Kunst vs. Besucher

Das passt!

Stefan Draschan ist Jäger und Sammler. Seine Beute? Flüchtige Momente, in denen Museumsbesucher und Kunst auf eindrucksvolle Weise zusammenkommen. Seine Waffe? Die Kamera. Das Ergebnis? Der Blog "People matching Artworks". Ein Interview über die Kleidung asiatischer Touristinnen, Caravaggio und überwältigende Kunstmomente.
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Stefan Draschan, aus der Serie "People matching artworks"

art: Eine Studie besagt, dass Menschen im Museum durchschnittlich elf Sekunden vor einem Exponat verbringen. Was ist Ihre Erfahrung und wie ist es bei Ihnen?

Stefan Draschan: Die Ergebnisse der Studie muss ich leider bestätigen. Ich selbst bleibe Im Museum vor gewissen Caravaggios bis zu 30 Minuten stehen, beispielsweise vor "Maria mit dem Rosenkranz" im Kunsthistorischen Museum in Wien oder vor "Le sette opere di Misericordia" in Pio Monte della Misericordia in Neapel – sie entspannen meine Augen und meine Seele.

Auch wenn ich Werken von Bronzino, Antonello da Messina, Lorenzo Lotto, Gerard ter Borch oder Vermeer über den Weg laufe, verbringe ich dort mehr Zeit als vor anderen Gemälden. Das ist fast schon zur Gesetzmäßigkeit geworden.

Wann entstand das erste Bild für ihre Serie und zu welchem Zeitpunkt haben Sie sich dazu entschieden, Ihre Aufnahmen in einem Blog zu präsentieren?

Das erste Bild war ein Georges-Braque-Match im Jahr 2014. Ich habe es in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg aufgenommen. Vor diesem Werk hatte ich – nach einem Erlebnis in den Florenzer Uffizien – den zweiten und bis dato letzten vollkommen überwältigenden Kunstmoment meiner Laufbahn, eine Art Stendhal-Effekt. Danach passierte ein halbes Jahr überhaupt nichts. In der Glyptothek in München wurde, aufgrund der Fülle der Fotografien die dort entstanden sind, klar, dass daraus eine Serie werden muss.

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Für seinen Blog "People matching artworks" fotografiert Stefan Draschan seit 2015

Betrachtet man die große Anzahl der erfolgreich eingefangenen Matches, sieht es so aus, als würden Sie sehr viel Zeit im Museum verbringen. Wie sieht ein durchschnittlicher Tag auf der Jagd nach passenden Motiven aus?

Ich begrüße die Garderobiere, dann die Dame vom Audioguide–Schalter und quatsche ein wenig mit den Aufsehern. Es ist wie in meinem Lieblingshotel einzuchecken. Dann ziehe ich meine Bahnen durch die Ausstellung.

Entstehen Ihre Bilder spontan? Sind es wirklich zufällige Begegnungen oder übernehmen Sie bei der Suche nach Motiven einen aktiven Part?    

Die Bilder im Museum habe ich im Kopf, daher kann ich schon bei Betreten des Eingangsbereiches sagen, ob jemand Kleidung trägt, die mit einem der Werke im Museum harmonieren könnte. Ich positioniere mich dann vor dem entsprechenden Exponat und warte einfach. Manchmal fotografiere ich Menschen allerdings auch, weil sie mir gerade besonders interessant erscheinen.

Zu welchen Anlässen betreten Sie Museen ohne Kamera?

Ich bin Fotograf. Die Kamera ist immer dabei.

Heute trage ich Kandinsky
Auf Ariel Adkins selbst kreierten Outfits tümmeln sich van Goghs Sonnenblumen, Kandinskys geometrische Formen oder Action Painting Motive im Stil von Jackson Pollock. Sind ihre Stücke fertig, macht sie sich auf den Weg zu den Originalen

Sie fangen Momente ein, in denen zwei grundlegend unterschiedliche Dinge als visuelle Komponenten zu einem Ganzen verschmelzen. Was fasziniert Sie an diesen Augenblicken?

