Ai Weiwei

Berlin



"I'LL SEE YOU LATER"

Die Ausstellung, die aus Solidarität für Ai Weiwei während seiner Gefangenschaft ins Leben gerufen wurde, dokumentiert sein Leben in New York und die gesellschaftliche Realität der Stadt selbst – lange vor seiner Künstlerkarriere. Seine Fotos verkaufte er damals an amerikanische Zeitschriften. Vor kurzem wurde er von dem Kunstmagazin "ArtReview" zur bedeutensten Person in der Kunstszene ernannt, seine Freiheit hat er jedoch nach wie vor nicht wieder erlangt. Per Videobotschaft grüßt der Künstler die Besucher.
// KITO NEDO, BERLIN

Sowas nennt man wohl glückliches Timing. Kurz vor der Eröffnung der Ausstellung "Ai Weiwei in New York" im Berliner Gropiusbau macht die Nachricht die Runde, Ai Weiwei sei auf den ersten Platz der jährlichen Power-100-Liste der Londoner Kunstzeitschrift "Art Review" vorgerrückt.

Damit will das Magazin den Chinesen gleichermaßen "für seinen Aktivismus und seine Kunst" ehren: "Er hat mit seinem Werk und seinem Einsatz gezeigt, dass Künstler aus dem privilegierten, begrenzten Raum eines Museums oder einer Galerie ausbrechen können und sollten." Doch im realen Leben ist der mächtigste Mann im Kunstbetrieb ziemlich machtlos: Zwar wurde er am 22. Juni nach 81 Tagen aus der Haft entlassen, doch nur unter strengen Auflagen der chinesischen Regierung. Er darf Peking nicht verlassen. Ai Weiwei sei "noch immer in Gefahr" betonte denn auch Gereon Sievernich, der Gropiusbau-Direktor, als er alleine (und etwas verloren) auf dem Podium der Pressekonferenz saß, um den Journalisten die Ausstellung mit den Fotografien aus Ais New York Dekade zu erklären. Vom Künstler selbst gab es nur ein halbminütiges Video-Grußwort aus Peking: Er freue sich, dass seine Ausstellung nun in Berlin gezeigt werde, er wäre gern dabei, aber dies ginge nicht. Er hoffe, dass die Show dem Publikum gefalle: "I'll see you later."

Über Umwege nach Berlin

Anwesend hingegen war auch Ais Berliner Galerist Alexander Ochs, der maßgeblich am Gelingen der kurzfristig organisierten Ausstellung beteiligt war. Denn die Idee war erst nach Verhaftung des Künstlers im April entstanden, als Sievernich und Ochs am Rande einer Solidaritätsveranstaltung in der Berliner Akademie der Künste ins Gespräch kamen. Der Musemsmann fragte den Galeristen, was man konkret für Ai tun könne. Und Ochs, der auch eine Solidaritätsadresse für den Künstler initiierte, hatte eine Idee. Ais Einverständnis holte man sich über verschlungene Wege: Während der knapp dreimonatigen Inhaftierung des Künstlers und einiger seiner engen Mitarbeiter war dessen Atelier weitgehend lahmgelegt. Nur sechs Monate später sind nun die Fotografien, die bereits Ende 2008 in Peking und in diesem Sommer in New York gezeigt wurden, auch in Berlin zu sehen. Im Distanz-Verlag ist ein voluminöser Katalog erschienen.

New York 83-93

Aus der heutigen Situation betrachtet, gehört es sicherlich zu den Vorteilen der Schau, dass sie den Blick weg von der Gegenwart, zurück zu den Anfängen Ais als Künstler richtet. Die in Berlin präsentierten 220 Bilder gehören zu einem rund 10 000 Aufnahmen umfassenden Konvolut, das Ai zwischen 1983 und 1993 in New York produziert hatte, als er im East Village lebte und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Neben Selbstporträts und Momentaufnahmen aus der chinesischen Künstler- und Intellektuellen-Diaspora sind es vor allem dramatische Bilder von Demonstrationen, Protesten gegen Gentrifizierung oder von Polizeiaktionen auf den New Yorker Straßen, die Ai damals teilweise an Magazine und Zeitungen wie die "New York Times" und "Newsweek" verkaufte.

Der rasende Reporter

Das dokumentarische Moment erscheint in der Ausstellung oft wichtiger als besonders ausgeklügelte Bildkompositionen. Der Punkt, den "Ai Weiwei in New York" macht, ist jedoch entscheidend: Schon vor dem Beginn seiner Großkünstlerkarriere, die erst mit seiner Rückkehr Anfang der neunziger Jahre nach Peking einsetzt, interessiert Ai sich intensiv für gesellschaftliche Realitäten, in diesem Fall die einer amerikanischen Metropole. Das entkräftet jene oft geäußerte Kritik, die hinter Ais aktueller Einmischung in die chinesische Politik immer wieder eine Marketingmasche vermutet. "Er ist ein Künstler, ein Dichter, ein Architekt, ein Kurator, Experte für traditionelles chinesisches Handwerk, ein Verleger, ein Stadtforscher, ein Sammler, Blogger und so weiter", schreibt der Kurator Hans Ulrich Obrist in seinem Interviewbuch "Ai Weiwei speaks". Man kann die Liste noch ergänzen: Eine Zeitlang versuchte sich der heutige Kunstbetriebs-Star als rasender Foto-Reporter in New York.

Ai Weiwei in New York

bis 18. März 2012, Martin-Gropius-Bau, Berlin.

Vorträge zu Ai Weiwei in Berlin: "Ai Weiwei: Künstlerische Interventionen und ihre Kritische Dimension – Ein Diskurs zum Schaffen des Künstlers", 21. Oktober, 19Uhr, Museum für Asiatische Kunst. Zur Besichtigung des "Teehaus" von Ai Weiwei ist das Museum bis 19Uhr geöffnet.

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2 Leserkommentare vorhanden

Ernst Cornell

21:18

18 / 10 / 11 // 

Schweizer Markenprodukt

Ai Weiwei, der heute als der bekannteste chinesische Gegenwartskünstler gilt und nur in Deutschland als Dissident bekannt ist, war laut eigenen Angaben kaum künstlerisch tätig, bis er 1995 Uli Sigg in Peking kennenlernte:http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/ai\_weiwei\_\_kein\_wirklicher\_regimekritiker\_1.10548627.html

Ernst Cornell

21:19

18 / 10 / 11 // 

Schweizer Markenprodukt

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/ai\_weiwei\_\_kein\_wirklicher\_regimekritiker\_1.10548627.html

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