Axel Hütte in Bottrop und Düsseldorf

Die Welt ohne uns

Befremdlich schön sind die menschenleeren Architekturaufnahmen und Landschaftsfotografien von Axel Hütte. Zwei Museen widmen dem Becher-Schüler nun eine geteilte Retrospektive.
Die Welt ohne uns

Axel Hütte: "Olmo/Siena, Italien", 1991

Menschen, die einfach durchs Bild laufen, haben schon so manche Aufnahme ruiniert. Den Architekturfotografen Bernd und Hilla Becher konnte das nicht passieren, weil Passanten bei ihren langen Belichtungszeiten nicht genug Spuren hinterließen, um aufs Bild zu kommen. Auch die Natur- und Stadtlandschaften des Becher-Schülers Axel Hütte (Jahrgang 1951) sind dank Belichtungszeiten von bis zu 40 Minuten in der Regel menschenleer: Kein Wanderer verliert sich über den erhabenen Nebelmeeren seiner alpinen Bilder oder zwischen den zeichenhaften Baumgerippen seiner Urwaldaufnahmen. 

Überhaupt scheint die Welt, die Hütte fotografiert, sich selbst zu genügen. Seinen Aufnahmen fehlt die klassische Aufteilung aus Vor-, Mittel- und Hintergrund, die weite Landschaften wie Karten vor uns ausbreitet und überhaupt erst als schön erscheinen lässt. Auch bei nächtlichen Stadtansichten wählt Hütte den Bildausschnitt gerne so, dass sich das Auge nur mit Mühe darin zurechtfindet. Im Extremfall klafft in der Bildmitte, wie bei Hüttes "Tokyo 1", ein riesiges schwarzes Loch und droht die Lichter und Gebäude an seinen Rändern zu verschlingen. 

Geteilte Retrospektive

In Nordrhein-Westfalen zeigen jetzt zwei Museen so etwas wie eine geteilte Axel-Hütte-Retrospektive. Das Düsseldorfer Museum Kunstpalast präsentiert unter dem Titel "Night and Day" rund 70 Großformate aus der Zeit von 1995 bis Anfang 2017, im Josef-Albers-Museum (Quadrat) in Bottrop ist das vergleichsweise unbekannte, seit Ende der siebziger Jahre entstandene Frühwerk des Fotografen zu sehen. In diesen noch schwarzweißen Aufnahmen von Hausfluren, Tiefgaragen oder öffentlichen Plätzen ging es Hütte offenbar darum, die Formensprache einer "übersehenen" Architektur zu entschlüsseln. Als Hütte auf einer Italienreise Bauwerke in der Landschaft zu fotografieren beginnt, wechselt er zur Farbe. 

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Es gehe ihm nicht um die faktische, sondern um die fotografische Wirklichkeit, hat Axel Hütte einmal gesagt. Aber anders als sein Mitschüler Andreas Gursky manipuliert Hütte seine Bilder nicht nachträglich digital, sondern ganz klassisch mit "unwirklichen" Ausschnitten, Perspektiven und Belichtungszeiten. Seine Bilder sind Projektionsflächen, eher befremdlich als schön, von einem Apparat gemacht, der nicht blinzelt und keine "Seele" in die Landschaft legt. Was wir stattdessen sehen, ist eine Welt, die uns sogar dann nicht braucht, wenn wir sie selbst geschaffen haben. Und die uns vielleicht auch gar nicht will.

Axel Hütte – Night and Day
Die Ausstellung präsentiert rund 70 großformatige Nacht- und Tagbilder des deutschen Fotografen (*1951) aus den Jahren 1995 bis 2017, darunter bislang unveröffentlichte Arbeiten aus Kanada und USA
Museum Kunstpalast ,  Düsseldorf
Axel Hütte. Frühwerk
Ausstellung zum Frühwerk des deutschen Fotografen (*1951), der als einer der wichtigsten Vertreter der Düsseldorfer Fotoschule gilt
Josef-Albers-Museum (Quadrat) ,  Bottrop