Fotofestival

Mannheim



THE EYE IS A LONELY HUNTER

Den "Bedingungen des Menschseins" widmet sich das vierte Fotofestival Mannheim Ludwigshafen Heidelberg. Acht Ausstellungsstätten zeigen ethnografische, anthropologische und ökologische Perspektiven auf die Menschheit im 21. Jahrhundert, festgehalten von Fotokünstlern aus aller Welt.
// MARKUS CLAUER

Blaue Wasserläufe zwischen den Eislandschaften, die sich vom Atlantik bis zum Nordpolarmeer ausdehnen, surreal schön sind die Fotos des deutschen Landschaftsfotografen Olaf Otto Becker – wie Werbung für Duschgel.

Dabei zeigen sie, welche Folgen es hat, wenn unter dem Einfluss des Klimawandels die Polarkappen schmelzen. Becker wäre für die Bilder beinahe gestorben. Bei seiner 450 Kilometer langen Trekkingtour durch die Arktis lief der Fotograf mit seinem Boot auf einen Eisbrocken auf. Er brach sich eine Rippe. An Land fiel er in eine kurze Bewusstlosigkeit, während sein Boot davondümpelte. Becker musste verletzt durchs eiskalte Wasser schwimmen, um es wieder einzuholen. Man meint, die existenzbedrohende Erfahrung als respektvolle Distanz in seinen Fotos zu sehen.

Gerne erzählt die Kuratorin Solveig Helweg Ovesen beim 4. Fotofestival Mannheim Ludwigshafen Heidelberg davon, unter welch extremen Bedingungen der Künstler zu seinen Werken gekommen ist. Engagierte Fotografie als Forschung ist ihr am liebsten. Die steht im Mittelpunkt des Festivals, das die Dänin Ovesen zusammen mit ihrer aus Griechenland stammenden Kollegin Katerina Gregos kuratiert hat und auf dem einige von Olaf Otto Beckers Aufnahmen noch bis zum 6. November zu sehen sind. Bei seinen Arbeiten stimmt die Form, bei den meisten der ausgewählten Fotografen geht es indessen vor allem um Haltung. Das Dokumentarische aus den Randbezirken der Welt und des Lebens dominiert, Standbilder eines neuen Kolonialismus und Fotos vom Gelingen und Scheitern der Selbstbehauptung gegenüber der Globalisierung. Viele Künstler wurden eingeladen, die für ihre Projekte Lebenszeit und Nähe riskieren und Empathie auslösen. Sie sind mühsam mit kleinem Budget und vorab formulierten Thesen unterwegs und wenden verschrobene Methoden an, etwa eine Laufbodenkamera wie die, die der Franzose Bruno Serralongue bei seinen Fotorecherchen aufstellt.

Boniface Mwangi zum Beispiel ist sichtbar in Gefahr gewesen bei der Dokumentation der Unruhen, die 2008 in den Slums von Kenias Hauptstadt Nairobi nach der manipulierten Wahl von Präsident Kibaki ausbrachen. Taryn Simon, zurzeit auch bei der Biennale in Venedig vertreten, hat zwei Jahre mit in den USA unschuldig Verurteilten wie Larry Mayes verbracht, der wegen angeblicher Vergewaltigung und Raub achtzehneinhalb Jahre lang im Gefängnis saß. Simons Foto stellt Mayes' Verhaftung nach. Er lag dabei versteckt unter einer schäbigen Matratze seines Appartements. Natürlich wurde das gleiche Motiv auf den Polizeifotos ganz anders betrachtet.

Einer der Klassiker der empathisch beobachtenden Teilnahme, die das Festival so favorisiert, ist Jacob Holdt. Fünf Jahre, zwischen 1970 und 1975, lebte er als Vagabund am Rande der amerikanischen Gesellschaft und fotografierte wie unter Seinesgleichen. Das Ausstellungs-Motto ist sozusagen für ihn erfunden worden: "The eye of the lonely hunter" – dem Titel von Carson McCullers Roman "The heart is a lonely hunter" von 1940 nachgetextet – einem Sozialdrama, das den Ungehörten eine Stimme verleiht: einem Kind, einem ambitionierten afroamerikanischen Arzt, einem Wanderarbeiter. Das Festival zeigt über 1000 Werke – neben Fotos auch Videos und kleinere Installationen von 56 Künstlern aus 32 Ländern in sieben Häusern wie der Kunsthalle Mannheim, dem Ludwigshafener Kunstverein oder der Heidelberger Ausstellungshalle 02 sowie im Außenraum des Alten Messplatzes in Mannheim. Ein leiser Größenwahn liegt über dem radikal gutgemeinten Ganzen. Als Referenz ist Edward Steichens legendäre Fotoausstellung "The Family of Man" angegeben, die in den Fünfziger Jahren neun Millionen Menschen gesehen haben. Und als sei das nicht genug, will man Steichens zeittypischer Gleichmacherei und seinem westlichen Blick auf die Welt auch noch etwas entgegensetzen.

