Kultfotograf Karlheinz Weinberger

Der Fotograf der Rebellion

Karlheinz Weinberger lebte in Zürich einen unauffälligen Alltag und dokumentierte in einem verborgenen Leben die Schwulen- und Jugendkultur seit den fünfziger Jahren. Seit seiner Entdeckung ist er Kult.
Der Fotograf der Rebellion

Halbstarker, fotografiert von Karlheinz Weinberger, Zürich, um 1967

Es muss ein merkwürdiges Ritual gewesen sein: Karlheinz Weinberger lud junge Männer in seine Wohnung ein. Dort zogen sie sich aus, posierten, masturbierten und wuschen sich. Er schaute ihnen zu und fotografierte sie. Bedrängt hat er sie nicht. Im Gegenteil: Einer von ihnen hat später berichtet, dass er sich in der Dachkammer wohlfühlte, weil er einfach sein konnte, wie er war. Es gab Musik und Drinks, keine Verpflichtungen, auch nicht zur guten Laune; gesellschaftliche Zwänge blieben vor der Tür. Der Fotograf war damals bereits pensioniert.

Das Klischee vom alten Spanner, der sich an den knackigen Jungs aufgeilt, liegt nahe. Ein erotisches Fluidum war sicher im Spiel. Karlheinz Weinberger war schwul und hat die Bild-Ästhetik der Schwulenbewegung in der Schweiz und ein Stück weit auch in Europa bereits Jahrzehnte vorher wesentlich mitgeprägt. Er fotografierte Männer aus männlichem Blick und publizierte sie ab 1948 in der europaweit beachteten Schwulenzeitschrift "Der Kreis". Sie wurden von einer Vereinigung bürgerlicher Schwuler herausgegeben, die sich unter dem harmlosen Label trafen. Weinberger hatte einen Banker kennengelernt, der ihn einführte.

Deckname »Jim«

Die Leser durften sich im Magazin an antiken Statuen mit Knackarsch, einem Tarzan in Tigerbadehose, an Sportlern, aber auch an einem Tankwart erfreuen. Die sexuelle Aufladung war zurückhaltend, aber eindeutig. Weinberger sagte von sich später "ich bin ein furchtbarer Ästhet" und hüllte die Männer stets in ein Fluidum ein, das ihnen ein Geheimnis gab statt banaler nackter Tatsachen. Fotografieren war für Weinberger ein Ausdruck der Neugierde, der Lust, aber auch des Respekts. Seine Fotos wurden bald zu einem Identitätsmerkmal des Magazins und prägten seinen Stil bis zur Einstellung 1967. Er publizierte sie unter dem Pseudonym "Jim". Bei einem Liederabend im "Kreis" hatte er die Ballade vom "Nigger Jim" aufgeführt. In der Vereinigung hatten alle einen Decknamen, das war Spiel und Schutz zugleich. Schwule wurden damals nicht nur in Deutschland gesetzlich verfolgt, sie wurden auch in der Schweiz von der Polizei überwacht.

Show Time für Amateure
Dicke Kaninchen oder Frauen im Sommerkostüm: Erik Kessels betreibt nicht nur eine Werbeagentur in einer ehemaligen Kirche, er wurde durch seine skurrilen Bildergeschichten aus gefundenen Fotos auch zum Star der Found-Footage-Szene

Zum Fotografieren gekommen war der 1921 geborene Weinberger über den Sex. Gleich sein erster Liebhaber schenkte ihm eine Kamera. Bei den "Naturfreunden" lernte er, Abzüge zu machen. Eine Ausbildung brauchte er nicht. Er entwickelte seinen Stil als Amateur mit sicherem Blick und enormem Gespür für sein Gegenüber. Er fotografierte auf Baustellen Arbeiter mit nackten Oberkörpern. Später auf Reisen nach Sizilien und Nordafrika auch südländische Männer, wie vor ihm Baron von Gloeden. Seine Aufnahmen variierten zwischen dem eher antiken Typ und einer einfachen Alltagserotik.

