Ausstellung zu Irving Penn

Meister mit Klasse

100 Jahre wäre Irving Penn in diesem Jahr geworden. Seine Karriere dauerte fast 70 Jahre – davon können heutige Fotografen nur träumen. Der Meister der akribischen Komposition schuf eindrückliche Porträts, Stillleben und bahnbrechende Modeaufnahmen. Das Metropolitan Museum nahm den Jahrestag zum Anlass, um dem 2009, im Alter von 92 Jahren gestorbenen Meister eine Retrospektive zu widmen.
Meister mit Klasse

42 Jahre, bis zum Tod seiner Frau, war Penn mit dem Model Lisa Fonssagrives verheiratet. Irving Penn: "Rochas Mermaid Dress (Lisa Fonssagrives-Penn)", Paris, 1950, Platinum-Abzug, 1980, 50,5 × 50,2 cm, The Metropolitan Museum of Art, New York

Trends kamen und gingen, das Verständnis für Mode veränderte sich. Irving Penns Bilder-Welt ließ sich davon nicht erschüttern und dass, obwohl der New Yorker mehr als 50 Jahre lang für die Vogue, die Trend-Bibel in der Mode, fotografierte. So besticht das Gesamtwerk des Fotografen, für den es keinen Unterschied machte, ob er Models, Prominente oder Stammeskrieger in Neuguinea vor seiner Linse hatte, mit einer bestechend klaren, direkten Bildsprache, einem klassischen, minimalistischen Stil und einem bis auf das letzte Detail durchdachten Bildaufbau.

Penn kreierte Momente des absoluten Stillstands. Die Menschen in seinen Bildern sind nicht in Bewegung, sie sind wie Statuen in ihren Posen eingefroren. Das ist die Magie von Penns Fotos und der Grund, warum das Mädchen des afrikanischen Dahomey-Stammes so elegant wie das überirdisch schöne Fotomodel aussieht.

Die Beständigkeit von Penns Lebenswerk spiegelt sich in seiner Arbeitsweise wider. Penn fotografierte in seinem Atelier vor einem simplen weiß-grauen Hintergrund. Sein Lieblings-Hintergrund war ein alter Vorhang aus einem Pariser Theater, der mit verschwommenen, grauen Wolken bemalt war. Der Vorhang reiste 60 Jahre lang von Studio zu Studio, wo berühmte Aufnahmen von Persönlichkeiten entstanden wie das Porträt von Marcel Duchamp, den Penn in eines seiner beengend spitz zulaufenden Sets stellte, Salvador Dali, Marlene Dietrich oder Alfred Hitchcock, der auf einer mit einem Vorhang behangenen Box hockt. Oder die kontrastreichen, intensiven Porträtaufnahmen von Berühmtheiten wie Truman Capote und Picasso.

Es war Penn, der die Platinum-Technik in der Fotografie wieder populär machte.

Der 1917 in New Jersey geborene Penn hatte ursprünglich Malerei, Zeichnung, Graphik und Industriedesign in Philadelphia studiert. Er war ein Meister der akribischen Komposition, der nichts auf seinen Bildern dem Zufall überließ und auch in der Dunkelkammer die absolute Kontrolle über seine Bilder hatte. Penn wollte "die Glätte des Bildes durchbrechen", wie der Fotograf in einem Notizbuch schrieb. Damit meinte er das industriell gefertigte Fotopapier mit seiner glatten Oberfläche und die glänzenden Seiten der Magazine, für die er arbeitete. In den sechziger Jahren brachte sich Penn die alte Methode, Platinum-Abzüge herzustellen selbst bei. Für die Abzüge werden Chemikalien per Hand mit einem Pinsel in handgeschöpftes Papier eingearbeitet, was den Bildern eine besondere Tiefe verleiht und feinste Grauabstufungen ermöglicht. Es war Penn, der die Platinum-Technik in der Fotografie wieder populär machte.

