Boris Mikhailov

Berlin



EINBLICKE IN ZWEI WELTEN

Der ukrainische Fotograf beobachtet Menschen im Osten und im Westen
// SUSANNE ALTMANN

Unglaublich, aber wahr: Der KGB stellte Mitte der sechziger Jahre die Weichen für diese Künstlerkarriere. Als der junge Ingenieur und Fotoamateur Boris Andrejewitsch Mikhailov im Labor einer volkseigenen Fabrik heimlich Aktfotos seiner Frau entwickelt, wird er erwischt und denunziert. Für die sowjetischen Sittenwächter ist Nacktheit kriminell.

Der Ukrainer verliert seinen Job und schlägt sich als Fotoassistent durch. Das Fotografieren wird ihm nun zur Leidenschaft.

Heute gehört der 73-Jährige zu den berühmtesten Fotokünstlern der Gegenwart. Grund genug für die Berlinische Galerie, dem Mann aus Charkow, der mit seiner Frau Viktoria seit gut zehn Jahren in Berlin lebt, eine Werkschau einzurichten. Gezeigt werden Werkzyklen aus den über vier Jahrzehnten seines Schaffens in zwei Weltsystemen, 13 davon sind zu sehen.

In "Sots Art" und "Red", den Serien aus den siebziger Jahren, wird Sowjetalltag ironisch und bissig überhöht. Mit farbigen Retuschen peppt Mikhailov das real existierende Grau auf oder lichtet bis zum Überdruss fahnenlastige Aufmärsche ab. In den Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ändert sich das Bild: In der Reihe "At Dusk" (1993) wird verordneter Optimismus von blaustichigen Motiven der Armut und Verzweiflung auf den Straßen des zerfallenden Großreichs abgelöst. Mikhailovs Kamera operiert schonungslos und mitfühlend zugleich. Nie denunziert sie und lässt den Randexistenzen der Gesellschaft aus der berühmten Folge "Case History" (1997/98) ihre Würde.

Während "At Dusk" noch von einem gewissen romantischen Schmelz zehrt, leuchten die farbigen Fallstudien von "Case History" das Elend bedrückend aus. Sie wirken wie eine persönliche Abrechnung mit den Hoffnungen, die nach 1989 auf-gekeimt waren. Danach wird Mikhailov zu einem Wanderer zwischen den Welten. Er hat Erfolg im Westen, pendelt jedoch bis heute immer wieder zur Arbeit in die Ukrai­ne. Doch auch in Berlin entstandene Werke wie "In the Street" (2001/03) sind zu sehen. Dabei sinniert Boris Mikhailov immer wieder darüber, ob er den ihm fremden Westen fotografisch erfassen kann. Natürlich kann er, doch auch diese tastenden Selbstzweifel machen seine Größe aus.

Boris Mikhailov

Berlin, Berlinische Galerie bis 28.5.

Der Katalog zur Ausstellung, erschienen im Distanz Verlag, kostet 24,80 Euro

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