Thomas Ruff

München



VIRTUELLE WELTREISEN

Dass die Fotografie heute gleichwertig in Museen neben Malerei und Skulptur präsentiert wird, ist nicht zuletzt auch ein Verdienst der Düsseldorfer Fotoschule. Thomas Ruff gehört neben Andreas Gursky, Thomas Struth und Candida Höfer zu den prominentesten Absolventen der Becher-Klasse an der Düsseldorfer Akademie. Wie kaum ein anderer lotet er die Möglichkeiten der Fotografie aus – mit schwankendem künstlerischen Ertrag.
// CORNELIA GOCKEL, MÜNCHEN

Die frühesten Arbeiten in der Ausstellung sind die kleinformatigen "Interieurs", die Thomas Ruff von 1979 bis 1983 während seiner Studienzeit, vor allem in seinem Heimatort im Schwarzwald, fotografiert hat. Es sind Bilder von biederen Stuben mit glatt gezogenen Tischdecken, aufgeschüttelten Sofakissen und vergilbten Kunstdrucken an den Wänden. Sie vermitteln Heimeligkeit, aber auch die Enge einer kleinbürgerlichen Existenz.

Den künstlerischen Durchbruch erzielte Ruff in den achtziger Jahren mit seinen großformatigen Porträtfotografien von Menschen aus seinem Umfeld. Gleichmäßig ausgeleuchtet, frontal vor einem neutralen Hintergrund aufgenommen, geben sie nichts von der Persönlichkeit der Porträtierten preis. Es sind nüchterne Bestandsaufnahmen, die in ihrer Serialität an die Dokumentationen von Industriebauten der Bechers erinnern. "Ich glaube, nicht daran, dass man heute noch Porträts im herkömmlichen Sinne von Repräsentation einer Persönlichkeit machen kann", erklärte er 1989 in einem Interview.

Begeisterung für Fremdmaterial

Ruff hat die Vorstellung von Fotografie als ein Dokument der sichtbaren Welt schnell hinter sich gelassen. Seine Arbeit versteht er vielmehr als eine umfassende künstlerische Auseinandersetzung mit dem Medium Bild. So verwendet er nicht nur eigene Fotografien, sondern auch Fremdmaterial wie Zeitungsbilder, Werbeplakate, wissenschaftliche Aufnahmen und Bilder aus dem Internet. Dabei experimentiert er mit verschiedenen bildgebenden Verfahren und Techniken der Bildbearbeitung.

Eine unerschöpfliche Quelle der Bildproduktion und -distribution eröffnet das Internet. "Ich nahm mir vor, virtuell um die Welt zu reisen – und von allen Kontinenten grässlich schöne Bilder der Zerstörung und Katastrophen zu sammeln", berichtet Ruff. "Ich wollte schon immer, dass man sich mit Bildern aus der Welt auseinandersetzt und sie nicht vergisst." Neben Aufnahmen von den zerstörten Twin Towers und einer Atomexplosion, gehören zu der Serie "jpegs" aber auch Idyllen von rauschenden Gebirgsbächen und erhabenen Felsformationen. Mittels Pixelvergrößerung verfremdete er die Fotografien so, dass sie von Nahem wie ein abstraktes Bild wirken und nur von Weitem als reale Erscheinung wahrnehmbar sind.

Die Weichspülversion der Internetpornografie

Auf der Suche nach einer zeitgemäßen Form der Aktfotografie stieß Ruff auf Pornobilder im Internet. Die Bilder erregten ihn nicht nur, sondern erschienen ihm in ihrer schonungslosen Direktheit viel ehrlicher als die konventionellen Aktfotografien. Er bearbeitet sie nur wenig mit digitalen Mitteln und reproduziert sie in leichter Unschärfe als weichgespülte Version der Hardcore Variante. Auf dem Kunstmarkt mag er mit den "Nudes" erfolgreich sein. Ihr künstlerischer Ertrag ist dagegen bescheiden, da er sich in der Ästhetisierung des Fremdmaterials erschöpft. Ähnlich problematisch erscheint in diesem Zusammenhang seine Serie "Substrate", bei denen er Manga-Comics mittels digitaler Bildbearbeitung zu einer farbenfrohen Ursuppe vermischt.

Spannender ist seine Auseinandersetzung mit der Welt, die auf wissenschaftlichem Interesse beruht. Schon seit seiner Schulzeit begeistert sich Thomas Ruff für die Astronomie. Auf der Basis von wissenschaftlichen Fotografien vom Sternenhimmel und vom Mars produziert er romantische Sehnsuchtsbilder, die nur in unserer Vorstellungswelt existieren. In der Ausstellung im Haus der Kunst sind die Fotografien aus der Serie "ma.r.s." zugleich Anfang und Endpunkt durch den Parcours von unterschiedlichen Werkgruppen. Als Planet ist der Mars ein real existierender Ort im Weltall, für uns bleibt er hingegen unerreichbar.

Thomas Ruff

bis 20. Mai, Haus der Kunst, München
Künstlergespräch: Thomas Ruff und Okwui Enwezor, 13. März, um 19 Uhr

Der Katalog erscheint im Schirmer/Mosel Verlag und kostet broschiert im Museum 39 Euro und gebunden im Buchhandel 58 Euro.

http://www.hausderkunst.de

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