Judy Linn

Interview

Zufall ist Perfektion
"Man muss vorbereitet sein, aber gleichzeitig offen für neue Entdeckungen. Ohne das erzeugt man tote Kunst": Judy Linns "Patti, Maybelline, Myrtle Avenue", 1969 (Courtesy: Judy Linn, WTC Hamburg & Feature Inc. New York)

ZUFALL IST PERFEKTION

Judy Linn wollte eigentlich nie fotografieren. Dass sie doch damit anfing, beschert der Nachwelt eine Sammlung von Aufnahmen, die nicht nur Patti Smith und Robert Mapplethorpe vor ihrem Ruhm zeigt, sondern auch die Entwicklung einer Szene reflektiert, die noch heute für Umbruch und jugendliche Revolution steht. Zum Erscheinen ihres Bildbands "Patti Smith 1969-1976" stellt die New Yorker Fotografin in der Hamburger "White Trash Contemporary"-Galerie aus. art traf die Fotografin in Berlin. Ein Gespräch über Rock'n'Roll, Karl Friedrich Schinkel, Zufallsmomente, Tennis und Patti Smiths fantastische Brüste.
// LEA DLUGOSCH

Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

An meiner Kunsthochschule war es Bedingung, einen Fotografiekurs zu belegen, und ich hatte überhaupt keine Lust darauf. Ich hatte mich eigentlich von dem Kurs abgemeldet, er nervte mich, weil ich nicht gut darin war.

Aber ich hatte einen großartigen Lehrer. Er sagte: "Deine Augen haben ein eigenes Gehirn." Es ist ein anderes System, eine visuelle Intelligenz, die sich von unserer logischen, sprachlichen Intelligenz unterscheidet.

Die Fotografin Sibylle Bergemann sagte einmal, die Technik des Fotografierens sei ihr egal, sehen Sie das genauso?

Es ist so wie Tippen lernen: Wenn Sie die Technik einmal beherrschen, denken Sie nicht mehr darüber nach. Man muss vorbereitet sein, aber gleichzeitig offen für neue Entdeckungen. Ohne das erzeugt man tote Kunst. Sie sollten einen Film eingelegt haben, ihre Kamera kennen, einen Hintergrund haben, aber dann lassen Sie es passieren. Motive sind ein bisschen gefährlich. Sie bedeuten, dass man zuviel denkt. Es ist mehr wie Sport, wie wenn man einen Tennisball hin- und herschlägt. Man reagiert einfach. Wenn man denkt, ist es schon zu spät. Der Zufallsmoment ist der Beste, Zufall ist Perfektion. Es ist das, was man am Anfang hasst und am Ende liebt. Aber man sollte natürlich eine Richtung haben.

Wie würden Sie die Beziehung von Fotografie und Kunst beschreiben?

Es ist dasselbe. Das, was viele Künstler, Bildhauer, Maler und Graphiker wollen, will ich auch.

Was für eine Kamera verwenden Sie am häufigsten?

Eine Leica. Ich habe sie mir 1969 gekauft. Mein Lehrer sagte einmal, ich solle mir eine gute Kamera mit einer guten Linse besorgen. Ich merke übrigens erst jetzt, dass die Blende deutsch spricht. Das „Klicken“ weist auf das deutsche Fabrikat hin. Ich wusste vorher nicht, wie sie zu mir spricht.

Patti Smith stellte eine Art Muse für Sie dar. Wie hat ihre Musik Ihre Arbeit beeinflusst?

Patti war inspirierend, weil sie so schlau war. Sie war unglaublich intelligent, belesen und interessant. Ich war damals gerade mit der Kunsthochschule fertig, hatte angefangen zu fotografieren, und Patti wollte gerne fotografiert werden. Sie hat einfach ihr Hemd ausgezogen und ich machte die Bilder, so als ob das dazu gehörte. Sie hatte wirklich fantastische Brüste. Sie hatte Spaß daran, sie spielte mit mir, es gab also eine beidseitig erdachte Geschichte. Ich gab ihr die Abzüge, und sie war echt glücklich. Das Ganze fand vor der Musik statt. Auftritte zu fotografieren hat mich nie interessiert.

