Bettina Rheims

Düsseldorf



ANDROGYN IST DAS NEUE SCHWARZ

Die französische Fotografin Bettina Rheims betreibt "Gender Studies" im NRW-Forum Düsseldorf und zeigt mit ihrer neuen Serie: Der Janusleib ist kein Gefängnis.
// MICHAEL KOHLER, DÜSSELDORF

Mir hat die Aktfotografie nie eingeleuchtet. Sie ist weder Porträt noch Formstudie, und im Wettbewerb um das erotische Begehren überlässt sie der Pornografie verschämt das Feld. Obwohl eine männliche Domäne, weiß sie nur wenig davon, was Männern Spaß macht.

Am besten funktioniert sie in der übertriebenen Typisierung: Helmut Newtons Amazonen, die Hengste von Herb Ritts, Robert Mapplethorpes Stillleben aus dem schwulen Untergrund. Als sich Bettina Rheims mit ihrem Buch "Chambre Close" (1992) auf das Gebiet der farbigen Aktfotografie wagte, kam noch ein anderer Ton ins Genre: Rheims lichtete entblößte Frauen in schäbigen Hotelzimmern ab und spielte virtuos mit dem halbseidenen Versprechen dieses Arrangements.

Aus der flüchtigen Affäre ist eine lange Karriere geworden, obwohl Bettina Rheims die in sie gesetzte Hoffnung auf den genuin weiblichen Blick nie ganz erfüllen konnte. Seit ihrem Durchbruch mit "Chambre Close" hat sie vom offiziellen Bildnis des französischen Präsidenten bis zur Geschichte Jesu kaum ein Sujet ausgelassen und dabei oft den Glamour betont. Leider hat sie so das Thema ihrer interessantesten Arbeiten aus den Augen verloren. Anfang der neunziger Jahre zeigte sie Frauen- und Männerkörper zwischen den Geschlechtern, androgyne Jugendliche in "Modern Lovers", Transsexuelle in "Les Espionnes". Selten schien das Interesse für nackte Haut so angemessen, da sich die Porträtierten selbst über die neu gewonnene geschlechtliche Identität bestimmen.

Für ihre neueste Serie "Gender Studies" ist Rheims zu diesen Anfängen zurückgekehrt. Dazu legte sie ein Facebook-Profil an und forderte junge Menschen, die sich "anders fühlen", auf, sich bei ihr zu melden. Nach Gesprächen via Skype lud sie 27 Interessierte ein und lichtete sie vor einem weißen Studiohintergrund ab. Es sind junge Männer und Frauen, bei denen man zwei bis drei Mal hinsehen muss, um ihr Geschlecht zu erraten, und dann weiß man oft noch nicht, ob sie sich vom Mann in eine Frau verwandeln oder umgekehrt; lediglich auf einigen Bildern sprechen Operationsnarben eine deutliche Sprache.

Das Düsseldorfer NRW-Forum hat für "Gender Studies" einen Klangraum geschaffen, in dem die Abgebildeten zu hören sind und laut Bettina Rheims zur "Stimme des neuen dritten Geschlechts" verschmelzen. Auch den Fotografien selbst ist anzusehen, dass es Rheims nicht um individuelle Porträts geht: Alle Abgebildeten sind in das gleiche ätherische Licht gehüllt und tragen die gleiche Sorte Tuch über der meist engelhaft zarten Figur; mal erinnert das Kleid an modische Wäsche, mal an klinische Mullbinden. Ziemlich verklärt schauen die Geladenen in die Kamera; doch die eigentliche Idealisierung liegt im Blick der Fotografin.

Ob man die androgynen Geschöpfe, die, wie bei Rheims üblich, keine Nachnamen haben, nun überirdisch schön findet oder nicht, ist mehr als eine Frage des Geschmacks. Androgynität und drittes Geschlecht sind feministisch überhöhte Begriffe, mit denen sich theoretisch die Geschlechtergegensätze ohne Rest auflösen lassen. In der Realität fand Bettina Rheims Menschen, die sich im Zweifelsfall beide Geschlechtsoptionen offen halten wollen: "Je nach Tag, Stimmung – warum nicht alles haben?" Dass Rheims die Wirklichkeit dabei eher ausblendet als überwindet, sieht man den Fotografien allenfalls indirekt an. Mit den "Gender Studies" als Maßstab ist der Fluchtpunkt des dritten Geschlechts die Magersucht.

Soll man Bettina Rheims vorwerfen, dass sie ihren Gästen das Beste aus beiden Welten wünscht? So verklärend ihr Blick ist, so bewegend sind doch ihre Aufnahmen. Das Hauptstück der Ausstellung ist das Bild des jungen Simon: Die Wimpern seines rechten Auges sind getuscht, die seines linken Auges nicht. Ein Januskopf für einen Januskörper, der, das ist die eigentliche Botschaft dieser Serie, kein Gefängnis ist.

Bettina Rheims: Gender Studies

Düsseldorf, NRW-Forum bis 17. Mai.

http://www.nrw-forum.de

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1 Leserkommentar vorhanden

Luci

16:35

16 / 05 / 12 // 

90er Jahre Idee

Das zeitgemäßte an der Arbeit ist wohl, dass sie über Facebook an die Leute gekommen ist. Die Umsetzung erinnert eher an 90er Jahre-Kunst, sie stellt "Exotik" aus und schafft es nicht die Haut-(Oberfläche) zu durchdringen. Zeitloses Thema-schlechte Umsetzung.

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