Fussball und Fotografie

Interview

"Menschenmassen, Massenkonsum"
Kirill Golovchenko: Auf dem "Fußballstrich", Spieler und Fan von KS Cracovia

"MENSCHENMASSEN, MASSENKONSUM"

Für seinen Fotoessay "Totalniy Futbol" unternahm der Fotograf Kirill Golovchenko eine Fußballreise durch Polen und sein Heimatland, die Ukraine. In nur 20 Tagen hat der 38-jährige Künstler Eindrücke gesammelt, die abseits der schillernden EM-Euphorie die Gesellschaftsstrukturen der Austragungsländer dokumentieren. Mit art-Autorin Lena Schiefler sprach mit Golovchenko über den Fußball, die Massen und das Mäzenatentum.
// LENA SCHIEFLER

art: Herr Golovchenko, für das Foto-Essay "Totalniy Futbol" haben Sie die Austragungsorte der Fußball-EM 2012 aufgesucht. Was war ihr Ansatz?

Kirill Golovchenko: Ich habe als Kind in der Ukraine selber leidenschaftlich Fußball gespielt. Als mir der Suhrkamp-Verlag das Buchprojekt anbot, war für mich sofort klar: Ich werde Bilder machen, die vom Presse-Klischee Distanz nehmen. Im Winter entstehen ganz andere Fußballbilder als im Sommer. Die Realität wird in dieser Jahreszeit klarer, greifbarer.

Wie haben sich die Städte verändert, seit die Austragungsorte 2004 bekannt gegeben wurden?

In Warschau beispielsweise gab es im alten Stadion "X-lecia" jahrzehntelang den "Jahrmarkt Europa". Dieses Stadion wurde für die EM abgerissen. An seiner Stelle wurde das neue Nationalstadion in Form eines Korbes gebaut. Den riesigen Basar, ein Vorläufer des "7-km-Marktes" in Odessa, den ich auch fotografiert habe, gibt es jetzt nicht mehr. Man konnte dort alles kaufen, Waren, Sex, illegale Arbeitskräfte. Für die Händler und ihre Kunden war dies ein großer Verlust. Aber es gibt in diesem Vorort nun weniger Kriminalität.

Wieso tauchen in Ihren Fotografien immer wieder Massen auf?

Das hat vielleicht mit meiner sowjetischen Herkunft zu tun. Dort lief alles über die Masse: Menschenmassen, Massenparaden, Massenkonsum. Ich versuche, die Masse in ihrem Chaos möglichst geordnet abzubilden. In der Ukraine ist der Konsum für die Mehrheit sichtbar, aber noch unerreichbar. Für viele ist der Konsum die Zukunft.

Steht hinter jedem Bild immer auch das Porträt einer Gesellschaft?

Die Aufnahmen folgen unbewussten Entscheidungen. Als ich nach Auschwitz gefahren bin, wollte ich den dortigen Fußballclub besuchen, Union Owicim. Ich habe die zusammengeworfenen Tore gesehen und diesen Bauarbeiter in der Trikotkammer der Mannschaft von Union Owicim fotografiert. Erst in Deutschland sah ich diese seltsamen Bilder an und dachte, dass sie mehr an das Vernichtungslager als an Sport erinnern.

An der Fassade des Fußballstadion Slaski im polnischen Katowice haben Sie ein Wandmosaik aus den fünfziger Jahren dokumentiert. Wie volksnah war der Fußball im Sozialismus?

Sport wurde schon immer gerne politisch instrumentalisiert. Es gab in der Sowjetunion sogar die Idee, die Anzahl der Spieler von elf auf 15 aufzustocken, um sie der Zahl der Schwesterrepubliken anzugleichen. Das Stadion in Katowice war das größte in Polen, es fasste 87000 Zuschauer. Der erste ukrainische Fußballverein wurde 1878 von englischen Seemännern in Odessa gegründet. In der Sowjetunion wurde Fußball dann zur populärsten Sportart.

Welche Rolle spielte die Ukraine im Fußball der Sowjetunion?

Dynamo Kiew war eines der besten europäischen Teams, und die Ukraine wurde damit zum Zentrum des sowjetischen Fußballs. Von den elf Spielern der sowjetischen Nationalmannschaft spielten acht bei Dynamo Kiew. Der Sieg von Kiew gegen Bayern München 1975 im Super-Cup erfüllt die Ukrainer bis heute mit Stolz. Zwar haben die Fußballer der Sowjetunion nicht annähernd so viel Geld verdient wie ihre Kollegen im Westen. Dafür wurden sie als Helden gefeiert und verehrt.

Das erste Spiel in der Ukraine findet im neuerbauten Stadion in Charkiw statt. Wie fügt sich dieser Bau in die vorhandene sozialistische Architektur ein?

Das Metalist-Stadion wurde direkt zwischen die Plattenbauten gesetzt. Wahrscheinlich wurde der Versuch unternommen, den vielen konstruktivistischen Bauten in Charkiw mit "moderner" Architektur gerecht zu werden. Der Bau entspricht den ukrainischen Vorstellungen davon: eine riesige Spinne, verkleidet mit goldfarbenen Glas-Plastik-Paneelen. Die Fassaden der nahen Plattenbauten wurden entweder in knallbunten Farben gestrichen oder mit riesigen "Fußball-Tapeten" behängt, auf denen Spieler des FC Metalist abgebildet sind.

Auch FC Metalist ist mittlerweile im Besitz eines einzelnen Oligarchen, Alexander Jaroslawskyi. Welche Rollen spielen solche Mäzene im ukrainischen Fußball heute?

Angeblich ist es unter Oligarchen angesagt, einen Fußballclub zu besitzen. Ein Portrait von Jaroslawskyi thront sogar auf dem FC Metallist-Fußball.Außerdem sind teurer Rasen und noch teurere Fußballerfüße eine gute PR. Die Fußballarenen sind zu Erlebnis-Wellness-Orten geworden. Sie gleichen Kathedralen, in denen man staunen und entspannen kann. In Arbeiterregionen wie Donezk nimmt der Fußball fast schon religiöse Formen an. Er wird instrumentalisiert, um die Menschen abzulenken. Das erinnert mich an die alte Formel von "Brot und Spielen", allerdings ohne Brot. Die Regierung hat wirklich sehr viel Geld für den Ausbau von Stadien, Strassen, Flughafenterminals ausgegeben. Die Kosten für die ukrainischen Stadien sollen doppelt so hoch sein wie die für die polnischen. Es wird sich zeigen, wie schnell sich der Asphalt auf den Autobahnen löst. Dann werden wieder Steuergelder in den Löchern begraben.

Werden Sie beim Spiel Holland-Deutschland in Charkiw dabei sein?

Nein, aber ich kenne einige, die dahin gehen. Es ist nicht so, dass sich das jeder leisten kann. Die billigsten Tickets kosten 30 Euro, der durchschnittliche Monatslohn liegt bei 250 Euro. Doch für den Fußball bringt man gerne große Opfer.

Kirill Golovchenko: "Der Ball des Anstoßes"

Erschienen im Sammelband "Totalniy Futbol – Eine polnisch-ukrainische Fußballreise", herausgegeben von Serhij Zhadan, Edition Suhrkamp

In Berlin-Weißensee eröffnete am Donnerstag "Der Ball des Anstoß" mit Bildern von Kirill Golovchenko. Bis zum 1. Juli 2012 in der Galerie "Sepp Maiers 2raumwohnung".

http://www.seppmaiers2raumwohnung.de

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