Jörg Gläscher

Fotografie

Feldnotizen
Aus dem Buch "Der Tod kommt später, vielleicht.", erschienen im Kehrer Verlag (Jörg Gläscher)

FELDNOTIZEN

Der Leipziger Fotograf Jörg Gläscher entwirft in seinem neuen Buch das Bild einer Bundeswehr im Umbruch. Bei Übungen und Manövern schaut seine Kamera in nachdenkliche Gesichter
// FRANK DIETZ

Der Truppenübungsplatz als Bühne, Soldaten als Schauspieler – der Leipziger Fotograf Jörg Gläscher hat den Alltag der Bundeswehr fotografiert und sich seinem Sujet mit den klassischen Mitteln der Dokumentarfotografie genähert. Als ruhiger, distanzierter Beobachter lichtet er seine Protagonisten mit beinahe chirurgischer Schärfe ab. Es ist kein heroisches Bild, was er von der Truppe entwirft, eher schaut der Betrachter in nachdenkliche Gesichter. Gläschers Fotografien sind jetzt als Fotobuch unter dem Titel "Der Tod kommt später, vielleicht" im Kehrer Verlag erschienen.

Trotz der vermeintlichen Klarheit der Bilder ist nicht so ganz eindeutig zu erfassen, was in Gläschers Fotografien eigentlich vor sich geht. Seine Soldaten tun oft Dinge, die der Betrachter nicht versteht. Sie stehen verloren im Wald herum, schauen in uns unbekannte Apparate oder liegen regungslos am Boden. Die minimalistischen Titel der Fotos tun ihr Übriges, nennen nur Ort und Jahr der Aufnahme und verrätseln die Geschehnisse auf den Bildern so zusätzlich. Gläschers Fotografien beschreiben keine Handlungen, keine Aktionen, sondern einen (bereits fortgeschrittenen) Prozess. Es ist der Wandel der Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee zu einer flexibel einsetzbaren, professionellen Eingreiftruppe.

Wenn man die Fotografien in Jörg Gläschers Buch aufmerksam studiert, sind die Spuren der neuen Aufgabengebiete der Bundeswehr zu erkennen. Die Attrappe einer Moschee steht in der sächsischen Provinz. Ein Soldat spielt die Rolle des Gegners und ist dabei nicht als Soldat, sondern als Freischärler verkleidet. Ein anderes Foto zeigt das weite Meer mit stürmischem Wellengang.

Die Fotografie als Teil der Propaganda

Den Krieg zu thematisieren, ohne das tatsächliche Geschehen auf dem Schlachtfeld abzubilden, ist beinahe so alt wie die Fotografie selbst. Als der britische Fotograf Roger Fenton 1855 während des Krimkrieges sein berühmtes Bild "Shadow of the Valley of Death" aufnahm, war seit der Attacke der "Leichten Brigade", auf die sich das Foto bezog, schon Monate vergangen. Trotzdem funktionierten die Kanonenkugeln im Tal, effektvoll von Fenton im Vordergrund des Bildes arrangiert, als stille Mahnmale für die 156 gefallenen Soldaten des britischen Heeres.

Seit ihrer Erfindung führen Fotografie und Krieg eine verstrickte Beziehung miteinander. Das Lichtbild war bald unverzichtbarer Teil der Propaganda, der Aufklärung, und es war Teil der Kriegstechnik selbst, als Luftaufklärung oder Identifikationsmittel. Kriege waren oft Geburtsstunden legendärer Fotografen. Von Robert Capa bis Tim Hetherington haben etliche von ihnen mit dem Leben dafür zahlen müssen. So wie der Krieg die Fotografie beeinflusste, veränderte das Medium die Art, Kriege zu führen. Waren die Truppen einst gut sichtbar auf dem Schlachtfeld organisiert, um von ihren Befehlshabern dirigiert werden zu können, wurde die Unsichtbarkeit für den Feind plötzlich zum strategischen Vorteil.

Gläschers Fotografien gewinnen ihre Kraft nicht aus dem, was auf ihnen tatsächlich zu sehen ist. Das ist zumeist unspektakulär und banal, manchmal auch absurd komisch. Sie gewinnen ihre Dynamik aus dem Nicht-Sichtbaren, aus dem Wissen, dass die Erfahrung dieser Übungen angewandt wird. Unser Blick spaltet sich und oszilliert zwischen der Truppenübung in der deutschen Provinz und dem tatsächlichen Krieg in Afghanistan.

"Wir haben kein Verhältnis zu dieser Armee"

Es gibt im Buch immer wieder Anspielungen auf frühere Kriegsbilder. Das Titelfoto kann unschwer als eine Referenz an Jeff Walls "Dead Troops Talk" verstanden werden, während die mit einer Nachtsichtkamera aufgenommenen Bilder in ihrer Bildästhetik an die Fernsehberichterstattung erinnert, die mit dem zweiten Golfkrieg Einzug in die Abendnachrichten erhielt. Der Schatten des Kampfhubschraubers auf der Wasseroberfläche des bewaldeten Flusslaufs im Kosovo zitiert Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now", wie Peter Bialobrzeski in seinem Text bemerkt. Es ist die Ankündigung der Fahrt in die Hölle – nur dass hier die Hölle ausbleibt. Sie ist der blinde Fleck in Gläschers Arbeit, um den seine Bilder kreisen.

Holger Witzle schreibt in einem der sieben Begleittexte: "Wir haben kein Verhältnis zu dieser Armee und ihren Männern und Frauen." Das wird sich vermutlich auch nach der "Lektüre" von "Der Tod kommt später, vielleicht" nicht ändern. Die Soldaten verharren als Figuren im Tableau, sind weder vollwertige Akteure noch Opfer. Sie simulieren nur den Ernstfall. So würden viele die Bundeswehr gerne noch immer sehen. Abseits der Bilder sind die Soldaten aber schon einen Schritt weiter.

Der Tod kommt später, vielleicht.

Mit Texten von Peter Bialobrzeski, Tanja Duckers, Jochen Missfeldt, Wolfgang Prosinger, Kathrin Schmidt, Ingo Schulze und Holger Witzel
36 Euro, erschienen bei Kehrer 2012

http://www.glaescher.de

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo