Fotografien von Roger Ballen

Schrecklich schön

Die Fotos, Filme und Installationen von Roger Ballen sind schön und schrecklich zugleich, verstörend und manchmal irrsinnig komisch. Auch vor ungewöhnlichen Kooperationen schreckt der in Südafrika lebende US-Amerikaner nicht zurück.
Schrecklich schön

Roger Ballen: "Puppy Between Feet", 1999

Nach zwei Stunden, in denen er seine ganz eigene Sicht auf die Welt, den Menschen und die Kunst erklärt hat, in denen er die Intelligenz von Ratten gelobt, die Schönheit einer Schleiereule gepriesen und den Großteil der zeitgenössischen Kunst als substanzlos abgetan hat, weil sie das Unbewusste nicht herausfordere, gesteht Roger Ballen, dass er keine Ahnung habe, wovon er eigentlich rede.

"Die Terminologie, die ich benutze, ist total verwirrend. Man kann ja nicht sagen: Dies ist bewusst, dies unbewusst. Ich weiß überhaupt nicht, wo es sitzt, das Unbewusste", sagt der US-Amerikaner, der seit mehr als 30 Jahren in Südafrika lebt, und zuckt mit den Schultern. Ballen ist ein Künstler, der sich damit beschäftigt, dass er, dass wir alle im Grunde nichts wissen: über das, was wir Realität nennen, und über das, was tief in unserem Inneren passiert. Warum wir hier sind und welchen Sinn das alles haben soll. Seine Werke – Schwarzweißfotografien, Filme und Installationen – sind verstörend. Sie sind zuweilen beängstigend und zugleich oft irrsinnig komisch. Sie erinnern uns daran, dass das Menschsein an sich eine Absurdität sondergleichen ist.

Wir stehen in einem alten, prachtvoll ausgestatteten Herrenhaus, dem Museum für Jagd und Natur (Musée de la chasse et de la nature) in Paris, wo Ballen gerade eine Gemeinschaftsinstallation mit dem niederländischen Künstler Hans Lemmen aufbaut und gleichzeitig darüber philosophiert, dass er sich diese Situation womöglich nur einbilde. "Vielleicht ist das alles nur eine Illusion in meinem Kopf. Und vielleicht hat es die drei Milliarden Jahre Evolution, von denen ich ausgehe, niemals gegeben." Es ist ein Ort, der perfekt zu Ballens Werk passt, weil er wunderschön und schrecklich zugleich ist. Überall sieht man Tiere: Wildschweine, Hirsche, Tiger, Falken, einen Polarbären. Einige hängen als Trophäen an den Wänden. Andere sind eingerahmt von antiken Vitrinen, in denen kunstvoll verzierte Jagdwaffen einen grausamen Kommentar abzugeben scheinen. Die Kombination ergibt Sinn, bewirkt jedoch auch eine gewisse Beklemmung. Diese großartigen Tierkörper sind hier, weil Menschen die Tiere getötet haben.

Ballen ist studierter Soziologe, 1982 ließ er sich in Südafrika nieder.

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Großmeister des Absurden: Roger Ballen mit ausgestopfter Katze

"Das ist die Realität der Geschichte", sagt Ballen. "Zur Zeit der Römer hat der Mensch das Aussterben zahlreicher Tierarten in Nordafrika verursacht." Im Römischen Reich waren Tierhetzen eine große Attraktion. Nicht nur aus Afrika wurden zahllose wilde Tiere nach Rom geschafft. "Die Technologie des Gewehrs", so Ballen, "ist stärker als die Natur. Es ist kein Problem der Kultur, es ist ein Problem der Spezies Mensch", sagt er und schaut dabei ernst, aber abgeklärt. "Wir alle sind Teil dieses Schlamassels. Ich saß gestern im Flugzeug von Johannesburg nach Paris. Ich trage Kleidung, die von Tieren stammt. Ich verursache eine Schweinerei, so aufgeklärt wie ich bin." Und wenn man nun nicht fliegt und vegan lebt? "Wir können uns selbst belügen, indem wir diese ganzen politischen Parolen übernehmen, kein Fleisch essen und so weiter. Wir kommen da nicht raus. Es gibt keinen Ausweg. Egal, was wir tun, wir können die Psyche der Spezies nicht ändern."

Ballen, 1950 in New York geboren, ist ein Mann, der schon vieles gesehen hat. 1973, nach dem frühen Tod seiner Mutter, einer Magnum-Redakteurin, die ihn mit wichtigen Fotografen wie Paul Strand und André Kertész bekannt gemacht hatte, bereiste er fünf Jahre lang die Welt, meistens per Anhalter. Zuvor hatte er Psychologie in Berkeley studiert. 1981 machte er in Colorado den Doktor in Geologie und ließ sich schließlich 1982 mit seiner südafrikanischen Frau in Johannesburg nieder, um als Geologe nach Bodenschätzen zu suchen – zu einer Zeit, als dort die Apartheid herrschte. "Ich fand, es war eine interessante Kombination aus Erster und Dritter Welt", erzählt Ballen. "Außerdem hatte ich mich von Amerika längst entfremdet."