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Penns Karriere begann Ende der dreißiger Jahre als unbezahlter Assistent bei Harper’s Bazaar, das damals als das innovativste unter den Modemagazinen galt. Er arbeitete bei Harper’s für einen seiner Lehrer, der einflussreiche Fotograf und Art Director Alexey Brodovitch. Nachdem der junge Penn sein Studium abgeschlossen hatte, zog er nach New York, wo er als freiberuflicher Designer und Illustrator arbeitete. Damals kaufte er sich seine erste Kamera, eine Rolleiflex, und fotografierte die Fassaden von Läden und Schilder. 1940 zog Penn nach Mexiko, um zu malen. Als er 1943 zurückkehrte, bekam er einen Job als Assistent von Alexander Liberman, der einflussreiche Art Director der Vogue. Penns erster Job war es, die Cover-Produktionen zu betreuen. Er fertigte Zeichnungen von seinen Ideen an, aber die Vogue-Fotografen, darunter Edward Steichen, zeigten kein Interesse daran, nach Penns Vorlagen zu arbeiten. Also setzte er seine Ideen auf Vorschlag Libermans selbst im Atelier um. Penns erstes Cover-Foto, ein Stillleben von Mode-Accessoires, wurde im Oktober 1943 veröffentlicht – damit begann seine fotografische Karriere, während der Penn mehr als 150 Cover für die Vogue fotografierte.

Das neue Image das extravaganten Starfotografen und Lebemannes lag Irving Penn nicht

Penns Verständnis von Modefotografie war, die Essenz eines Kleidungsstückes herauszuarbeiten. Er konzentrierte sich auf den Verlauf der Linien, auf Struktur, Verarbeitung und Form. Die damalige Mode mit Designern wie Dior und Balenciaga mit ihren fast skulpturalen Kreationen stellten die perfekten Motive für Penn dar, der mit seinem modernen, grafischen Stil und einem Cover für Vogue 1950 die Modefotografie revolutionierte: Das extrem kontrastreiche Bild eines Models in Christian Dior war schwarz-weiß – ein Novum, denn das Magazin hatte 1932 auf Farbfotografie umgestellt.

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Zu den wilden sechzigern und siebziger Jahren schien Penn, der absolute Klassiker, keine Verbindung zu fühlen. Richard Avedon setzte seine Models dynamisch in Szene, was mehr Ausdruck des Zeitgefühls war. Und auch das neue Image das extravaganten Starfotografen und Lebemannes lag Penn nicht. 42 Jahre, bis zum Tod seiner Frau, war Penn mit dem früheren Top-Model Lisa Fonssagrives verheiratet. In den 40er und 50er Jahren stand Fonssagrives für berühmte Fotos von Penn Modell. Wie ihr Mann widmete sie sich in späteren Jahren der Kunst und wurde Bildhauerin.

Irving Penn – Centennial
150 Fotografien des US-Amerikaners (1917–2009) zeigen einen umfassenden Überblick über sein Oeuvre, von Mode- und Porträtfotografie bis zu den Stilleben späterer Jahre
The Metropolitan Museum of Art ,  New York

Ein persönliches Projekt aus den Jahren 1949 und 1950, für das Penn die nackten, voluminösen Körper von Frauen fotografierte, die für Maler Modell standen, und die erst 1980 zum ersten Mal in der Öffentlichkeit gezeigt wurden, wirken wie ein Angriff auf die perfekte, künstlich stilisierte Modewelt. In den 70er Jahren sammelte Penn Zigarettenstummel auf New Yorks Straßen ein, um sie zu fotografieren. Seine Bilder reagierten auf eine Zeit, die vom Vietnam-Krieg erschüttert war. Auf ein bankrottes New York, das mit Kriminalität kämpfte, auf die Arbeit von Künstlern wie Claes Oldenburg, Robert Rauschenberg oder Philip Guston, deren Kunst von der Straße kam. Und auf eine vergangene Ära, in der Rauchen gesellschaftlich dazugehörte. Penns Mentor Brodovitch, der selten ohne Zigarette anzutreffen war, starb an Krebs.

Der Katalog

Meister mit Klasse

Cover des Irving-Penn-Bandes

In späteren Jahren fing Penn wieder an zu malen und widmete sich vor allem seinen Stillleben, mit denen er seine fotografische Karriere begonnen hatte. Penn hat Fotografien als Glückseligkeit beschrieben, schreibt die Kuratorin Maria Morris Hambourg im Ausstellungskatalog. "Penn gab sich der Heiligkeit seines Unterfangens hingebungsvoll hin. Um etwas zurückzunehmen, das oberflächlich, isoliert und kurzweilig in der Welt war, machte er eine Kunst, die tiefgründig und von Dauer war

Die Deutsche Ausgabe der Jubiläums-Bildbandes erschient bei Schirmer/Mosel. Herausgegeben von Jeff L. Rosenheim und Maria Morris Hambourg. Mit Texten von Maria Morris Hambourg, Jeff L. Rosenheim, Alexandra Dennett, Philippe Garner, Adam Kirsch, Harald E. L. Prins und Vasilios Zatse. 372 Seiten, über 300 Abbildungen. Format: 25,4 x 30,5 cm, gebunden.