Doku über Fotograf Robert Doisneau

Ein Kuss ist ein Kuss ist ein Kuss

Ein Feuerwerk von Anekdoten ist der Dokumentarfilm über Robert Doisneau. Er besticht aber nicht nur durch seine Materialfülle. Auch ein Rätsel um das berühmteste Foto des französischen Fotografen wird gelöst.
Ein Kuss ist ein Kuss ist ein Kuss

Robert Doisneau: "Le Baiser de l'Hôtel de Ville Paris", 1950

Es gibt nicht viele Fotos, denen man es gönnt, zum postkartentauglichen Mythos erstarrt zu sein. "Le Baiser de L’Hôtel de Ville Paris" von 1950 ist so ein generationenübergreifender Hingucker. Robert Doisneau saß gerade in einem Straßencafé in der Rue de Rivoli, als ein Passant vor ihm seinen Arm um eine Frau legte und sie küssend an sich zog. Geistesgegenwärtig griff er zur Kamera, so die Schnappschuss-Legende. Den Rest erzählt jetzt das Doku-Porträt "Robert Doisneau – Das Auge von Paris".

Irgendwann konnte er dem Drängen nicht mehr ausweichen. Unzählige Liebespaare meldeten sich bei dem Fotografen, weil sie sich auf dem Bild erkannt haben wollten. Keiner von ihnen sei es gewesen, musste der Urheber schließlich eingestehen. Er habe im Auftrag des amerikanischen Magazins "Life" Schauspielschüler gezielt gecastet und sie detailliert angewiesen, die vermeintlich spontane Pose einzunehmen, weswegen es auch unterschiedliche Versionen des Motivs gibt. Zu schön, um wahr zu sein?

Eigentlich kanm man Robert Doisneau, folgt man seinem Werdegang jenseits dieses den Blick verstellenden, liebsten aller Touristenposters, keinen mangelnden Realismus vorwerfen. Immer wieder tauchte er in eine Welt der Armut ein, begleitete Résistance-Mitglieder während der Befreiungskämpfe, flanierte durch dunkle Elendsgassen der Vorstädte und gab den einfachen Freuden der kleinen Leute einen Raum, mal nostalgisch heiter, mal bedrückend hoffnungslos.

DOISNEAU trailer VOSTENG

450 000 Negative dieser über Jahrzehnte fortgesetzten Pariser Exkursionen haben sich erhalten. In der Dokumentation von Clémentine Deroudille, der Enkelin des Fotografen, wimmelt es erwartungsgemäß nicht nur von mehr oder weniger bekannten Bildern. Die Regisseurin holt unzählige Freunde und Bekannte ins Boot, ihr intimes Familienalbum-Konzept sprüht regelrecht vor Anekdoten.

Man lernt Doisneau als Hausfotografen von Renault kennen und sieht ihn am Anfang lustlos in der Werbung seinen Unterhalt verdienen. Es gibt kaum jemanden aus seinem Umfeld, der ihm nicht als Modell dient, bis sein Bekanntheitsgrad dank einfühlsamer Reportagen für Vogue, Paris Match oder Regards allmählich steigt und er zum Freund von Berühmtheiten wie Jacques Prévert, Robert Giraud, Blaise Cendrars oder Daniel Pennac avanciert. Den empathischen Ton von Deroudille wünscht man sich gelegentlich zwar etwas sachlicher, aber die chronologisch angelegte Fülle an Material wirkt sich letztlich schlicht entwaffnend aus. Was für ein Auge, was für eine Stadt!

Robert Doisneau - Das Auge von Paris

von Clémentine Deroudille, Dokumentarfilm, Frankreich 2016, 77 Minten, OmU + dt. Voice over, ab 17. August 2017 im Kino