Wim Wenders

Hamburg



IN "HARALDS HEILIGEN HALLEN"

Die Ausstellung "Places, strange and quiet", die in den Phoenix-Fabrikhallen der Sammlung Harald Falckenberg/Deichtorhallen zu sehen ist, zeigt Fotografien von Wim Wenders, die Spuren vergangener Zeiten in sich tragen. In diesen Reisefotografien tauchen Menschen, wenn überhaupt, nur als Statisten auf.
// KATHARINA SIEGEL, HAMBURG

Über dürre Landstriche vor blassgrauen Hügeln erhebt sich ein Riesenrad. Das Wahrzeichen aller Vergnügungsparks lässt sich nicht so recht mit seiner kargen Umgebung vereinbaren. Doch noch könnte man die Geräuschkulisse eines Rummelplatzes imaginieren. So schreibt jedenfalls der Künstler und Regisseur Wim Wenders zu seiner Fotografie "Ferris Wheel", er habe bei der Szenerie an "Kirmesmusik, Stimmengewirr und gelegentlich ein sorgloses Lachen" gedacht.

Doch spätestens, wenn der Blick des Betrachters auf die gegenüber hängende Aufnahme fällt, stellt sich ein beklemmendes Gefühl ein: Für "Ferris Wheel (Reverse Angle)" hat Wenders nur den Standort gewechselt und durch Achse, Speichen und Waggons des Riesenrads hindurch mit seiner Kamera auf zerfallene, verlassene Wohnblocks gezoomt. Die beiden, im einst sowjetisch besetzten Gebiet Armeniens entstandenen "Gegenschüsse" gehören zur Auswahl der rund 60 Reiseaufnahmen, die Wim Wenders, ergänzt von begleitenden Texten, derzeit in den Phoenix-Fabrikhallen der Sammlung Falckenberg/Deichtorhallen in Hamburg/Harburg präsentiert. Allesamt zeigen, was der Ausstellungstitel verspricht: seltsame und ruhige Orte.

Oft sind diese Orte Container für den Schutt der Zivilisation. So zeigt "Subterranean Homesick Blues" einen im Rasen versunkenen Trabbi in Ostdeutschland, nahe der Elbe. Oder sie bergen Artefakte vergangener Zeiten, wie etwa das Foto des armenischen Alphabets als Freiraumskulptur auf felsigem Untergrund. Rechtschreibreformen in der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik machten es längst ungültig. Entsprechend des Interesses an Vergänglichkeit geraten auch Friedhöfe ins Visier des Fotografen Wenders, die mitunter einiges über die Lebenden verraten. In "Cementary in the City" zeigt Wenders, wie Tokio den letzten freien Fleck zwischen Wolkenkratzern für einen Stadtfriedhof nutzt und die Arbeit "Country Cementary" zeigt in Stein geätzte Bilder von Toten in Lebensgröße – ein armenischer Brauch zum Gedenken an die Verstorbenen.

Meist sind Wenders' Orte menschenleer. In den dunklen Tiefen eines stillgelegten Wuppertaler Eisenbahntunnels hausen nur die bunten Graffitis der "Os Gêmeos", eines berühmten Zwillingspaars aus São Paolo. Und auf der Straße nach "Ayers Rock" in Uluru, Australien, trottet nur ein einsamer Hund. Sind Menschen im Bild, schauen sie niemals in die Kamera, sondern umschwärmen klein wie Ameisen den Vulkan Ätna in Sizilien. Oder sie blicken wie der "Policeman in the Field" und ein "Rodeo Clown" einsam in die Ferne: Die Körperhaltung dieser beiden gleicht der des berühmten "Wanderers über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich.

In den großformatigen Abzügen verliert sich der Blick des Betrachters. Dies gilt vor allem für die in Japan, auch in Fukushima, entstandenen Fotografien von Seen und Landschaften. Neben ihrer Verlassenheit eint diese Orte jedoch vor allem eins: Sie sind außergewöhnlich. Und Wim Wenders' Begleittexte über seine Erlebnisse vor Ort tragen dazu bei, diesen Eindruck zu verstärken. Wenn er etwa berichtet, dass ihn der aus dem Schlaf gerissene Tankwart schreiend mit einem Stock aus der "Petrol Station in Alaverdi, Armenien" vertrieb, so ist das zwar nicht nachprüfbar, aber macht das Bild der Tankstelle doch sehr viel interessanter. Die Orte sprechen also nicht ganz für sich – ab und an ergreift Wenders für sie das Wort.

Wenders wird nicht müde, die Authentizität des Dargestellten zu betonen. Immer wieder erzählt er, dass die Ergebnisse seiner analogen Fotografien, anders als beim digitalen Vorgehen, nicht manipulierbar sind. Doch eine Ausnahme gibt es, wie Ausstellungskuratorin Miriam Schoofs verrät: die Aufnahme "Street Corner in Butte, Montana". Zwar griff Wenders hier nicht nach, sondern bereits vor dem "Schuss" ein. Damit diese Hommage an den amerikanischen Maler Edward Hopper gelang, räumte er Blumenkübel beiseite und beobachtete tagelang den Lichteinfall auf die Straßenecke. Das Ergebnis der Mühen: satte Farben und eine wie gemalt wirkende Fotografie.

Ob ausnahmslos authentisch oder auch mal ein wenig effekthascherisch – Hausherr und Sammler Harald Falckenberg freut sich, dass die Entdeckungen des Reisenden jenseits aller Sehgewohnheiten so magnetisch wirken: "So viele Besucher haben lange nicht mehr den Weg über die Elbe gefunden."

Das mag auch an der gelungenen Inszenierung liegen: Auf den weitläufigen Wänden erstrecken sich ganze Rundblicke auf die Orte, in denen eigentlich keiner mehr Zuhause ist. Die weißen Flächen geben ihnen die Luft, die sie brauchen und bringen ihre besondere Farbigkeit zum Strahlen. Durch Umgänge und rechteckige Einschnitte der Trennwände können die Werke aus verschiedenen Entfernungen, Winkeln, Höhen oder – wie Wenders begeistert feststellt – "doppelt gerahmt" betrachtet werden. Er wisse nicht, wo man die Arbeiten noch einmal so treffend inszenieren könnte, wie in "Haralds heiligen Harburger Hallen".

"Wim Wenders. Places, strange and quiet"

Daten: Bis 19. August, Sammlung Falckenberg/Deichtorhallen (Phoenixhallen in Hamburg/Harburg)

Katalog zur Ausstellung, 124 Seiten, 37 farbige Abbildungen, 8 Klapptafeln, erschienen bei Hatje Cantz, Preis: 24.80 Euro

http://www.deichtorhallen.de

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3 Leserkommentare vorhanden

Janine

16:03

11 / 06 / 12 // 

Achtung Regisseufalle!

Er ist wohl in die Filmregisseurfalle getappt, als Fotograf filmstillartig zu arbeiten. Ausserdem sind die Referenzen zu dominant. Neue Bilder braucht die Welt!

gallerytalk.net

17:59

12 / 06 / 12 // 

Kritisch besprochen

http://www.gallerytalk.net/2012/04/wim-wenders-places-strange-and-quiet-2.html

Janine

22:06

12 / 06 / 12 // 

Kritisch

ist was anderes. Ist doch fast nur deskriptiv besprochen. Dass sie keine politische Aussage enthalten, ist doch keine Kritik.

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