Das Establishment des Apartheidstaats war über Ballens Fotos empört

Durch seinen Beruf kam er an seltsame, abgelegene Orte, die er fotografierte: verfallene Dörfer, Straßen, Hütten. Eines Tages im Jahr 1983 in einem Ort namens Hopetown beschloss er, durch eine der schäbigen Türen zu gehen. "Ich weiß noch, wie ich da anklopfte und ein Mann aufmachte und fragte: ›Was willst du? Und ich sagte: ›Ich bin Roger.‹ Und er: ›Komm rein, trink einen Tee mit mir!‹" Und ich erinnere mich an die Kabel, die an den Wänden hingen, und machte ein Foto in seinem Schlafzimmer mit diesen Kabeln, und ich wusste: Das ist mehr als nur ein Dokument für mich", erzählt der Künstler und schaut konzentriert in die Ferne.

In den kommenden Jahren galt seine Aufmerksamkeit den Menschen, die an diesen trostlosen Orten oftmals regelrecht dahinvegetierten. Statt draußen fotografierte er nun drinnen. Der Bildband Platteland, der 1994 erschien, war ein Schock und ist es noch: Er zeigt arme, verwahrloste Menschen mit fleckiger Kleidung und struppigen Haaren, viele davon mit verwirrtem Blick. Außenseiter in jeder Hinsicht. Das Skandalöse daran: Alle diese Menschen sind weiß.

Das Establishment des Apartheidstaats war empört, denn nach "Herrenrasse" sahen die Porträtierten nun wirklich nicht aus. Zum Beispiel Dresie und Casie, ein Zwillingspaar, das Ballen 1993 im Norden des Landes fotografiert hat: ein Bild, das einen fassungslos macht, weil die zwei Männer darauf alle Kategorien sprengen. Sie wirken so sonderbar wie Wesen von einem anderen Stern, sind auf eine Weise präsent, die geradezu hyperreal erscheint. "Damals hieß es: Du machst dich über Weiße lustig", erinnert sich Ballen. "Aber dieses Foto ist immer noch ein sehr starkes Bild, weil es das Unbewusste anspricht, etwas, das mit der menschlichen Genetik zu tun hat, mit Archetypen. Da geht es nicht darum, dass das arme Weiße in Südafrika sind. Selbst ein Chinese, der noch nie von Südafrika gehört hat, ist von diesem Bild unmittelbar betroffen."

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Roger Ballen: "Head Below Wires" aus der Serie: "Outland", 1999

Mindestens genauso wie die Menschen, die Ballen traf, fesselte ihn die Ästhetik der Orte, an denen er sie fand. Die nackten Kabel und Kleiderbügel, die an den kahlen, fleckigen Wänden hingen, die Fratzen, die manche von ihnen auf Mauern gezeichnet hatten. Ballen nahm diese Elemente, nahm die Menschen, die zahllosen Ratten und Insekten, nahm Tierskelette und Puppen und fertigte mit ihnen absurde Szenarien, die sich mit den Jahren immer stärker von der Realität entfernten. Sofern ein Foto überhaupt jemals etwas mit Realität zu tun hat.

2012 machte Ballen einen Ausflug in die Popkultur: Die südafrikanische Hip-Hop-Band Die Antwoord ließ sich von ihm ein Video zu ihrem Song "I Fink U Freeky" kreieren – eine schnell geschnittene Abfolge enigmatischer Bilder ohne nachvollziehbare Handlung, aber mit mächtiger, düsterer Suggestivkraft. Seither entstand eine Reihe von Filmen wie Asylum of the Birds, dessen Schauplatz eine schauderhafte Bruchbude ist, in der Menschen und Tiere zusammenleben. Ein schmutziger, wilder Ort, der ein ähnliches Grauen auslöst wie der Dachboden in Hitchcocks Die Vögel: voller Tauben und siecher Männer. Da sitzt ein Kind im Käfig; es gibt Schweine, Skelette und ein Huhn, das mit abgeschlagenem Kopf durch die Gegend flattert. Ballen hat die Baracke entdeckt und dann in seinem Sinne verändert. Nie weiß man genau, was Fakt, was Fiktion ist – ein weiterer Aspekt, der den Betrachter verunsichert.

