Ausstellung von Andreas Mühe in Hamburg

Besessen vom Deutschsein

Ob geschniegelte Faschisten, Kanzlerin Merkel oder blutige Jagdbeute – Andreas Mühe fotografiert seine Motive stets im gleichen pathetischen Stil. So glorifizierte deutsche Klischees ziehen sich auch durch die aktuelle Ausstellung des Schauspielersohnes. Und die findet art-Autor Till Briegleb einfach nur zum Ko...

Es gibt von Banksy das Gemälde eines Nazis auf einer Bank, der über die herbstliche Landschaft auf eine majestätische Bergkulisse blickt. Dieses Bild ist im Essig-und-Öl-Stil von billigen Wohnzimmerschinken gemalt und trägt den Titel "The Banality of the Banality of Evil" – Die Banalität der Banalität des Bösen, ein Verweis auf Hannah Arendts berühmtes Essay über den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Von Andreas Mühe gibt es eine Fotoserie mit dem Titel "Obersalzberg", auf der man maximal effektvoll ausgeleuchtet und technisch perfektioniert mit Nazi-Uniformen verkleidete Figuren sieht, die einsam durch den Schnee stapfen, in Feldherrengeste die idyllische Fernsicht genießen oder in Jubelpose auf einem Kamm im dramatischen Gegenlicht posieren. Diese Arbeiten tragen Titel wie "SS-Mann am Scharitzkehl" oder "Der General".

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Strecken Teaser

Wenn man Banksys Herangehensweise an die NS-Ikonografie offen und frech findet, dabei durchaus in skeptischer Manier mit den Motiven intellektueller Gemeinplätze umgehend, und Andreas Mühes Inszenierungen zum Kotzen, dann setzt man sich natürlich sofort dem Verdacht aus, moralinsauer unreflektiert einen subtilen kritischen Ansatz verkannt zu haben. Denn selbstverständlich ist Andreas Mühe, der Sohn des Schauspielers Ulrich Mühe und bekannter Prominentenfotograf, kein Rechtsradikaler und seine pathetische Verbesserung von NS-Kitsch im Anspruch gearbeitet, irgendetwas Tiefgründiges damit auszusagen. Ansonsten hätte er auch nicht der Hoffotograf von Angela Merkel werden können, der die Kanzlerin ebenso romantisch porträtiert wie seine geschniegelten Faschisten.

Aus der heroischen Form der Inszenierung spricht das gleiche fade Motiv

Aber in der großen Ausstellung von Mühe in den Hamburger Deichtorhallen wird einem das romantische Konzept der Subtilität, das dort unter dem Titel "Pathos als Distanz" als besonders clevere Form von Hellsichtigkeit präsentiert wird, von Bild zu Bild unangenehmer. Denn was Mühe in all seinen Motiven stereotyp betont, ist das glorifizierte deutsche Klischee. Ob er Motive von Caspar David Friedrich auf Rügen nachstellt und monumental aufzieht oder aufgeschlitzte Jagdbeute wie eine Trophäensammlung ausleuchtet, ob er die serielle Monotonie der Datschen von DDR-Politgrößen in Wandlitz zeigt oder Weihnachten bei Bushido und reichen West-Berlinern, ob er den Superhengst Totilas im Stile historischer Pferdemalerei vor schwarzem Hintergrund ablichtet oder Thilo Sarrazin in Pantoffeln versonnen in die unberührte Schneelandschaft vor seinem Büro blicken lässt – aus der heroischen Form dieser Inszenierung spricht eigentlich immer das gleiche fade Motiv: eine geradezu manische Besessenheit vom Deutschsein, die unfähig ist, unterschiedliche Bildinhalte auch unterschiedlich zu kommentieren.

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Superhengst Totilas im Stile historischer Pferdemalerei vor schwarzem Hintergund. Andreas Mühe: "Totilas II", 2013

Das wird besonders unappetitlich in einem Triptychon mit Titel "Wald" aus der Serie "Deutscher Wald", in der eine Gruppe Flüchtlinge mit ihren Habseligkeiten hintereinander auf einem Pfad läuft. Auch diese Bildgeschichte ist dramatisch ausgeleuchtet, so als schiene auf diese Angstkolonne mitten in der Nacht ein himmlisches Licht, das ihnen den Weg weist. Und betrachtet wird diese Szene durch den Schlitz eines Jagdhochstands, der in der Ausstellung als Objekt auch aufgebaut ist, verbrannt und verkohlt wie nach einer typisch deutschen Katastrophe.

Till Briegleb
Till Briegleb ist Autor, Musiker und Kritiker. Er schreibt regelmäßig für art und das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Auf art-magazin.de erscheint seine Kolumne »Sofort wieder abreißen!« – eine Beweisführung zur ästhetischen Ignoranz der Gegenwartsarchitektur.

Warum dieses Opfermotiv exakt die gleiche pathetische Ästhetik braucht wie die Porträts von Friede Springer mit Prinz Harry, Mette Marit und Charlene von Monaco, oder das darüber platzierte mannsgroße Schauporträt eines idealblond gescheitelten SS-Mannes, erschließt sich nur, wenn man unterstellt, es gäbe einen kerndeutschen Geist, der unser Volk dazu bringt, eigentlich alles durch dieselbe Brille größtmöglicher Erhabenheit zu betrachten. In Beleuchtung transzendierter Wille zur Großanstrengung sozusagen, eine Art Goebbelsche Erbsünde, der wir uns endlich zu stellen haben. Und zwar völlig unabhängig davon, ob wir bei Hitler, Honecker oder Kohl sozialisiert wurden.

Die Faszination des Fotografen für das, was er zu kritisieren vorgibt

Doch selbst wenn man diese etwas stupide Behauptung von Andreas Mühes perfekter Bildsprache als den kritischen Ansatz nimmt, erklärt das noch nicht ganz die Manie, mit der er in der Serie "Prora" junge Männer im Stile Leni Riefenstahls, aber gekleidet in die reichsdeutschen Farben Schwarz-Weiß-Rot "Sport" machen lässt, Helmut Kohl fotografiert, als wäre er Teil eines deutschen Präsidentenfelsens, und auch ansonsten zweifelhafte Prominente idealisiert abbildet, als sei er der Rembrandt mit der Kamera.

Besessen vom Deutschsein

Der Fotograf Andreas Mühe

Was aus dieser Häufung und ungebrochenen Anwendung des pathetischen Stils auf alle Motive vielmehr spricht als eine herrschaftskritische Provokation – wie sie etwa die Gruppe "Neue Slowenische Kunst" mit ihrem musikalischen Arm "Laibach" oder die uniformierten Brüllchöre in den Theaterstücken von Einar Schleef gewagt haben –, ist eine Faszination des Fotografen für das, was er zu kritisieren vorgibt – Pathos, der ihn selbst überwältigt hat. Andreas Mühe ist ganz offensichtlich geil auf idealisierte Macht und Männlichkeit, auf störungsfreie Realitätsverengung und den romantischen Ausschluss von Leid aus dem Bildinhalt.

Und deswegen lernt man in dieser Ausstellung auch nichts über die Doppelbödigkeit von Macht und das Echo der Konsequenz ihrer Handlungen. Man sieht hier nur, wie ein vermeintlicher Akteur zum Erfüllungsgehilfen seines Bildkitsches wird. Und das darf man dann bitte auch mal zum Kotzen finden.

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