Talking Pictures

Smartphone-Dialoge

Eine Ausstellung mit Arbeiten, die ausschließlich mit dem Smartphone kreiert wurden? Was nach langweiligem Bilder-Müll klingt, ist derzeit eine der besten Shows in New York.
Smartphone-Dialoge

Manjari Sharma, Bild aus dem Dialog mit Irina Rozovsky. Digitale Fotografie

"Eine knallharte Pussy lässt sich nicht unterdrücken", steht auf dem Protest-Plakat, das eine Demonstrantin in den Himmel hält. Im Vordergrund des Bildes sieht man die pinkfarbenen Ohren einer Pussy-Mütze. Das Foto stammt aus dem visuellen Tagebuch der New Yorker Fotografin Manjari Sharma. Ihre Kollegin Irina Rozovsky antwortet voller Ironie mit dem Foto von einem unschuldigen Kätzchen, das zwischen den hochhackigen Schuhen einer Frau auf dem Rasen spielt. Doch dies sind nicht eleganten Highheels eines folgsamen, zarten Weibchens – die Strumpfhose mit dem zackigen Muster und die robusten Hacken zeugen von einer Frau, die kräftig zutreten kann.

Das iPhone feiert in diesem Jahr zehnten Geburtstag und das New Yorker Metropolitan Museum liefert eine Ausstellung mit Arbeiten, die ausschließlich mit dem Telefon kreiert wurden. Was nach langweiligem Bilder-Müll klingt, mit dem sich die Welt auf diversen Social-Media-Kanälen zuschüttet, ist eine der besten Shows der Stadt. Die Kuratorin Mia Fineman lud im vergangenen Herbst zwölf Künstler verschiedenen Alters, unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlicher künstlerischer Praxis ein, mit einem Kollegen ihrer Wahl über einen Zeitraum von fünf Monaten und über ein iCloud-Album miteinander zu kommunizieren. Fineman fasziniert, wie das iPhone die Fotografie verändert und aus den Menschen Tagebuchschreiber gemacht hat. Denn die Bilder, die sie produzieren, haben eine besondere Intimität. Es handelt sich um ein fließendes, augenblickliches, kurzlebiges Medium, das näher am gesprochenen als am geschriebenen Wort ist, so die Kuratorin. Wie häufig sie sich austauschten, war den zwölf Künstler-Duos selbst überlassen. Das Museum verpflichtete sich, die volle, in keiner Form überarbeitete Korrespondenz der Paare von insgesamt 1822 Fotos und 183 Videos auszustellen. Die Nachrichten tragen nur den Namen des Senders und das Datum.

Ein simples Konzept mit starkem Ergebnis. Das visuelle Geplauder der Paare, ob in Form von Prints, kurzen Videos und Präsentationen auf Bilderschirmen und Touchscreens oder in Büchern ist persönlich und verletzlich. Es steckt voller Humor, Wut und Poesie. Die in den USA lebende, in Nigeria geborene Malerin Njideka Akunyili Crosby tauscht sich mit der ursprünglich aus Zimbabwe stammenden Nontsikelelo Mutiti über afrikanische Stoffe aus. Die in Peking lebende Cao Fei schreibt emsig Tagebuch über ihr Leben, ihre Familie und das sich verändernde China. Der Fotograf Wu Zhang antwortet mit klassischer Street Photography aus New York.

Generation Smartphone
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Und immer wieder Trump

Einen sarkastischen Kommentar zum neuen Amerika unter Trump, gespickt mit Referenzen zur Nazi-Zeit, Bildern von Protesten und Text-Nachrichten von Freunden, liefern die New Yorker Malerin und Bildhauerin Nicole Eisenman und die Künstlerin und Aktivistin A.L. Steiner. Mit “Die Welt ist wieder flach“ wird das Foto eines gigantischen Hinterteils, das in zerrissenen Jogginghosen steckt, kommentiert. Die Brooklyner Malerin Cynthia Daignault lud ihren Kollegen Daniel Heidkamp ein, das Leben um sich herum in Bildern im quadratischen Format zu malen. Die Künstler stimmten sich dermaßen aufeinander ein, dass sich kaum noch sagen lässt, wer von beiden das Bild von der Tageszeitung nach Trumps Wahlsieg, vom Trump Tower oder dem Gallery Opening gemalt hat.

Während einige der Paare Bilder aufeinander abfeuern, führte das Experiment in manchen Fällen zu einem harmonischen Tanz. William Wegman, berühmt für seine Weimaraner-Porträts, begab sich mit dem Video- und Installationskünstler Tony Oursler auf das Parkett. Wenn Oursler ein Video von einem Konzert mit wogenden Menschenmengen postet, antwortet Wegman mit dem stillen Spiel einer menschenleeren Rolltreppe. Den perfekten Pas de deux führen die Künstlerinnen Nina Katchadourian und Lenka Clayton vor: Ein gestreiftes Shirt wird mit dem Bild eines Klaviers gekontert, auf Zahnfleisch folgt Schlachterware, auf Krücken Rollerblades. Auf in schwarzen Strümpfen steckende Beine ein abstraktes Bild von Myron Stout.

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In zwei Fällen ist der visuelle Dialog besonders beeindruckend – interessanterweise sind es Projekte, die von den Teilnehmern in altmodischer Form gedruckt wurden. Die Fotografinnen Manjari Sharma und Irina Rozovsky haben mit ihren sinnlichen, gefühlvollen Bildern ein Tagebuch über ihre Schwangerschaft, ihre wachsenden Bäuche und über das Frausein geschrieben. Ihr Experiment lassen sie mit den starken Bildern von der Geburt ihrer Kinder enden. Der Berliner Illustrator Christoph Niemann betreibt mit dem Illustratoren und Art Director des New Yorkers Nicholas Blechman geniale Zeichen-Akrobatik. Die beiden führen Zeichnungen gegenseitig fort. Sie lassen Punkte und Linien durch ihre Bilder wandern und reagieren gewitzt auf Vorlagen in Form von Fotos, Zeichnungen oder Kombinationen von beidem. So wird aus dem Berliner Fernsehturm ein Martini-Glas und der neue Tower von World Trade Center One auf dem Schreibtisch mit Stiften und einem dicken Pinsel nachgebaut.

In nur einem der zwölf Fälle riss die Kommunikation ab. Der Kunsthistoriker und Fotograf Teju Cole hatte sich mit der Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die mit ihrem Film “Citizenfour“ über Edward Snowden bekannt wurde, zusammen geschlossen. Nachdem Trump die Wahl gewonnen hatte, hörte Poitras schlagartig auf, Bilder zu posten. Cole schickte ihr Fotos von Blumensträußen, um sie zurückzugewinnen. Doch Poitras blieb sprachlos.

Rubrik Fotografie
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