Biennale für aktuelle Fotografie

Abschied vom Abschied

Sind denn alle Fotos schon gemacht worden? Gefundene Urlaubsbilder, Polizeifotografien und gestreckte Youtube-Videos – die erste Ausgabe der Fotobiennale fahndet unter dem provokativen Titel »Farewell Photography« nach der Zukunft der Bilder.
Abschied vom Abschied

Merle Kröger und Philip Scheffner: "Havarie", 2016, Projektion, 93 min, Farbe, Ton

Das bisherige Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg heißt jetzt Biennale für aktuelle Fotografie. Die erste Ausgabe fahndet unter dem provokativen Titel "Farewell Photography" nach der Zukunft der Bilder und siehe da: Mögen sich die anderen zu Tode knipsen, ihre Datensätze teilen und das Netz mit banalem Trash überquellen lassen, Fotokünstler, die der Gegenwart und der Vergangenheit mit widerständiger Analyse begegnen, brauchen wir dringender denn je.

Abschied vom Abschied

Joachim Schmid: "Other People’s Photographs", 2008–11, 96 Bücher, je 18 × 18 cm, je 36 S. mit 32 Abb

Die heutige Bilderflut lässt nicht jeden verzweifeln. Joachim Schmid arbeitet seit über dreißig Jahren mit gefundener Fotografie. Vielleicht gelingt ihm deshalb im Mannheimer Port25 – Raum für Gegenwartskunst, einem von insgesamt acht thematische Schwerpunkte setzenden Ausstellungsräumen, der gelassenste Umgang mit digitalem Bildermüll. Für seine Arbeit "Other People's Photographs" lud Schmid zwischen 2008 und 2011 jede Menge fremde Fotografien von dem Web-Portal Flickr herunter. Er sortierte sie nach Kategorien wie Flugzeugmenü, Hotelzimmer oder Pizza und bündelte die Untergruppen zu 96 quadratischen Büchern. Das Ergebnis ist eine Enzyklopädie der global flottierenden Lieblingsmotive am Beginn des 21. Jahrhunderts, ein Exorzismus mit den Mitteln des alten Mediums Buch, der Ordnung schafft und die Lawine in sinnstiftende Bahnen lenkt. Politiker kommen in diesem Kompendium der täglichen Selbstvergewisserung nicht vor.

Polit-Kampf der Bilder

Eine entlarvende Komprimierung erfährt dafür die "Bundestagswahl" bei dem Medienkünstler Marc Lee. Die von ihm programmierte Software greift sich wahlkampfrelevante Twitter-, Youtube- und Instagram-Meldungen heraus und verdichtet sie zu einer auf dem Bildschirm in Echtzeit sich selbst reproduzierenden Live-TV-Sendung, die den Erfolg der konkurrierenden Politiker misst. Diese digitale Social-Media-Arena kommt ohne einen Mehrwert an Erkenntnissen aus. Politik kommt hier als eine nie ans Ziel gelangende Liebeswerbung daher, entlang von so ritualisierten wie sinnfreien Botschaften.

Abschied vom Abschied

 Marc Lee: "Bundestagswahl – Meinungskampf in den sozialen Medien, 2017", (Screenshot)

Wie viel Widerstand in Bildern immer noch stecken kann, untersuchen Merle Kröger & Philipp Scheffner im Heidelberger Kunstverein. Ihre auf ein Flüchtlingsboot fokussierende Sequenz "Havarie" verzichtet zunächst auf dramatische Überwältigungsmittel.Das von YouTube stammende Bild dauerte ursprünglich nur drei Minuten. Gestreckt auf 93 Minuten entwickelt es mit einem unerwarteten Schwenk auf ein Kreuzfahrtschiff und seine gaffenden Touristen eine beklemmende Atmosphäre. Zwei Welten treffen in der blauen Weite des Meeres aufeinander und statt zu handeln, bleibt es beim unverbindlichen Blickkontakt.

Ausschließlich auf analoge Bilder greift Arwed Messmer im Mannheimer ZEPHYR – Raum für Fotografie in den Reiss-Engelhorn-Museen zurück. Er hat es auf Archive abgesehen, in denen Aufnahmen von Polizeifotografen bisher keine Gefahr liefen, in den Focus der öffentlichen Betrachtung zu geraten. Gerade diese interne Perspektive des Staates auf Ereignisse wie den Linksterrorismus der 1970er-Jahre ist es, die er in dem Rechercheprojekt "RAF – No Evidence/Kein Beweis" neben die ikonischen, tief ins kollektive Gedächtnis eingegrabenen Dokumente des Terrors stellt, wie Fahndungsplakate etwa oder die Polaroids des entführten Hanns Martin Schleyer.

