Der Künstler Erik Kessels

Show Time für Amateure

Dicke Kaninchen oder Frauen im Sommerkostüm: Erik Kessels betreibt nicht nur eine Werbeagentur in einer ehemaligen Kirche, er wurde durch seine skurrilen Bildergeschichten aus gefundenen Fotos auch zum Star der Found-Footage-Szene
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Erik Kessels: "1999 Home Pool Clearwater", aus "In Almost Every Picture"

Zum Beispiel jener Mann, der über zwölf Jahre hinweg seine Frau fotografierte: Anfangs trachtet er danach, seine Liebe festzuhalten, ihre liebreizende Erscheinung, ihr Gesicht in Nahaufnahme, ihren Körper als Besitz zu reklamieren. Eine Serie von mehreren Hundert Amateurfotos entsteht. Mit den Jahren verschwindet die Frau mehr und mehr in der Kulisse, geht im Hintergrund auf. In ihrer Gesamtheit berühren die Aufnahmen, in der Rückschau erzählen sie eine Geschichte, in der jeder etwas anderes sehen mag: die Tragik des Alltags, des Alterns, die Banalität des Lebens an sich; Innigkeit, Zweisamkeit, Einsamkeit und am Ende landen die Fotos in einer Wühlkiste auf dem Flohmarkt.

So etwas interessiert Erik Kessels. Was ihn langweilt: eine so perfekte wie humorlose zeitgenössische akademische Fotografie, die sich thematisch und ästhetisch an der Gemäldetradition orientiert und diese imitiert. Kessels fotografiert fast nie selbst, er spielt mit Fotografie, bedient sich der Bilder anderer, Bilder von Namenlosen, meist aus der Hand von Fotoamateuren. Kessels baut Bilder zu Geschichten, die sich lesen wie ein Roman, eine Biografie, ein Nekrolog. In seinem unabhängigen Kunstbuchverlag Kessels-Kramer Publishing druckt er Titel in kleinen Auflagen, 25 bis 2500 Exemplare pro Buch, einige Titel sind vergriffen.

Klischees sind dazu da, bedient zu werden

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Erik Kessels ist Profi, er verdient sein Geld mit Werbung.

Erik Kessels, 48, wirkt wie seine Stadt, Amsterdam: offen und entspannt. Er ist umtriebig, geschäftstüchtig, kreativ, unterhaltsam und sagt gescheite Sachen. Am Ende des Interviews meint er: "Oh, wir hätten auch auf Deutsch reden können. Ich spreche fließend Deutsch. I just wanted to check your English." Er ist Profi, verdient sein Geld mit Werbung. Seine Agentur betreibt er in einer ehemaligen Kirche. Man könnte ihm das als Attitüde anlasten, doch Erik Kessels erscheint als uneitler, unprätentiöser, wacher Sachverständiger für schräge Lebenslagen.

Die Agentur Kessels-Kramer, 1995 gemeinsam mit Johan Kramer gegründet, zählt zu den bekanntesten in den Niederlanden und verfügt über Filialen in Los Angeles und London. Die Kampagnen sind in holländischer Manier ausgezeichnet gestaltet, unverschämt originell und von rüschenloser Ehrlichkeit. Aus einem schlechten Hotel in Amsterdam, dem ersten Kunden der Agentur, wurde "the worst hotel in the world". Klischees sind dazu da, dass man sie bedient: Eine Horde raufender und Bäume ausreißender frühzeitlicher Germanen stürmt eine Waldschänke, verharrt wie domestiziert vor dem Tresen und bestaunt, als wäre es der Heilige Gral, mit leuchtenden Augen – ein Glas Bavaria Beer.

Kommerz oder Kunst – Warum nicht beides?

Kunst oder Kommerz? Kessels sagt: Kunst und Kommerz. Er kann beides, grübelt nicht, macht einfach. In der Kunstszene sind seine Fotoarrangements beliebt, er wird zu Fotofestivals in Arles, New York, Leipzig eingeladen; Museen zeigen seine Arbeiten. Mit einer seiner ersten Ausstellungen mit dem Titel "Loving your pictures" bespielte er 2006 im ehrwürdigen Utrechter Centraal Museum gleich neun Räume.

Aus beinahe alltäglichen Bildern Kunst schaffen – dafür braucht man nicht nur den Blick für ein besonderes Motiv, es bedarf auch einer originellen Präsentation. "Meine Fotobücher haben in der Regel das Format eines Romans. Diese Maße eignen sich hervorragend, um eine Geschichte ohne Worte zu erzählen." Der Betrachter ist eingeladen, sich auf die Bilderserien zuerst allein einen Reim zu machen, ein erläuternder Text steht am Ende des Buchs.

Knapp daneben ist auch vorbei
Finger auf Kameralinsen, absurd platzierte Geländer sowie eine Menge zufälliger Schnappschüsse, bei denen doch genau im richtigen Moment der Auslöser gedrückt wurde. Das Buch »Fast Pefrekt« zeigt das Potenzial unserer Fehler

Wie ergeht es dem Werber in den ernsten Kreisen der Kunst? "Anfangs fürchtete ich, dass die Kunstpresse nur darüber schreiben würde, wie exotisch es sei, dass ein Werber auf Künstler mache." Tatsächlich hatten und haben die Kollegen aus der Werbung ein Problem mit Kessels Ausflügen ins vorgeblich Abseitige. Erik Kessels sagt, er könne und wolle nicht anders. "Ich bin physisch und in meinem Kopf ständig von Bildern umgeben. Wir leben in einer Art Renaissance. Künstler machen ihr eigenes Grafikdesign, ihre eigenen Bücher. Es gab noch nie so viele unabhängige Buchhandlungen. Es ist ein wenig wie mit Vinylplatten: Das Haptische gibt die Wertigkeit zurück."

