Cindy Sherman

New York



TRAGISCH, VULGÄR UND OHNE MITLEID

Es war die Stunde der Frauen im Museum of Modern Art: Im Atrium, wo man eine Bar aufgebaut hatte, schwebte Rosa Luxemburg von Sanja Ivekovic, die Statue einer ziemlich schwangeren griechischen Göttin auf einem Obelisk, über den Gästen. Während die kroatische Künstlerin und Feministin in einer von Roxana Marcoci kuratierten Ausstellung den dritten Stock des Museums einnahm und Marina Abramovic bei den Internationalen Filmfestspielen im fernen Berlin für ihren gefeierten MoMA-Auftritt 2010 und die Dokumentation "Marina Marina Abramovic: The Artist is Present" den Publikumspreis gewann, feierte man an diesem Abend den New Yorker Star Cindy Sherman. Es ist die erste Retrospektive der Künstlerin in den USA in 14 Jahren.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Zur Pressekonferenz am Morgen war die 58-Jährige nicht erschienen. MoMA-Direktor Glenn Lowry überließ der jungen Kuratorin Eva Respini, die zwei Jahre lang mit Sherman an der Ausstellung gearbeitet hatte, den großen Auftritt. "Cindy Sherman ist in Zeiten von Facebook oder YouTube zeitgemäßer als je zuvor", meinte Respini. Wie zum Beweis ragten hinter ihr Shermans aktuelle Arbeiten in Form von gigantischen Wandfotos empor.

Es handelt sich um am Computer bearbeitete Selbstporträts vor einer Central-Park-Landschaft in Schwarzweiß, die erstmalig ohne Shermans Make-up-Kunst auskommen. Die Kreaturen auf den Bildern sehen aus wie Mitglieder eines bizarren Familienclans und nehmen in ihrer Übergröße wie Goliaths den sechsten Stock des MoMA ein. Cindy Sherman entschied sich für das riesige Format, nachdem ihr aufgefallen war, dass so viele männliche Kollegen Ausstellungen mit gigantischen Arbeiten und aufgeblasenen Egos füllen. Dass es an der Zeit für eine große Ausstellung war, sei ihr klar geworden, als sie 2008 Shermans Porträts von alternden Society-Frauen in der New Yorker Galerie "Metro Pictures" gesehen hatte, erzählte Respini. Die Bilder seien tragisch, vulgär und zeigen keine Form von Mitleid, so die Kuratorin. Sie sind die stillen Stars der Retrospektive.

Gefühlte Inhalte

Kuratorin Respini entschied sich dagegen, die Ausstellung chronologisch zu ordnen. Stattdessen setzt sie auf gefühlte Inhalte und arbeitet mit Konfrontationen. So werden die Besucher von einer im Kaftan herausgeputzten Society-Dame empfangen. Es könnte sich bei dieser Frau um eine reiche New Yorker Kunstmäzenin handeln, die in jungen Jahren sicherlich eine Schönheit war und sich nun ihrem Status entsprechend in Szene setzt und mit zu viel Make-up und zu viel Schmuck dem Alter zu trotzen scheint. Sie teilt sich den Raum mit Shermans "Untitled Film Stills" aus den siebziger Jahren, in denen die junge Künstlerin klischeehafte Frauentypen verkörperte. Die 69 Fotos umfassende Serie stammt aus der Sammlung des MoMA. Der Erwerb wurde 1995 von einer anderen Verwandlungskünstlerin, Popstar Madonna, mit einer Million Dollar finanziert.

Society-Ladies, Clowns und zerstückelte Puppen

In einem Zwischenraum mit grau gestrichenen Wänden werden die Besucher von Shermans "Centerfolds"-Frauen in all ihrer Verletzlichkeit umgeben. Hysterische Clowns teilen sich den Raum mit einer Society-Lady, die mit ihrem dezenten Perlenschmuck und den perfekt sitzenden Haaren wie Hillary Clinton aussieht, und einem alternden Partygirl mit tiefem Ausschnitt, bei dem es sich durchaus um Madonna handeln könnte. Die "History Portraits" von Ende der achtziger Jahre im Stil der Porträtkunst der alten Meister, auf denen sich die Künstlerin als Renaissance-Madonna, Kurtisane, verbrauchte Magd oder als aristokratischen Jüngling darstellt, füllen einen Raum mit dunkelroten Wänden. Und natürlich fehlen auch die verstörenden Bilder aus den "Fairy Tales" und "Disasters"-Serien von Mitte bis Ende der achtziger Jahre nicht, in denen Sherman sich ihren Arbeiten weitgehend entzog, stattdessen mit zerstückelten Puppen und Prothesen arbeitete und damals auf ihren frühen Erfolg, auf die politische Zensurdebatte in den USA, auf den damals als Skandalkünstler angesehenen Jeff Koons mit seinen Cicolina-Arbeiten und auf die Aids-Epidemie reagierte. "Untitled #175" von 1987, das Schokoladenkuchen-Reste neben Erbrochenem und einer Sonnenbrille zeigt, in dem sich Shermans Bild spiegelt, ist heute wie damals schockierend.

Früher verspielt, heute tragisch

Es fällt auf, dass Shermans frühe Arbeiten aus Studentinnen-Zeiten am State University College in Buffalo – erste Collagen mit Schwarzweiß-Fotos von Sherman mit großer Brille und einem zu kurzen Kleid oder als jugendlicher Macho mit Wollmütze und der Trickfilm "Doll Cothes" von 1975, in dem sich eine jungenhafte Sherman als Anziehpuppe darstellt – etwas Verspieltes und Leichtes haben. Spätere Arbeiten, vor allem die Serie von 2000 mit all den tragischen Frauenfiguren und ihren aufgepumpten Lippen, den dicken Brüsten, den falschen Fingernägeln und den Bikinirändern vom Sonnenbad, tragen etwas Verzweifeltes, Sehnsuchtsvolles und vor allem Einsames in sich. Dies sind keine Heldinnen, sondern Frauen, die das Leben gezeichnet hat.

Cindy Sherman selbst präsentierte sich am Abend der Eröffnung als strahlender Star. Kollegen wie John Waters, Michael Stipe, Jenny Holzer, Lisa Yuskavage, Marilyn Minter, Lou Reed, Blondie oder Chuck Close im farbenfrohen Anzug mit Melone waren gekommen, um Sherman zu feiern. Es war ein großer Moment. Nicht nur in der Karriere der Amerikanerin, sondern für alle Künstlerinnen, für die Sherman mit ihren verzweifelten, verunstalteten oder exaltierten Geschöpfen einen langen Kampf gegen die Dominanz der Männer in Kunst geführt hat.

Das große Porträt über Cindy Sherman können Sie im aktuellen art-Heft lesen.

Cindy Sherman – Retrospektive

26. Februar bis 11. Juni, MoMA, New York

http://www.moma.org

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