Abschied vom Abschied

Arwed Messmer: "Stammheim #12 1977/2016 Zelle 720 (Ensslin)", aus: "RAF – No Evidence/Kein Beweis"

Was sagen uns Aufnahmen von Tatorten, Demonstrationen und konspirativen Wohnungen über die damalige Stimmungslage unter den Regierenden? Wie sehen die Bilder aus, die sich auf einem Filmstreifen neben der berühmten Szene des auf dem Asphalt sterbenden Benno Ohnesorg befinden? Meilenweit entfernt vom klassischen Fotojournalismus stellt der Bilderarchäologe Messmer den Blick auf entwaffnend nüchterne Bildformen scharf. Dienten sie einst als Beweisstücke, wirken sie heute rückblickend wie lange zum Schweigen verurteilte Zeugen, die nicht nur einen Ausschnitt, sondern die ganze Geschichte eines Ereignissen erzählen wollen, etwa den Alltag der untergetauchten oder bereits inhaftierten Terroristen, die trotz des Tötens immer noch genug Muße fürs Musikhören und ausgiebige Revolutionslektüre fanden.

Der große Umbruch des Digitalen

Die Fotografie, wie wir sie bisher kannten, ist im irreversiblen Umbruch, so das Fazit des Chefkurators Florian Ebner, weswegen er es sich auch nicht nehmen lässt, auf den Wandel der Kameratechnik in historischen Exkursen einzugehen und auch mal die Dokumentation des Lebens in der Ferne aus dem privaten Familienalbum von Arbeitsmigranten der 1960er und 1970er Jahre ins Visier zu nehmen. Wenn schon Abschied, dann bitte im Bewusstsein des konkreten Verlusts. Seitdem das digitale Bild die Möglichkeiten grenzenloser Manipulation auf die Spitze getrieben hat, ist der Anspruch auf Wahrheit dahin. Wie steht es aber mit den retuschierenden Eingriffen, die auch schon der analogen Fotografie zur Verfügung standen? Hatten wir es über Jahrzehnte hinweg mit einer lebenden Toten zu tun? Die spätestens seit den 1990er-Jahren von Theoretikern und Kunsthistorikern ins Grab einer vergangenen Epoche entsorgt werden wollte?

Steht und fällt nicht viel eher die Lebendigkeit einer fotografischen Mitteilung mit den Absichten ihrer Erzeuger? Die einen schicken mit der Geste der demokratischen Teilhabe ihr optimiertes Abbild um die Welt und verlieren sich sogleich in der Masse der ebenfalls um Aufmerksamkeit ringenden Mitbewerber. Die anderen verweigern sich todesmutig dem Klick-Stakkato der Amateure und Nachrichtenproduzierer. Wie sie das tun, das fasst diese im Kollektiv von sechs Kuratoren überaus facetten- und abwechslungsreich konzipierte Bestandaufnahme nachdrücklich zusammen. Ihr gelingt die Apologie eines Mediums, das Künstler immer noch jenseits besinnungsloser Welterfassung zum Beschreiten neuer Wege animiert.

Abschied vom Abschied

Sven Johne: "Calais", aus der Serie "Faults between Calais and Idomeni", 2017

In der Rolle von Bildjongleuren graben sie Vergessenes, Übersehenes und Verdrängtes aus, sortieren und editieren, bis der Analytiker in uns aus dem Infoschnipselnebel erwacht. Auf dieses Korrektiv der alltäglichen Kommunikationskakophonie sollten wir nicht verzichten. Denn wer vermag schon hinter auf den ersten Blick äußerst langweiligen Bödenporträts die gegenwärtige Migrationskrise für die Nachwelt abzuspeichern? Sven Johne hat sich zunächst wie ein klassischer Reporter auf die Reise von Idomeni nach Calais gemacht, zwei von Flüchtlingen überrannte Orte. Statt Menschen fixierte er auf seiner Route Grenzanlagen, leere Kasernen, Orte von Massakern, nationalistische Denkmäler. Dass er dabei die Kamera ausschließlich auf den jeweiligen Boden richtete und die Aufnahmen zu einer abstrakten Landkarte europäischen Versagens aneinanderreihte, verschlägt dem Betrachter buchstäblich den Atem. Die politisch engagierte Fotografie lebt. Und sie tut immer noch weh.

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Rubrik Fotografie
Aktuelle Ausstellungen, Artikel zur Kunst und Geschichte der Fotografie und regelmäßige Kolumnen