Alec Soth und Peter Bialobrzeski in Hamburg

Fremde Nachbarschaft

Der US-amerikanische Fotograf Alec Soth und 
sein deutscher Kollege Peter Bialobrzeski erkunden ihre Heimatländer abseits von gängigen Routen. Die Ergebnisse sind so ungewöhnlich wie aktuell.
Fremde Nachbarschaft

Alec Soth: "Charles, Vasa, Minnesota, USA", 2002

Es gibt Orte, die findet man in keinen Reiseführern. Orte, die manchmal selbst auf der Landkarte kaum auszumachen sind. Gerade das weite US-amerikanische Kernland zwischen West- und Ostküste scheint überzogen von ihnen. Genau dort sucht Alec Soth die Quintessenz des Mythos Amerika: Größe, Weite, Freiheit.

Es ist aber nicht das romantische und oft erzählte Bild der ungezähmten Wildnis, das der 1969 geborene und im Mittleren Westen aufgewachsene Magnum-Fotograf da zeichnet. Vielmehr interes­sieren Soth die Brüche: die deso­late Hütte, in der Country-Legende Johnny Cash aufwuchs, eine alte Ma­tratze, die im mächtigen Mississippi treibt. Dieser Fotograf bildet nicht nur die ­topografischen, sondern auch die sozialen Landschaften Amerikas ab: die Menschen hinter den Gartenzäunen, in den Trailer Parks. Und gerade in den Porträts zeigt sich seine Stärke, Klischees auszusparen und zu umschiffen, indem er seine Protagonisten nicht als bloße Stellvertreter der anonymen Landbevölkerung darstellt. Vielmehr zeigt er sie häufig im pri­vaten Bereich, als Menschen mit Geschichte, Hoffnungen und Träumen.

Gefängnisse und Bordelle faszinieren mich
Alec Soth dokumentiert Sehnsüchte und Abgründe der amerikanischen Gesellschaft. Mit art sprach er über Grenzen der Fotografie, Vorbilder, Lebenskrisen und die Faszination von Gefängnissen und Bordellen

Die große Soth-Schau im Hamburger Haus der Photographie in den Deichtorhallen wird ergänzt durch eine Kabinettausstellung des Foto­grafen Peter Bialobrzeski (Jahrgang 1961). Genau wie Soth bereiste auch er sein Heimatland – in seinem Fall Deutschland –, und genau wie Soth favorisiert auch Bialobrzeski, was sich abseits der gängigen Routen befindet. Unorte – so könnte man seine Motive zwischen Hamburg und Andernach nennen: knallbunte Bratwurststände, die Dorfjugend am Rummelplatz, ­Senioren am Camping-Grill. Dabei strahlen diese Bildern kein bisschen Tristesse aus, vielmehr Zuversicht und Humor.

Soth und Bialobrzeski stehen für zwei Positionen, die nicht nur durch gemeinsame Motive und Ästhetik ­verbunden sind. In Anbetracht einer politischen Lage, in welcher das Wort "Heimat" in Deutschland zum Kampfbegriff wird und das US-amerikanische Hinterland als Synonym für erzkonservative Trump-Fans gilt, bekommen die in ihrer kargen Schönheit zeitlos wirkenden Fotografien doch etwas Aktuelles, Dringliches. Aber wenn plötzlich nichts fremder scheint als die eigene Nachbarschaft – ge­rade dann lohnt sich das genaue Hin­sehen.

Alec Soth – Gathered Leaves + Peter Bialobrzeski – Die zweite Heimat
Zu sehen sind etwa 65 Werke des US-amerikanischen Fotokünstlers Soth (*1969), parallel zeigt der deutsche Fotograf Bialobrzeski (*1961) Ergebnisse seiner Beschäftigung mit der „deutschen Befindlichkeit“
Deichtorhallen – Haus der Photographie ,  Hamburg

Alec Soth & Peter Bialobrzeski

Zu Alec Soth gibt es noch Restexemplare eines Künstlerbuchs in der Ausstellung, Preis: 65 Euro. Über Peter Bialobrzeski erscheint ein Buch bei Hartmann Books, Preis: ca. 38 Euro.

Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.