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Tiere sind eine der Konstanten in diesen Bildern: Hasen, Ziegen, Gänse, Eidechsen. Er besitze einen Hund, erzählt Ballen, und 50 Ratten in seinem Büro. In Hörweite zu seinem Haus in Johannesburg befinde sich ein Zoo mit 13 Löwen. Welche Tiere er am liebsten mag? "Ich mag sie alle", sagt er und lässt den Blick liebevoll durch die Museumsräume mit ihren Schmucktapeten und golden gerahmten Gemälden schweifen. Immer wieder zeigt er auf einen Fuchs, der eingerollt auf einem Louis-XVI-Stuhl liegt, auf eine Antilope, eine Hirschkuh. "Das Tier ist komplizierter als jedes Kunstwerk. Meine Hand ist komplizierter als jedes Kunstwerk. Das Gleiche gilt für Bäume und Steine. Natur ist tiefgründiger als alles andere, und dieses Museum ist wunderschön. Hier sieht man Dinge, die Substanz haben. In welchem zeitgenössischen Museum benutzt man heute noch den Ausdruck ›wunderschön‹? Oder ›profund‹? Man sagt vielleicht ›cool‹ oder ›oh wow‹. An den meisten zeitgenössischen Arbeiten gibt es nichts zu verstehen, das ist das Problem", empört sich Ballen. "Man kann alles kompliziert erscheinen lassen und aus dem Unwichtigsten eine große Sache machen, aber dann verfehlt man das Ziel. Unser Job als Künstler ist es, profunde Aussagen zu machen. Aussagen, die sich in der Seele festsetzen. Kunst sollte archetypisch sein und eine fundamentale Beziehung zur menschlichen Existenz haben. Stattdessen vermischt sie sich mit Mode, Design, Business", schimpft Ballen und macht einen angewiderten Gesichtsausdruck.

»Sicherheit gibt es an solchen Orten nicht.«

Menschen kommen in seinen Arbeiten inzwischen nur noch selten vor, und wenn, dann meist in Fragmenten, als Arm oder Hand – was nicht heißt, dass Ballen mit seinen früheren Modellen nichts mehr zu tun hätte. "Den ganzen Tag schicken sie mir SMS", erzählt der Künstler und zeigt auf sein Smartphone. "Roger, wann kommst du wieder? Roger, ruf mich an. Roger dies, Roger das. Ich halte Kontakt zu ihnen, einige von ihnen sind meine besten Freunde." Freunde, die noch nie in einer Galerie oder einem Museum gewesen seien. Die an Orten leben, die die meisten Menschen nie betreten würden, weil sie schlichtweg viel zu gefährlich sind. Eine Waffe habe er bei seinen Ausflügen nie dabei, erzählt Ballen, während wir an einer weiteren Vitrine voller Gewehre mit Elfenbein-Intarsien vorbeigehen. "Waffen bringen nur Ärger. Am Ende erschießt du noch jemanden und landest im Gefängnis. Du musst selbstsicher sein und wissen, wie du mit den Leuten umgehen musst. Wenn du das nicht kannst, solltest du nicht dort sein. Ich arbeite auch nicht mit einem Tiger, wenn ich nicht weiß, wie ich ihn unter Kontrolle halten kann. Sicherheit gibt es an solchen Orten nicht."

Schrecklich schön

Roger Ballen: "Spiky", aus der Serie "The Theatre of Apparitions", 2007

Ballen begreift seine Werke, zu denen zunehmend ganze Rauminstallationen gehören, als eine Art Tagebücher. Sie seien Ausflüge in seine eigene Psyche, erklärt er, immer tiefer grabe er sich in sein Unbewusstes hinein. Was er zutage fördert, ist nicht nur grausam, es kann auch sehr lustige Elemente haben, wie in dem Animationsfilm "Theatre of Apparitions", einem seiner jüngsten Werke, in dem Ballen von Geistern heimgesucht wird, die umeinander herumwirbeln, sich gegenseitig penetrieren, jagen, in Stücke reißen. Es ist zum Lachen. Es ist zum Heulen.

Wir sind in dem Raum angelangt, in dem Ballen und Hans Lemmen ihre Ausstellung aufbauen. Auf dem Boden liegen ausgestopfte Tiere aus dem Museumsfundus, Gipsmasken der Künstler, abgeformte Hände. Einfach nur seine Fotos aufzuhängen finde er mittlerweile langweilig, sagt Ballen. Beim Fotofestival im französischen Arles hat er ab Juli ein ganzes Haus für seine eigenwilligen Fantasien zur Verfügung. "Was meinst du, Roger, soll ich hier noch einen Puma hinzeichnen?", ruft Lemmen, der zuvor schon diverse Wildtiere an die düster gestrichenen Wände zwischen Ballens Fratzen gekritzelt hat. Ballen ist einverstanden. Dann hebt er einen ausgestopften Luchs vom Boden auf, streicht ihm zärtlich über das Fell und sieht einen Moment lang sehr zufrieden aus

Ausstellungen von Roger Ballen

  • Städtische Museen – Kunstsammlung Jena: "Roger Ballen. Ballenesque – a Retrospective", bis 13. August 2017.
  • Arles, Maison de Peintres: "Roger Ballen – The House of the Ballenesque", 3. Juli bis 24. September 2017.
Rubrik Fotografie
Aktuelle Ausstellungen, Artikel zur Kunst und Geschichte der Fotografie und regelmäßige Kolumnen