Da lag das Literaturgymnasium schon eine Weile hinter ihm, er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser oder war arbeitslos, bis er 1955 bei Siemens in Zürich eine Stelle als Lagerarbeiter fand. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung 1986. Sein Lebenswandel war denkbar unauffällig. Er wohnte im Haus seiner Eltern und fuhr an fünf Tagen in der Woche morgens zur Arbeit in Zürich-Oerlikon. Vater und Grossvater waren Spengler. Die Mutter nahm ihn mit in die Oper. Als sie starb, zog er vom ersten in den vierten Stock. Zürich blieb von wenigen kurzen Auslandsaufenthalten sein Horizont. "Ich wäre vor Langeweile gestorben, wenn ich nicht meine Kamera gehabt hätte", sagte er später dem Freund und Galeristen Patrik Schedler.

»Ohne Kamera wäre ich vor Langeweile gestorben«

Ein zufälliges Erlebnis erweiterte schlagartig seinen Horizont. An einer Strassenecke im Zürcher Arbeiterviertel sah er 1958 einen Jungen in Jeans und Stiefeln und war von dem Anblick hin und weg: ein Halbstarker, wie sie in Medien als Vertreter einer Jugendkultur aufzutauchen begannen. Man beschimpfte sie als verrucht und gefährlich, die Zürcher Polizei führte 1961 eine "Halbstarkenrazzia" durch. Weinberger fragt den Jugendlichen, ob er ihn fotografieren dürfe. Der stimmt erfreut zu und erzählt, er habe schon lange auf so eine Frage gewartet. Der um zwei Jahrzehnte Ältere kommt zwei Stunden zu spät zur Arbeit.

Weinberger hatte sein Thema entdeckt. Er folgte den Jugendlichen zu Kirchweihfesten, zum Camping und zu Touren in die Berge. Er empfand Sympathie und wahrte Distanz. "Ich habe fotografiert, ich habe mich nicht identifiziert", sagte er. Das schärfte seinen Blick. Die Schwarz-Weiss-Aufnahmen wurden zum Dokument einer der ersten Jugendkulturen nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie zeigen die Halbstarken beim Baden in voller Montur, sie feiern ihre Nietenjacken und Embleme, ihre Stiefel und Jeans, die riesigen Lätze und pompösen Gürtelschnallen mit den Namen der Idole Elvis Presley und James Dean. Und Weinberg fängt ihre Lust ein, sich zu präsentieren. Der amerikanische Underground-Filmer und Künstler John Waters, der von Weinberger mehrere Aufnahmen erwarb, brachte das auf den Punkt: "Wer zieht sich so an und will nicht fotografiert werden?" Sie waren Rebellen aus Lust am Anderssein, aus Sehnsucht nach einer Gegenwelt zur durchnormierten Gesellschaft nach dem Krieg, und sie wollten, dass man das sieht. Später dokumentierte Weinberger auch Biker und andere am Rand der Gesellschaft. Er war einer der ersten, die das Leben der Schweizer Hells Angels bis zur Hochzeit fotografieren durften.

Insgesamt 4000 Schwarzweissfotos und 10.000 Farbdias kamen am Ende zusammen. Verkaufen liessen sich die Abzüge kaum. Ausstellungen gab es wenige. Immerhin konnte Karlheinz Weinberger noch die Entdeckung seines Werks erleben. 2000, sechs Jahre vor seinem Tod, veranstaltete Das Museum für Gestaltung in Zürich eine grosse Retrospektive. Heute ist er Kult. Seine Fotografien werden hoch gehandelt, Bücher sind vergriffen, die Mode hat ihn als Inspirationsquelle ebenso entdeckt wie Fotografie und Kunst. Der Band, den der Steidl Verlag nun herausgibt, wird sehnsüchtig erwartet.

Swiss Rebels

Karlheinz Weinberger, Swiss Rebels. Hrsg. v. Esther Woerdehoff. Steidl Verlag, Göttingen 2017, 240 S., 165 Abb., 65 Euro.

Rubrik Fotografie
Aktuelle Ausstellungen, Artikel zur Kunst und Geschichte der Fotografie und regelmäßige Kolumnen