In meiner Serie "People matching artworks" geht um Gestaltungsmittel in der Kunst, die unser Denken und Sehen beeinflussen und Auswirkungen auf unser Handeln haben. Erscheinungen, beispielsweise die Beschaffenheit von Texturen im Licht oder unterschiedlich bearbeitete Textilien, haben Einfluss auf unsere Empfindungen und auf unsere Wahrnehmung. Auch wenn den teils skurrilen Übereinstimmungen ein gewisser unfreiwilliger Humor innewohnt, sind die Resultate meiner Arbeit mit grundlegenden Fragestellungen verbunden. Um es mit einem Begriff des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung zu sagen: Unser kollektives Unbewusstes wird durch Kunst angesprochen und geformt. Die scheinbar augenfälligen Übereinstimmungen in den Bildern meiner Serie sind für mich das Ergebnis langer und ausdauernder Jagden und Beobachtungen. Während meiner Arbeit entsteht jede Fotografie als Teil einer Serie. Durch die konsequente Verfolgung dieses Prinzips formen sich erst bestimmte Aussagen, jedes Bild bekommt dadurch eine größere Tragweite. Ein einzelnes Bild könnte das überhaupt nicht leisten. Vielleicht ist es mit dem Verliebtsein so ähnlich: Man freut sich einfach wenn Zwei gut zusammenpassen.

Wie reagieren die Besucher, wenn sie bemerken, dass Sie bei der Betrachtung der Bilder abgelichtet werden?

Ab und an kommt es natürlich vor, dass die Leute meine Schritte oder das Klicken der Spiegelreflexkamera hören. Manchmal werde ich auch von deren Begleitung entdeckt. Ich fotografiere dann ganz ruhig weiter, sodass der Eindruck entsteht, ich hätte die Befugnis dazu. In wenigen Fällen finde ich die Leute auch so reizend, dass ich ihnen die Fotos zeigte. Sie freuen sich dann jedesmal.

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Stefan Draschan, aus der Serie "People matching artworks"

Ein großer Teil Ihrer Bilder entsteht in Berliner Museen, zum Beispiel in der Nationalgalerie oder im Hamburger Bahnhof. Gibt es Museen oder Kunstrichtungen, die für Sie erfolgversprechender sind als andere?

Die Jahreskarte der Staatlichen Museen zu Berlin ist eine der besten Sachen, die es gibt. Ich mag es, mich bei jedem Besuch für ein anderes Museum zu entscheiden, ich liebe die Abwechslung und freue mich über jede neue Hängung oder Ausstellung. In der Wahl des Museums variiere ich gerne und versuche, alle Berliner Museen regelmäßig zu besuchen. Für mich sind Museen in denen Renaissancekunst hängt, eine tolle Kulisse für meine Fotografien. Die Komplexität der Bilder erschwert mir ein Stück weit die Arbeit. Es wird zu einer besonderen Herausforderung.

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Sie haben schon in verschiedenen Ländern fotografiert. Haben sich kulturelle Unterschiede auf ihren Bildern bemerkbar gemacht?

Vor nicht langer Zeit, war ich im Archäologischen Museum in Heraklion auf Kreta. Es ist frappierend, wie gut die Kleidung asiatischer Touristinnen mit minoischen Fresken harmoniert. Im Herbst werde ich im Rahmen eines Stipendiums in der Cité des Arts sein und ein paar Monate in Pariser Museen arbeiten. Aufgrund des seriellen Charakters meiner Arbeit, kommt Material zustande, anhand dessen sich oft überraschenderweise auch soziologische Einblicke ergeben.

Wie würden Sie Ihren Blog charakterisieren: Ist es ein Projekt über Kunst, über Menschen oder über Fotografie?

Die bildende Kunst im digitalen Zeitalter verbreitet sich nicht nur auf neuen Wegen, sondern scheint auch neue Rezeptionsformen zu generieren und einzufordern. Ist der Blog das neue Museum? Ein demokratischer Zugang zur Kunst? Inhaltlich gesehen, möchte ich den Blick auf den Menschen und den Blick auf die Kunst zusammenführen – und das im Medium der Fotografie.

Rubrik Fotografie
Aktuelle Ausstellungen, Artikel zur Kunst und Geschichte der Fotografie und regelmäßige Kolumnen