Weil das Internet Kunst und Fotografie radikal demokratisiert habe, sei entscheidend, wer mit neuen Ideen vorangehe. Kessels vergräbt sich nicht in seiner Arbeit, verschanzt sich nicht hinter seiner Kunst oder lugt eifersüchtig auf das, was andere machen. Austausch ist wichtig, etwa mit seinem Landsmann Erik van der Weijde oder dem Schweizer Erik Steinbrecher: "Wir drei Eriks haben uns über lange Zeit Fotos von Tischen gemailt, an denen wir uns endlich bald mal treffen werden. Ein Buch haben wir jetzt gemacht, aber zu dritt getroffen noch nicht." Die Arbeiten von Akteuren der Found-Footage-Foto-Szene – Hans-Peter Feldmann, Christian Boltanski, Peter Piller etwa – verfolgte Kessels schon als Jugendlicher. "Mit einigen arbeite ich heute projektbezogen zusammen; mit Joachim Schmidt kuratiere ich gemeinsam."

Dicke Kaninchen, Frauen im Sonntagskostüm

Auf den ersten Blick gibt es wenig, was Kessels Found-Footage-Fotos zu einen scheint: ein schwarzes Etwas mit spitzen Ohren vor rotem Backstein; eine mittelalte Amerikanerin im vollendet gebügelten Sonntagskostüm, klatschnass im Pool posierend, ein dickes Kaninchen mit Waffel auf dem Kopf. Die Bilder amüsieren, aber das Amüsement geht nicht zu Lasten der Protagonisten. Kessels kluge Auswahl stellt nicht bloß, sie legt offen, was uns allen gemein ist: unser Ringen um Aufmerksamkeit, unser Mühen, der Vergänglichkeit ein Schnippchen zu schlagen und die Vergeblichkeit allen Mühens und Ringens.

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Erik Kessels, aus "In Almost Every Picture"

Die Personen auf den Fotos sind zwar anonym, aber es sind echte Menschen mit einer Adresse und einer Telefonnummer. Auf die Bilder von der Frau im Pool stieß Erik Kessels im Internet. "Der Mann hat über Jahre hinweg seine Frau immer im Wasser fotografiert. Ich habe mit dem Paar gemailt und ihnen später eine Ausgabe des Buchs mit ihren Bildern geschickt. Der Mann hat daraufhin ein Foto von seiner Frau und dem Buch im Wasser gemacht. Sie haben detailliert beschrieben, wie sehr sie den Nachmittag mit dem Buch im Wasser genossen haben."

Die Faszination des Banalen

Noch das banalste Foto kann zur Ikone werden. Erik Kessels war elf Jahre alt war, als seine um zwei Jahre jüngere Schwester vor der Haustür von einem Auto überfahren wurde. Das letzte Foto zeigte das Mädchen in einer Aufnahme aus einem Freizeitpark in Deutschland – eines der Bilder, die man beim Verlassen des Parks kaufen kann. Die Eltern machten den Fotografen ausfindig, baten ihn das Bild zu vergrößern, die Farben zu bearbeiten und das Bild rund um die Tochter zu beschneiden. "Dieses Foto hing gerahmt bei uns zu Hause. Es war sehr wichtig geworden für meine Eltern."

Eine Fotoaufnahme kann einen der glücklichsten Momente im Leben festhalten, ohne dass es den Protagonisten bewusst ist. Die ganze Geschichte, sagt Kessels, manchmal auch das Resümee des Scheiterns, lasse sich erst im Rückblick erzählen. "Ein Schnappschuss wird zur Kunst durch die Geschichte, die er erzählt": Das, sagt Kessels, gelte für Flohmarktfunde genauso wie für die Bilder aus einem Fleischereiprospekt. Kessels zeigt neben reinen Amateuraufnahmen fokussierte Bildsammelsurien, etwa Motive von Fotografen, die mit der Fotografie zwar ihr Geld verdienen, doch namenlos bleiben. Gebrauchsfotografie aus Flyern und Sachbüchern, die – aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen – zu Kunst wird.

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Die auf Flickr innerhalb von 24 Stunden hochgeladenen Bilder druckte Erik Kessels einfach aus: "24Hrs Of Photos"

"Es ist interessant, wie Menschen plötzlich anders auf Bilder blicken, nachdem ich sie neu zusammengestellt habe", sagt Kessels. "Heute konsumieren wir tausende Bilder am Tag, aber wir schauen sie nicht mehr wirklich an." Die Halbwertszeit eines Bildes habe sich in den letzten Jahren dramatisch geändert. Eine Fotografie werde nur noch schnell im Netz geteilt, sie werde nur noch sehr selten für einen längeren Zeitraum bewundert. "Fotografien sind heute wie schnelles Essen.", sagt Kessels, der im Rahmen seiner Installationen "24hrs in photos" immer wieder die Flickr-Bilder eines Tages durch den Drucker jagt, die Bilderflut haptisch begreifbar macht, mit den Ausdrucken Museumsräume flutet.

Manchmal, wie für die Kessels-Schau "Small Universe", die zuerst beim französischen Fotofestival in Arles gezeigt wurde, kuratiert Kessels auch die Werke von anerkannten Fotokünstlern. Künstler wohlgemerkt, "die auf eine bestimmte Art Amateure geblieben sind", wie Kessels es nennt. Die besten Künstler seien jene, die sich in einer Welt der "Bessermacher" den unverschämten Mut zu einem blinden Fleck auf der Linse bewahrt haben.

Erik Kessels & Friends
Der niederländische Künstler (*1966) tritt auch als Werber, Kurator und Sammler in Erscheinung. Die Ausstellung ist seine erste umfangreiche Retrospektive
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