Der selbstformulierte Anspruch des Festivals, das die drei beteiligten Städte veranstalten und der Chemiekonzern BASF maßgeblich bezahlt, ist jedenfalls fast schon angenehm uneinlösbar. Denn die einzelnen Schauen mit spröden und keinesfalls trennscharfen Untertiteln wie "Ökologische Kreisläufe", "Affekt und Wirkung von Politik" oder "Das alltägliche Leben" sollen Auskunft nicht weniger als über die "Conditio Humana des 21 Jahrhunderts" geben. Wie verwandelt zu praktizierenden Philanthropen sollen die Betrachter aus den Ausstellungen treten. Was anderswo ein frommer Wunsch ist, wird hier unverhohlen im Katalog formuliert – geradeheraus und ganz im Sinne der auf dem Buchmarkt derzeit virulenten Empörungstraktate.

Vermutlich weiß man bei dem Festival, dass die Betrachter oft nur Sekunden haben, um ein Foto zu anzuschauen, das Ergebnis jahrelanger Arbeit gewesen ist.

Zu den eindrucksvollsten Arbeiten des anstrengenden, immer wieder aber auch Herz und Kopf anregenden Festivals gehört sicherlich eine im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum installierte, neun Meter breite Fotografie des Chinesen Yang Yonglians. Aus der Distanz ähnelt sie einer traditionellen chinesisches Malerei, die eine in Nebel getauchte friedliche Berglandschaft zeigt. Wer näher herantritt sieht, dass die Berge von urbanen Geschwüren befallen sind, Wolkenkratzern, Kränen, Stadtbau-Sünden, gehüllt in Industriesmog. Offenbar kommt eine Veranstaltung wie das Fotofestival in der Metropolregion nicht ohne Skepsis gegenüber der Bildproduktion aus. Vermutlich weiß man dort auch um den Widerspruch, dass die Betrachter oft nur Sekunden haben, um ein Foto zu anzuschauen, das Ergebnis jahrelanger Arbeit gewesen ist.

Die aktuelle vierte Ausgabe des Festivals grenzt sich unbestreitbar deutlich von der vorigen ab. Denn ging es vor zwei Jahren noch in der Hauptsache darum, die Skepsis gegenüber fotografischen Bildern und ihrer Strategien hochzuhalten, scheint dieses Thema nur noch vereinzelt auf, bei Taryn Simon etwa. Oder wenn Clemens von Wedemeyers die angebliche Entdeckung des philippinischen Naturvolks der Tasaday 1971 durch eine westliche Forschergruppe auf die Schippe nimmt. Offenbar hatten der "unberührte" Stamm in einem benachbarten Dorf einen westlichen Lebensstil gepflegt und mit den Forschern nur gespielt. Wie passend, dass der manchmal nervende Bekehrungstrip, den das Fotofestival darstellt, mit Einschüben wie diesen unterbrochen ist und auch eine Nummer kleiner funktioniert – als Blick vor die Tür.

Denn sehr kurzfristig ist die Arbeit von Beat Streuli entstanden, dem wie Roger Ballen in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn und Tobias Zielony in der Halle 02 eine Einzelpräsentation gewidmet ist. Eine Woche hat der Schweizer Fotograf Streuli Passanten an einer Straßenbahnhaltestelle am Alten Messplatz in Mannheim fotografiert. Jetzt ist dort eine 70 Meter breite Wand mit ausgewählten Ergebnissen installiert. "Die Repetition menschlicher Formen entwickelt sich zu einer meditativen Befragung einer Conditio humana", meint die Katalogprosa dazu. Doch als Streuli selbst dem Pressetross seine Sicht erklärt, wird sie erst einmal vom Wummern der Musik aus einem Dreier-BMW übertönt, der an der Ampel steht. Die Fotowand, sagt Streuli als er wieder zu hören ist, zeige, dass Mannheim eine ganz normale Großstadt sei, ein bisschen bunter vielleicht als noch vor zehn Jahren. Eine sehr bodenständige Selbstinterpretation. In Mannheim hat man Pläne die höher fliegen. 2020 will man europäische Kulturhauptstadt sein.

Das Fotofestival Mannheim Ludwigsburg Heidelberg

Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg e.V. bis 6.November

68159 Mannheim

Tel: +49 (0)621- 122 73 12 Fax: +49 (0)621 - 122 73 80

http://www.fotofestival.info

info@fotofestival.info

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