Herlinde Koelbl

Dresden



MAKELOSES PANOPTIKUM

Herlinde Koelbls Langzeitprojekt "Kleider machen Leute" begeistert das Publikum mit Emotionalität, Humor und Exotik und lässt doch die Tiefgründigkeit vorangegangener Serien vermissen.
// SUSANNE ALTMANN, DRESDEN

Er trägt glänzende Stiefel, ein gelbes Seidenblouson, hat eine farblich passende Blende am Helm sowie einen lackroten Sattel nebst Gerte in der Hand. Sein Blick  ist entschlossen, wie kurz vor einem Rennen. "Ich fühle mich schon ein wenig wie ein Star." erklärt der Jockey Tomas Bitala und: "In meiner normalen Kleidung nimmt mich niemand wahr."

Herlinde Koelbl hat den Sportreiter sowohl in seinem Dienst-Outfit porträtiert wie auch in seiner Freizeitkleidung, in Jeans. Bitala und etwa 70 weitere Personen standen der Fotokünstlerin über Jahre hinweg Modell – einmal in Berufsuniform, dann wieder im lässigen Feierabendlook. Justizbeamte gehören dazu, Jäger, Fleischer, Hotelpersonal, eine Geisha und ein Sumoringer, Bergmänner, Mediziner, Nonnen und Mönche. Zwar hat Koelbl den Schwerpunkt ihrer Recherche auf Deutschland gelegt, doch lässt sie auch viele exotische Momente zu. Den Auslöser für ihr Projekt "Kleider machen Leute" habe sie einst in Kroatien erfahren, wo sie in einem Restaurant von einer Einheimischen in ernster Heimattracht bedient worden sei. Kurz darauf habe sie die Frau wiedergesehen, in einem "ärmellosen, sackartigen, bunten Kleid." Koelbl erinnert sich: "Es war fast wie ein Schock. Ihre Würde und Präsenz, die sie vorher ausgestrahlt hatte, waren verschwunden."

Diesen Schock nun inszenierte die Fotografin für die aktuelle Ausstellung in unzähligen Variationen. Die meisten Probanden ihrer Doppelbilder strahlen eine merkliche Lust an der Selbstdarstellung aus. Viele scheinen die Überraschung der Betrachter an ihrer Verwandlung bereits im Vorfeld zu genießen. Andere werden vielleicht erst in diesem Augenblick gewahr, wie sehr ihr Auftreten und ihre Persönlichkeit durch ihre Kleidung bestimmt werden. Nur wenige gestehen, dass sie sich im Dienst verkleidet oder zumindest unwohl fühlen, wie Solomon Abebe, der äthiopische Sicherheitsmann: "In meiner Uniform sehe ich gut aus, aber fühle mich darin nicht gut… Durch die Uniform wird mir Respekt gezollt. Aber ich möchte immer für das, was ich bin und tue respektiert werden und nicht für das Äußere." Andere uniformierte Kollegen haben dieses Problem nicht. Besonders die zahlreich vertretenen Militärs wie Luftwaffengeneralinspekteur Stieglitz sonnen sich gleichsam in ihrem besonderen Status. Er will "Staatsmacht, Verantwortung, Mut, Tapferkeit, Disziplin und Charakterfestigkeit" symbolisieren. Derlei persönliche Statements begleiten jeweils die Porträts und geben – manchmal vielleicht auch unfreiwillig – Auskunft über den Umgang mit der eigenen Position.

Der soziale Einschüchterungseffekt von offiziellen Gewändern

Dabei setzt Koelbl ihre Modelle jedoch meist so ins Bild, dass wir nicht hinter ihre Fassade blicken, Verletzlichkeiten oder Brüche erkennen können. Sie scheint sie zu schützen, fast mütterlich und dankbar fürs Posieren. Das ist sympathisch, macht die ganze Angelegenheit jedoch ein bisschen eintönig. Gedanken über die Rolle von Autorität und Macht, über den möglichen Missbrauch und den sozialen Einschüchterungseffekt von offiziellen Gewändern können sich in dieser wohlwollenden Zusammenschau kaum entfalten. Bei der Entscheidung, in welchem Format die einzelnen Personen gezeigt werden, konnte die Fotografin offenbar selten der Versuchung widerstehen, Spektakuläres auch groß zu präsentieren. Der markante Bischof Gerhard Ludwig Müller, in Trainingsanzug und Ornat, gehört in diese Reihe ebenso wie die nette Schornsteinfegerin Pia Behnisch.

Fast sehnt man sich ein wenig nach Herlinde Koelbls tiefgründigeren Serien wie etwa ihre Politikerporträts "Spuren der Macht" aus den neunziger Jahren oder dem entlarvenden Film "Die Meute. Macht und Ohnmacht der Medien" (2001). Während sie dort gleichsam als Chirurgin kollektiver Prozesse auftrat, agiert sie bei "Kleider machen Leute" eher als Masseurin von gesellschaftlichen Stereotypen. Dabei machen diese Klischees, vor allem, wenn sie so gekonnt dramatisiert sind wie im Hygiene-Museum, durchaus Spaß – zumal Voyeurismus nicht selten auf Exhibitionismus trifft. Mit Sicherheit gehört die klassische Domina Nana Wilmore in schwarzrotem Lack und Leder zu den geheimen Lieblingen des Ausstellungspublikums, männlich wie weiblich. Denn hier gerät die Pose, wenig überraschend, zur Projektionsfläche für Phantasien. Skurril, fast ein wenig peinlich, wird die Sache, wenn sich der bekannte Anwalt Peter Raue, zudem Autor von Koelbls Katalogvorwort, im Adamskostüm zeigt: "Freizeitkleidung besitze und brauche ich nicht. Entweder Fliege oder gar nichts." Derlei Slapsticks lockern zwar die Atmosphäre auf, überdecken aber jene Porträts, die ernsthafter und stiller daherkommen wie etwa die würdevolle Inszenierung des Sargträgers Udo Kay in seinem altväterlichen Umhang.

Immerhin, für jeden Besucher ist etwas dabei – entweder in der Identifikation mit dem Porträtierten oder in der innerlichen Abgrenzung von dem allzu Fremden. Herlinde Koelbls Langzeitprojekt "Kleider machen Leute" und seine museale Präsentation sind im Grunde makellos: unterhaltsam und anekdotisch mit brillanten, farbstarken Fotos, emotionalen Inszenierungen. Zudem basiert es auf einem klugen Konzept. Dass Oberfläche per se, in visueller wie auch psychologischer Hinsicht, dominiert, spielt für das Publikum kaum eine Rolle. Es strömt zuhauf in dieses Panoptikum von Schein und Sein, auf den real existierenden Karneval des Alltags.

"Kleider machen Leute"

bis 29. Juli 2012 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden

http://www.dhmd.de

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