbus Bildern ist es die Intimität, die sie ausstrahlen. Arbus hatte eine Beziehung zu den Menschen in ihren Bildern. Ihre Fotos können etwas Herzloses haben, aber letztlich fühlt man doch, dass sie die Menschen wirklich mochte. Sie hatte diese Gabe, Nähe aufzubauen. Wenn jemand anders die Bilder geschossen hätte, würden sie sich ausbeuterisch anfühlen.

Ihre Bilder werden gern in den Kontext der Porträtmalerei der alten holländischen Meister gestellt.

Ich bin mir nicht sicher, ob sie daran heranreichen können. Aber es gibt Gemeinsamkeiten. Der Umgang mit dem Licht, die Technik. Die holländischen Maler porträtierten gern gewöhnliche Menschen. In ihren Bildern findet sich diese Bescheidenheit wieder, die ich mag. Vermeer war so gut darin, die Seele eines Menschen einzufangen, dass man eine Person wirklich auf emotionale Weise wahrnehmen kann. Die Bilder sind allein deshalb zeitlos. Und das macht gute Kunst für mich aus.

Sie arbeiteten zunächst als kommerzielle Fotografin. Gab es einen bestimmten Punkt, an dem Sie Ihre Arbeit in eine andere Richtung gelenkt haben?

Ich war für ein Business-Magazin tätig und schoss ständig Bilder von Unternehmensvorständen. Es war dermaßen langweilig. Einmal machte in dem Moment, als sich die Gruppe von Vorstandsleuten auflöste, ein Polaroid. Und ich konnte etwas Wahres, das nichts mit einer Pose oder einem Foto-Gesicht zu tun hatte, in dem Bild sehen, und die Beziehungen zwischen diesen Männern erkennen.

Im digitalen Zeitalter, in dem sich ständig alle fotografieren, schmeißen sich schon Kleinkinder in Pose. Ist es schwieriger für Sie geworden, wahre Momente einzufangen?

Ein wenig. Aber Menschen bleiben Menschen. Mir gelingt es nach wie vor, etwas einzufangen, das die Leute nicht kontrollieren können. Sobald ein Bild zu inszeniert wirkt, funktioniert es nicht. Denn es langweilt einen nach einer Zeit. Es muss etwas in sich tragen, das sich nicht wirklich erklären lässt. Eine Echtheit, etwas Seele.

Rineke Dikstra. A Retrospektive

bis 3. Oktober 2012 im Guggenheim Museum, New York

http://www.guggenheim.org

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