Fotografien von Michel Houellebecq

Seelenloses Europa

"French Bashing" lautet der vielversprechende Titel einer Ausstellung von Michel Houellebecq. Die Fotos des französischen Skandalautoren zeigen Freude als Fiktion und ein trauriges bis hoffnungsloses Europa
Seelenloses Europa

Michel Houellebecq: "France #017", 2016

Michel Houellebecqs erste Ausstellung in New York fing damit an, dass er die Journalisten sitzen ließ. Geplant war eine Diskussionsrunde mit dem kontroversen französischen Autoren von Romanen wie "Unterwerfung" und "Die Elementarteilchen", der in letzter Zeit vor allem mit lustvollen Untergangsszenarien, Altmännerphantasien und Islam-Hass von sich Reden machte.

Die Veranstaltung sollte im französischen Konsulat als Auftakt zu der Ausstellung stattfinden. Aber Houellebecq ließ sich nicht blicken. Ein Mitarbeiter der Galerie Venus Over Manhattan, wo Houellebecq unter dem vielversprechenden Titel "French Bashing" seine Fotos zeigt, ließ den Autoren entschuldigen. Aus der Prügelei wurde also erst mal nichts.

Die Bilder aus seinem Heimatland, die Houellebecq in der Galerie installiert hatte, brauchten allerdings auch keine weitere Erklärung. In einem dunklen Raum präsentierte der Franzose Fotos von urbanen Landschaften, von tristen Vororten und Betonsiedlungen, die in die Natur gesetzt wurden. Von Bahngleisen, Industrievierteln und einem grauen Parklatz vor grauem Himmel, auf dem ein trostloses Europa-Zeichen aus Beton steht. Das Foto hat Houellebecq in Calais aufgenommen – Jahre bevor die Flüchtlingskrise die Welt traf.

Seelenloses Europa

Selbstmord-Zitat aus dem Buch "Unterwerfung": Blick in die Ausstellung "Michel Houellebecq: French Bashing"

Einige der Bilder ergänzte der Schriftsteller mit Sätzen aus seinen Gedichten und Romanen. "I had no more reason to kill myself than most of these people did", steht da. Das Selbstmord-Zitat stammt aus dem Buch "Unterwerfung". Die urbane Tristesse paarte Houellebecq mit kitschigen Postkartenmotiven von St. Tropez oder Port-la-Nouvell, die ein Frankreich der Touristen und schrillen Konsumfreude vorführen. Ihm würde es darum gehen, das wirkliche Land, das längst zerstört wurde, zu zeigen – und zu demonstrieren, dass der Rest Frankreichs reine Fiktion und nicht mehr als eine Kreation für Touristen sei, meinte Houellebecq. Europa ist für den Franzosen ein trauriger, hoffnungsloser, seiner Seele beraubter Ort. Man fragt sich, wie die Bilder aussehen würden, mit denen Houellebecq die USA beschreiben würde.

 

Sex, Tristesse und Hunde
Michel Houellebecq gehört zu den erfolgreichsten und umstrittensten Autoren, im Pariser Palais de Tokyo bespielt er mit seinen Visionen erstmals ein großes Museum. Die Großinstallation aus Videos und Fotografien behandelt Themen seines literarischen Universums

Fotos schießt der 61-jährige Schriftsteller bereits seit jungen Jahren, 2016 hatte er seine erste Solo-Ausstellung im Pariser Palais de Tokyo. Seine Bilder setzen nicht nur inhaltlich bei der nihilistischen Weltdeutung seiner Romane an, sondern dienen als weiteres künstlerisches Mittel. Fotos von Menschen würde er nicht machen, weil er es bevorzugt, sie mit Hilfe der Literatur zu beschreiben. Landschaften würde er selten in seinen Büchern beschreiben, weil Fotos einen besseren Job erledigen, so Houellebecq. "Beide teilen die Sehnsucht, die Wahrheit zu sagen."

Michel Houellebecq: French Bashing

Die Ausstellung läuft noch bis zum 4. August 2017 bei Venus in New York