Gibt es andere Fotografen, die Sie bewundern?

Ich mag Pieter Hugo sehr. Im Hamburger Bahnhof habe ich gerade eine Ausstellung von dem verrückten Typen (Horst Ademeit) mit den Polaroids gesehen. Er ist großartig. Es sind Billionen von Bildchen, und jedes ist perfekt, es gibt keine Fehler. Sogar die Fehler werden als gut akzeptiert.

"Man kann geradezu abwesend sein, während man ein Foto aufnimmt."

Das ist wirklich interessant. Er hatte eine Schau in New York, und es war sehr offensichtlich, dass er verrückt war. Aber in der Ausstellung hier präsentieren sie ihn als Schüler von Beuys. Da reiten sie nicht auf der Verrücktheit rum, sondern auf dem konzeptuellen Ansatz.

In Ihrem neuen Fotoband schreiben Sie auch über ihre Hoffnung, Alfred Stieglitz’ Bildgrammatik zu knacken...

Ich habe eine seiner Fotografien in die Hände bekommen und dort nach einem klassifizierenden System gesucht, einer Grammatik für Fotografie. Nehmen Sie (Karl Friedrich) Schinkel: Er kennt sich gut mit klassischen architektonischen Strukturen aus und überträgt sie auf etwas anderes. Er sieht die Reinheit darin und verwendet sie. Ich habe versucht, ihm das gleichzutun.

Das ist interessant. Gibt es also auch einen mathematischen Ansatz zur Fotografie?

Ich weiß nicht, ob ich es als Mathematik bezeichnen würde. Es geht mehr darum, das Material von jemand anderem zu verwenden. Es ist so, als ob man ein Lied lernt und dann anders singt. Ich dachte, Stieglitz wäre ein guter Anfang, weil er eine sehr glatte, ehrliche Art hat, die Dinge zu betrachten, was mir gefiel.

Wie stehen Sie zu Nan Goldin? Sie hat wie Sie eine bestimmte New Yorker Szene abgelichtet, wenn auch etwas später.

Ich mag ihre Fotos sehr, besonders die frühen. Sie war viel besser darin, ihre Arbeiten herauszubringen. Aber ich war früher als sie.

Hat es die Fotografie leichter gemacht, Menschen aus der „Untergrund-Szene“ kennenzulernen?

Ich habe mich eigentlich nie als Teil einer bestimmten Szene wahrgenommen. Ich hatte einfach Freunde, die Maler an der Kunsthochschule waren. Ich denke, es als Szene zu betrachten, ist eher eine Außenperspektive.

Was macht ein gutes Bild aus?

Ein gutes Bild hat etwas, das mich bei der Stange hält. Ich habe oft viele kleine Abzüge bei mir rumliegen, und wenn ich ein Foto im Blick behalte, ohne das Interesse daran zu verlieren...wissen Sie, ich mag Fotografie, weil sie einen bilden kann. Weil man Fotos erhalten kann, die intelligenter sind als man selbst. Man kann geradezu abwesend sein, während man ein Foto aufnimmt. Aber dann schaut man es sich an und denkt: „Wow, schau Dir das an, da gibt es eine Beziehung zwischen diesen Dingen“. Während man klickt, denkt man nicht darüber nach, erst später beim Bearbeiten. Dann bleibt es kleben, weil ich es nicht verstehe oder jetzt erst verstehe, und das ist das Beste.

Was halten Sie von digitaler Nachbearbeitung?

Ich liebe Photoshop, ich vergöttere es geradezu. Man muss aber klug damit umgehen und hinter vorgefertigte Muster blicken, wie zum Beispiel einen „Polaroid-Effekt“. Man kann so viel mehr damit machen, wenn man es offen und kreativ nutzt.

Judy Linn

Die Ausstellung "In bed with Patti Smith" ist vom 3. September bis zum 15. Oktober in der Hamburger Galerie WHITE TRASH CONTEMPORARY statt. Im Rahmen des Galerienrundgangs am 2. September findet die Vernissage um 18.00 Uhr statt.

http://www.whitetrashcontemporary.com

infowtc@mac.com

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